Finanzen

Federal Reserve setzt Bilanzabbau unerbittlich fort

Woche um Woche verringert die Federal Reserve ihre Bilanz. Das Ausmaß und das Tempo sind historisch. Doch der bisherige Erfolg der Notenbank ist in Gefahr.
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10.09.2023 11:42
Aktualisiert: 10.09.2023 11:42
Lesezeit: 4 min

Die Federal Reserve hat die Quantitative Straffung (QT) im August mit hoher Geschwindigkeit fortgesetzt. Ihre Bilanzsumme sank um weitere 105 Milliarden Dollar, seit dem Höhepunkt im April 2022 ist dies ein Rückgang um 864 Milliarden Dollar. Mit nunmehr 8,1 Billionen Dollar liegt die Bilanzsumme der Fed jetzt auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2021, wie aus den am Donnerstag veröffentlichten wöchentlichen Daten der Fed hervorgeht.

Wenn die Fed den Bilanzabbau in diesem Tempo fortsetzt, wird ihre Bilanzsumme noch im Oktober unter die Marke von 8 Billionen Dollar fallen. Allein seit der Bankenpanik im März hat die Fed ihre Aktiva um 632 Milliarden reduziert. Denn im Anschluss an die kurze Panik im März hat die Fed ihren straffen Kurs unerbittlich fortgesetzt und fährt nun zudem ihre Notfall-Maßnahmen zur Unterstützung der Banken wieder zurück.

Der Bilanzabbau seit dem letzten Jahr kann nur als historisch bezeichnet werden. Innerhalb von nur 16 Monaten hat die Fed (trotz Unterbrechung durch die Bankenkrise) Wertpapiere im Umfang von 864 Milliarden Dollar aus ihrer Bilanz abgebaut. Zum Vergleich führt der Analyst Wolf Richter den letzten Bilanzabbau zwischen November 2017 und August 2019 an, als die Bilanz der Fed nur um 688 Milliarden Dollar zurückging.

Sicherlich hatte die Fed niemals zuvor einen so großen Bestand an Wertpapieren aufgebaut wie in der Folge der Corona-Pandemie, sodass sie nun auch mehr Papiere in der Bilanz hat, die sie wieder abstoßen kann. Doch das Tempo, das die Fed nun vorlegt, ist viel höher als in der Vergangenheit. Und die Notenbank hat noch einen weiten Weg vor sich, da die Inflation - anders als 2017 bis 2019 - heute deutlich über den Ziel der Fed liegt.

Fed-Bilanzabbau im Eiltempo

Im August hat die Fed Staatsanleihen im Umfang von 59,5 Milliarden Dollar abgebaut. Ihr Bestand an diesen Papieren ist vom Höchststand im Juni 2022 bereits um 783 Milliarden Dollar auf knapp unter 5 Billionen Dollar zurückgegangen. Das ist der niedrigste Stand seit April 2021. Die Fed hat bereits 24 Prozent der während der Corona-Pandemie gekauften Staatsanleihen (3,27 Billionen Dollar) wieder abgestoßen.

In der Folge ist das Gewicht der Fed auf dem Markt für Staatsanleihen weiter zurückgegangen, auch weil die Verschuldung der US-Regierung wegen starker Neuemissionen von Staatsanleihen zur Finanzierung der Defizitausgaben auf 32,9 Billionen Dollar angestiegen ist. Der Anteil der Fed an den gesamten im Umlauf befindlichen Staatsanleihen ist in der Folge auf 15,2 Prozent gesunken.

Auch den Abbau ihrer Bestände an hypothekarisch gesicherte Wertpapieren (MBS) hat die Fed im August weiter fortgesetzt. Der Abbau um weitere 19 Milliarden Dollar bringt ihre Bestände auf 2,50 Billionen Dollar. Das ist der niedrigste Stand seit Oktober 2021. Die Fed hält nur staatlich besicherte MBS, bei denen der Steuerzahler das Kreditrisiko trägt.

Diese Papiere verschwinden aus der Bilanz, wenn die entsprechenden Hypotheken abbezahlt werden und wenn Hypothekenzahlungen geleistet werden. Der Anstieg der Zinsen hat dazu geführt, dass weniger Hypotheken abbezahlt werden, weil die Hausverkäufe eingebrochen sind und die Refinanzierungen zusammengebrochen sind. Der MBS-Abfluss lag daher zuletzt "nur" zwischen 15 und 21 Milliarden Dollar pro Monat.

