Finanzen

Euro-Dollar Wechselkurs: Zurück zur Parität?

Der Euro ist in einer Schwächephase und nähert sich wieder der Parität zum US-Dollar. Das liegt nicht zuletzt an den katastrophalen Wirtschaftsaussichten im Euroraum. Wie sind die langfristigen Prognosen für den Euro und welche Folgen hat das aktuelle Währungsumfeld für Europa?
27.10.2023 11:03
Aktualisiert: 27.10.2023 11:03
Lesezeit: 5 min
Euro-Dollar Wechselkurs: Zurück zur Parität?
Der Euro schwächelt, der US-Dollar hat wieder Rückenwind. (Foto: iStock.com/Lari Bat) Foto: Lari Bat

Der Euro steckt wieder in einer kleinen Krise. Letztes Jahr sorgten die Erwartungen einer schweren Energiekrise dafür, dass der Wechselkurs der europäischen Gemeinschaftswährung zum US-Dollar unter Parität sank. Zudem machte die damals hohe Zinsdifferenz eine Anlage im Dollarraum attraktiver, sodass viel Kapital aus dem Euroraum abfloss.

Ende 2022 begann dann eine kontinuierliche Aufwärtsbewegung, die in der Spitze bei 1,12 endete. Seitdem geht es jedoch abwärts und nähert sich wieder dem Kurs 1:1. Aktuell bekommt man für einen Euro 1,055 Dollar.

Der Hauptgrund für den gegenwärtigen Negativtrend dürfte die fast schon katastrophale Wirtschaftsdynamik im Euroraum sein, während die USA weiterhin überraschend robust wachsen. Deutschland steckt in einer Rezession, das BIP wird dieses Jahr wahrscheinlich um 0,5 Prozent schrumpfen – kein anderes Industrieland schneidet schlechter ab. Insbesondere die Industrie befindet sich einem desolaten Zustand.

Die jüngsten Zahlen bei den Einkaufsmanagerindizes zeigen, dass die Wirtschaftstätigkeit in der Eurozone im Oktober so stark gesunken ist wie seit November 2020 nicht mehr. Für den gesamten Euroraum prognostiziert der internationale Währungsfonds (IWF) ein enttäuschendes Wachstum von nur 0,7 Prozent. Europas Wirtschaft hängt erheblich von der deutschen (Export-)Wirtschaft ab, die Wachstumsmotor für den Euroraum ist. Die momentanen Deindustrialisierungs-Tendenzen in Deutschland wirken sich negativ auf den ganzen Kontinent aus.

Außerdem sind Investoren besorgt über das unerwartet hohe Haushaltsdefizit des – zumindest vor Deutschlands Abstieg – größten Sorgekinds Italien. Der wichtige „Spread“, die Renditedifferenz zwischen 10-jährigen Staatsanleihen Italiens (Rendite: 4,88 Prozent) und Deutschlands (Rendite: 2,85 Prozent), überschritt zuletzt die Schlüsselmarke von 2 Prozent. All diese Faktoren könnten dazu beitragen, dass Europas Notenbank ihre restriktive Geldpolitik früher aufgeben muss als die amerikanische Federal Reserve (Fed).

„Am Devisenmarkt wurde in den letzten Wochen eingepreist, dass die EZB weniger straffen und die Fed im nächsten Jahr weniger lockern wird“, argumentieren Analysten der Berenberg-Bank in ihrem neuesten Währungsausblick. Die EZB hat die Leitzinsen in diesem Jahr stark angehoben, aber bei ihrem letzten Zinsentscheid vorerst bei 4,50 Prozent belassen. In den USA liegt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank refinanzieren können, bei 5,25 bis 5,50 Prozent.

US-Großbanken erwarten weitere Abwertung auf kurze Sicht

Die größten Banken an der Wall Street gehen davon aus, dass der Euro kurzfristig auf Parität zum US-Dollar fallen wird, da der Krieg im Nahen Osten die Energieimporte verteuert und höhere Kreditkosten das Wachstum der Eurozone zusätzlich belasten. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober ist der Preis für europäisches Gas am Terminmarkt um rund 25 Prozent gestiegen. Unterdessen hat laut EZB-Daten das Kreditvolumen an Unternehmen der Eurozone im September nur noch um 0,2 Prozent zugenommen, Ende 2022 waren es noch plus 10 Prozent.

Die Citibank erklärte, sie sehe den wichtigen Wechselkurs innerhalb von sechs Monaten wieder Parität erreichen. Die Analysten der drittgrößten US-Bank sind der Ansicht, dass Europa in eine Rezession läuft, und zwar deutlich früher als die Vereinigten Staaten. Auch die Prognosen von Rabobank oder Nomura sehen den Euro in Richtung Parität laufen. „Der Euro kann leicht unter 1,05 fallen, wenn wir nicht bald positive Überraschungen bei den realwirtschaftlichen Daten in Europa erleben“, meint der Makrostratege Kit Juckes von der französischen Bank Societe Generale im Gespräch mit der Financial Times.

