Technologie

Europa zapft Rechenzentren an, um Häuser und Büros zu heizen

Die ausufernden Energiepreise haben Projekten, welche die Restwärme von Rechenzentren nutzen, Auftrieb gegeben. Mehrere Tech-Konzerne haben Initiativen angekündigt.
08.01.2023 11:00
Lesezeit: 2 min
Europa zapft Rechenzentren an, um Häuser und Büros zu heizen
Ein Rechnerraum des digitales Infrastruktur-Unternehmens Equinix in Frankfurt am Main. (Foto: dpa)

Nach jahrelangen Diskussionen über die Nutzung von Restwärme, die von riesigen Rechenzentren erzeugt wird, werden jetzt immer mehr solche Projekte Realität in Europa. Angesichts der Energiekrise suchen Regierungen in verschiedenen Ländern nach Möglichkeiten, Strom, der beim Scrollen in den sozialen Medien, bei Telefonkonferenzen oder beim Videostreaming verbraucht wird, zum Heizen von Wohnungen und Büros zu nutzen.

Rechenzentren haben in den letzten Jahren einen enormen Anstieg an Nutzerzahlen verzeichnet. Dies hat dazu geführt, das europäische Beamte darauf drängen, die von den Computerchips erzeugte überschüssige Wärme in kommunale Wärmenetze zu leiten. Immer mehr solcher Projekte werden jetzt in Europa umgesetzt - beispielsweise in Dänemark, Finnland, den Niederlanden und auch in Deutschland.

Finanzielle Anreize für Tech-Unternehmen

Höhere Energiepreise infolge der Sanktionen gegen russische Energieprodukte haben den finanziellen Anreiz für Technologie-Firmen erhöht, in Systeme zum Verkauf überschüssiger Wärme zu investieren.

Dem Wall Street Journal zufolge hatten im Jahr 2022 Amazon, Apple und Microsoft begonnen, große Rechenzentren an Fernwärmesysteme anzuschließen oder hatten entsprechende Pläne angekündigt. Google prüft aktuell Möglichkeiten zur Wärmerückgewinnung in seinen Rechenzentren in Europa in den Niederlanden, Dänemark, Finnland und Belgien.

„Plötzlich ist der ‚business case‘ für ein Wärmenetz, das mit Restwärme betrieben wird, viel interessanter als noch vor ein paar Jahren“, so Stijn Grove, Geschäftsführer der niederländischen Data Center Association. Andere Rechenzentren-Betreiber versorgen Netze in Nordeuropa mit Wärme, darunter Equinix, dass ein Fernwärmeprojekt in Helsinki ausbaut und an neuen Projekten in Deutschland arbeitet. Equinix-Standorte in Deutschland befinden sich in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt und München.

Öffentlicher Druck

Auch öffentlicher Druck zur Steigerung der Energieeffizienz von Rechenzentren hat, nach Aussagen von Führungskräften in der Branche, eine wichtige Rolle gespielt, wie das Wall Street Journal berichtet. Die Europäische Union (EU) befindet sich in der Endphase von Verhandlungen über eine neue Energieeffizienzrichtlinie. Nach den jüngsten Entwürfen würde diese die Betreiber von Rechenzentren verpflichten, Machbarkeitsstudien zur Nutzung überschüssiger Wärme für Häuser, Wohnungen und Büros durchzuführen.

Eine Studie im Jahr 2020, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, schätzte, dass Rechenzentren etwa ein Prozent des globalen Stromverbrauchs ausmachen. Dieser Wert sei trotz der explosionsartigen Zunahme von Cloud-Diensten in den letzten Jahren mehr oder weniger konstant geblieben ist, so die Wall Street Journal. Die EU hingegen spricht davon, dass der Wert in einigen Ländern aufgrund der verstärkten Nutzung etwa drei Prozent oder mehr beträgt.

Lesen Sie dazu: Autos und Flugzeuge stehen am Pranger – vom ausufernden Ressourcenverbrauch des Digital-Zeitalters spricht niemand

Der Digitalverband Bitkom warnte kürzlich vor einer Abwanderung zahlreicher Rechenzentren aus Deutschland. Grund dafür seien unrealistische Vorgaben bei regierungsinternen Vorbereitungen für ein Energieeffizienzgesetz, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Mit Vorgaben, wie sie im Referentenentwurf des Wirtschaftsministeriums vorgesehen seien, würden sich die Auflagen für Rechenzentren massiv verschärfen. Sie würden dadurch aus Deutschland vertrieben, warnte Berg.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

DWN
Politik
Politik EU-Rohstoffpolitik: Europäischer Rechnungshof sieht strukturelle Schwächen
22.02.2026

Die EU will mit ihrer Rohstoffpolitik die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern, doch der Europäische Rechnungshof sieht deutliche...

DWN
Politik
Politik World Leaders Ranking: Indiens Premier Modi bleibt beliebtester Staatschef – wo steht Merz?
22.02.2026

Die aktuellen Ranglisten zur Zustimmung für Staats- und Regierungschefs offenbaren spürbare Verschiebungen im globalen Machtgefüge....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Der Ukraine-Krieg und Deutschlands Rohstoff-Dilemma: Abhängigkeit statt Versorgungssicherheit
22.02.2026

Der Ukraine-Krieg hat nicht nur Europas Sicherheitsordnung erschüttert, sondern auch Deutschlands wirtschaftliches Fundament offengelegt....

DWN
Finanzen
Finanzen Amundi verringert Dollar-Exponierung: Europa im Zentrum der Anlagestrategie
22.02.2026

Amundi reduziert gezielt Dollar-Engagements und richtet seine Portfolios stärker auf Europa und Schwellenmärkte aus. Signalisiert dieser...

DWN
Politik
Politik Sanktionslücke bei Düngemitteln: Russlands Rüstungsindustrie profitiert
22.02.2026

Eine Sanktionsausnahme für Düngemittel verschafft Russlands Rüstungsindustrie Zugang zu zentralen Vorprodukten für Munition, obwohl...

DWN
Politik
Politik Washington Post unter Druck: Welche Rolle spielt Jeff Bezos für die Pressefreiheit?
22.02.2026

Die Washington Post steht exemplarisch für den wachsenden Druck auf die Pressefreiheit in den USA. Gerät die publizistische...

DWN
Politik
Politik Das Ländle wählt: Wohin steuert das Autoland Baden-Württemberg?
22.02.2026

Am 8. März entscheidet sich, welche Wirtschaftspolitik im Südwesten künftig gelten soll. Die Konzepte der Parteien reichen von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue Ära im Welthandel: Bain-Chef sieht strukturellen Umbruch
21.02.2026

Geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche erzwingen eine strategische Neuausrichtung in der Weltwirtschaft. Wie lässt sich...