Bankenkrise in den USA scheint überwunden

Das Bank Term Funding Program (BTFP), das als Reaktion auf die Bankenpanik im März geschaffen wurde, versorgt die Banken mit relativ günstigen Krediten. Die Laufzeit beträgt bis zu einem Jahr, der Zinssatz ist an den einjährigen Overnight-Index-Swapsatz plus 10 Basispunkte gekoppelt. Und die Sicherheiten können zum Einkaufspreis (nicht zum in der Regel niedrigeren Marktpreis) bewertet werden.

Zwar sind diese Krediten an die Banken im August um 2,2 Milliarden Dollar auf nunmehr 108 Milliarden Dollar gestiegen. Doch die Summe dieser Kredite, die sich die Banken bei der Fed geliehen haben, ist "winzig" im Vergleich zu den 22,8 Billionen Dollar an Aktiva, die von den 4.100 Geschäftsbanken in den USA gehalten werden, wie Wolf Richter bemerkt.

Die Kredite der Federal Reserve an die staatliche Einlagensicherung FDIC sind im August um 14 Milliarden Dollar auf nunmehr 134 Milliarden Dollar zurückgegangen. Denn die FDIC hat Vermögenswerte verkauft, die sie bei der Übernahme der Silicon Valley Bank, der Signature Bank und der First Republic übernommen hatte. Sie hat damit begonnen, ihre MBS-Bestände in einem ziemlich gleichmäßigen Tempo an den Markt zu verkaufen.

Anfang der Woche gab die Einlagensicherung bekannt, dass sie mit dem Verkauf eines 33 Milliarden Dollar schweren Gewerbeimmobilien-Kreditportfolios beginnt, das sie von der Signature Bank übernommen hat. Fast die Hälfte dieser Darlehen ist durch mietstabilisierte oder mietkontrollierte Mehrfamilienhäuser in New York besichert. Wenn die FDIC den Erlös aus dem Verkauf der Vermögenswerte an die Fed weiterleitet, sinkt der Kreditsaldo.

Washington droht Erfolge der Fed zunichte zu machen

Wenn die Fed ihre Bestände an Staatsanleihen abbaut, dann muss sich das US-Finanzministerium bei der Schuldenaufnahme stärker auf den privaten Sektor verlassen. Bisher haben Geldmarktfonds und andere Käufer die vielen Anleihen gerne angenommen, die Washington wegen seines erhöhten Finanzierungsbedarfs auf den Markt geworfen hat. Denn Staatsanleihen bringen längst wieder nennenswerte Zinsen.

"Der Schuldenabbau der Fed verlief bisher relativ schmerzlos", zitiert Bloomberg Blake Gwinn, den Leiter der US-Zinsstrategie bei der Investmentbank RBC Capital Markets. "Wir haben einfach keine großen Auswirkungen des QT auf dem Markt gesehen", sagte er und bezog sich dabei auf die Quantitative Straffung, den Begriff für die Bilanzverkürzung einer Notenbank.

Zum Vergleich: Im Jahr 2019 gerieten die US-Geldmärkte während der ersten Runde des QT-Programms der Fed in Aufruhr. Damals endete das Programm damit, dass die Bankreserven aufgebraucht wurden, was zu einer Verknappung führte, von der Fed-Chef Jerome Powell in einer Kongressanhörung im Juni zugab, dass sie die Entscheidungsträger überrumpelt hat.

Gwinn betont, dass die Bankreserven in den letzten Monaten weitgehend stabil geblieben sind. Stattdessen hat sich die Straffung auf das Reverse-Repurchase-Programm (RRP) der Fed ausgewirkt, wo Geldmarktfonds gewöhnlich einen Teil ihrer liquiden Mittel parken. Das RRP-Konto beläuft sich derzeit auf nur etwa 1,6 Billionen Dollar, das ist etwa die Hälfte der Bankreserven. Im Dezember letzten Jahres hatte es einen Höchststand von 2,6 Billionen Dollar erreicht.

Entscheidend für den Markt wird sein, wie viel Schulden das US-Finanzministerium aufnimmt, um seinen wachsenden Finanzierungsbedarf zu bewältigen, der durch ein wachsendes Haushaltsdefizit angetrieben wird. Hochverzinsliche Kurzläufer waren in letzter Zeit sehr gefragt, aber das Finanzministerium verkauft auch vermehrt Wertpapiere mit längeren Laufzeiten.

Das Finanzministerium hat im August damit begonnen, zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren den Umfang seiner Anleiheauktionen zu erhöhen. Gwinn prognostiziert einen ähnlichen Schritt im November und einen weiteren, wenn auch etwas geringeren, im Februar. "Wie das Finanzministerium versucht, den Verlust der Fed [als Anleihekäufer] auszugleichen, ist auch eine wichtige Komponente, um zu messen, wie sich QT auf die Märkte auswirkt", sagte er.

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