Branchenprimus J.P. Morgan hat seine Prognose für den Euro bis zum Jahresende auf 1 Dollar herabgestuft. Trotz der jüngsten Schwäche notiere der Euro immer noch nicht zu einem „adäquaten Abschlag für die unzähligen Unsicherheiten, mit denen die Währung konfrontiert ist“ und die das Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen, wie etwa das engere Kreditumfeld und geopolitische Risiken, so Devisen-Analystin Meera Chandan gegenüber der Financial Times.

Viele Währungs-Spekulanten waren im Sommer falsch positioniert und hatten auf einen steigenden Euro gesetzt. In den letzten Wochen haben die Profis ihre Positionierung dann zurückgefahren, wetten aber weiterhin auf steigende Kurse. Daten der „US Commodity Futures Trading Commission“ zufolge beliefen sich die Netto-Long-Positionen der fremdfinanzierten Fonds im Euro-Dollar-Future Anfang Oktober auf etwa 75.000 Kontrakte, während es im August noch mehr als 170.000 waren.

Auf längere Sicht rechnen die meisten Analysten nach wie vor mit einem steigenden Euro, weil auch der Dollar mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat und allgemein angenommen wird, dass die europäische Wirtschaftsschwäche von kurzer Dauer sein dürfte. Wir bei den DWN sehen letzteres eher skeptisch. Zumal der derzeit schwache Euro für mehr importierte Inflation sorgt, und damit reales Wachstum erschwert. Die weit verbreitete Theorie, dass schwache Währungen den Export ankurbeln, ist zweifelhaft.

Das Kursziel von J.P. Morgan für Ende Juni 2024 beträgt 1,20. Die Privatbank Berenberg prognostiziert zum selben Zeitpunkt einen Wechselkurs von 1,12. Die ING-Bank rechnet mit 1,15. Eine konträre Meinung nimmt HSBC ein, deren Sommer-Prognose 1,02 anpeilt.

Währungsmärkte nicht prognostizierbar

Wie es mit dem Euro weitergeht, weiß jedoch niemand so wirklich. Man kann die Sache natürlich auch historisch betrachten. Bei 1,05 je Dollar notiert der Euro unterhalb seines historischen Durchschnitts von 1,19. Man vergisst schnell, dass man für Europas Einheitswährung in der Spitze 1,6 Dollar bekam. Seit 2015 liegt die Bandbreite grob zwischen 1,0 und 1,2 und damit sogar noch tiefer als zu Zeiten der Eurokrise in den frühen 2010er-Jahren.

Es ist fraglich, wie sinnvoll Zukunftsschätzungen für Wechselkurse überhaupt sind. Währungsprognosen gelten in der Finanzbranche als schwierig bis unmöglich. Warum begann die Aufwärtsbewegung des Euro ausgerechnet im Spätherbst 2022, als die deutsche Energiekrise auf dem absoluten Höhepunkt war? War der Euro vorher einfach zu stark abverkauft wurden, wie wir es damals auch bei den DWN vermuteten?

Warum jetzt diese Schwächephase? Im Nachhinein findet man immer plausible Erklärungen. Wie die oben aufgeführte Wirtschaftsflaute in Europa. Oder einen erstarkenden Dollar. Der Dollarindex, welcher die Wechselkurs-Entwicklung des Greenback gegenüber einem repräsentativen Währungskorb ermittelt, ist zuletzt massiv gestiegen.

Konträr zum aufwertenden Dollar wachsen die Sorgen vor dem riesigen Schuldenberg der US-Regierung und es werden US-Staatsanleihen mit langen Laufzeiten scharenweise auf den Markt geworfen, sodass die Renditen in die Höhe geschossen sind. Der häufig unberechenbare Finanzmarkt folgt seinen eigenen Gesetzen und die entziehen sich manchmal der menschlichen Logik.

Gegenüber dem britischen Pfund hat der Euro nicht an Boden verloren. Dafür umso mehr gegenüber dem Schweizer Franken, der seit jeher eine Aufwärtstendenz zur europäischen Einheitswährung aufweist.

Die Währung gilt in Krisenzeiten als sicherer Hafen, allein der Ruf des Franken zieht ausländisches Kapital an. Die Schweizer Notenbank kann es sich erlauben, die Zinsen bei nur 1,75 Prozent zu halten, weil die Inflation mit unter 2 Prozent deutlich niedriger ist als im Euroraum (4,3 Prozent).

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Jakob Schmidt

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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