Wirtschaft

Studie: Ökonomische Abkoppelung von China wäre Schock

Eine Studie versucht den Schaden zu beziffern, den eine ökonomische Abkollpung von China nach sich ziehen würde. Die Zahlen sind wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Derweil investieren deutsche Firmen verstärkt im Reich der Mitte - und internationale Investoren ziehen Gelder aus Deutschland ab.
20.12.2023 12:18
Aktualisiert: 20.12.2023 12:18
Lesezeit: 3 min
Studie: Ökonomische Abkoppelung von China wäre Schock
Chinesische (l) und deutsche Nationalflaggen stehen für einen Fototermin bereit. (Foto: dpa) Foto: Andreas Arnold

Eine ökonomische Abkopplung der deutschen Wirtschaft von China wäre einer Studie zufolge für die deutsche Wirtschaft ein schwerer Schock. Bei einem abrupten Handelsstopp mit der Volksrepublik würde die hiesige Wirtschaft um rund fünf Prozent einbrechen, wie am Donnerstag veröffentlichte Simulationsrechnungen unter Federführung des IfW Kiel ergeben.

"Der Handel mit China bringt uns Wohlstand und ist kurzfristig praktisch nicht zu ersetzen, sagte Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Doch besitze Deutschland wirtschaftlich genug Widerstandskraft, um selbst ein solch extremes Szenario zu überstehen. Der Schock ist demnach vergleichbar mit dem nach der Finanzkrise oder der Corona-Pandemie.

Mittel- bis langfristig pendelt sich der Verlust dem Szenario zufolge auf jährlich rund 1,5 Prozent ein. Bei einem schrittweisen, behutsamen Zurückfahren der Handelsbeziehungen würden die hohen Anfangskosten vermieden. Hohe Kosten würden für Deutschland laut Studie vor allem durch die kurzfristigen Auswirkungen eines plötzlichen Handelsabbruchs entstehen, da bestehende Handelsverbindungen mit China nicht umgehend kompensiert werden könnten.

Möglicherweise sind die vom IfW Kiel errechneten Daten zu positiv angesetzt. Fraglich ist beispielsweise, ob Sekundär- und Tertiäreffekte eines Bruchs mit China angemessen einkalkuliert wurden. China ist die Werkbank der Welt und versorgte die deutsche Industrie in den vergangenen Jahrzehnten mit günstgen Rohstoffen und Vorprodukten. Zudem verfügt China in einigen Märkten über eine dominante Position - etwa bei den sogenannten Seltenen Erden oder im Bereich alternativer Energiequellen wie Solarmodule.

China: EU soll sich nicht geopolitisch instrumentalisieren lassen

Chinas Präsident Xi Jinping hat die Europäische Union davor gewarnt, sein Land im Auftrage der US-Regierung als Rivalen zu betrachten und auf einen Konfrontationskurs zu gehen, der nicht europäischen, sondern amerikanischen Interessen dienen würde. Auf einem Gipfeltreffen in Peking mit EU-Spitzenvertretern, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, betonte Xi jüngst die Bereitschaft, mit der EU wirtschaftlich enger zusammenzuarbeiten.

Von der Leyen betonte, dass die EU keinen unfairen Konkurrenzkampf hinnehmen werde. Die EU-Staaten kritisieren Wettbewerbsverzerrungen auf dem chinesischen Markt, aber auch Pekings Drohungen gegenüber Taiwan sowie die enge Partnerschaft mit Russland, insbesondere mit Blick auf den Ukraine-Krieg. China wiederum kritisiert die Teilnahme der Europäer an den - nach Maßgabe der durch Washington gelähmten WTO - illegalen Handelssanktionen der USA gegen China.

Die Bundesregierung hatte im Juli eine Strategie für den Umgang mit China vorgelegt. Sie strebt ein sogenanntes De-Risking an. Dahinter steckt die Absicht, sich angesichts geopolitischer Risiken in kritischen Bereichen nicht zu abhängig von der Volksrepublik zu machen. Deutsche Firmen werden aufgefordert, ihre Risiken im China-Geschäft abzubauen und sogenannte Klumpenrisiken beim Fokussieren auf einen großen Markt stärker intern einzupreisen.

In diesem De-Risking-Szenario, in dem sich die deutsche Wirtschaft nur teilweise von China löst, grundsätzlich aber die Handelsbeziehungen aufrechterhält, wären den IfW-Berechnungen zufolge mittel- bis langfristig Wohlstandseinbußen von jährlich rund einem halben Prozent zu erwarten. Jede Entkopplung der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen ist für Deutschland mit hohen Kosten verbunden, erklärte Julian Hinz, Handelsforscher und Forschungsdirektor am IfW Kiel. "Die vergleichsweise geringen Kosten einer teilweisen Entkopplung, oder Entkopplung nur in bestimmten Sektoren, können als Versicherungsprämie gegen einen schmerzhaften Wirtschaftseinbruch verstanden werden, der eintritt, wenn die Verflechtung eng bleibt und abrupt endet."

Deutsche Firmen setzen auf China

Unabhängig von den Planungen der Bundesregierung verstärken deutsche Konzerne ihre Investitionen in China, weil die hohen Energiepreise in Deutschland eine Produktion zunehmend unrentable machen. China hingegen wartet dank einer mehrspurigen Energiepolitik (zu der neben alternativen Quellen auch die Nutzung der Atom- nud Kohlekraft gehört) mit niedrigen Strom- und Energiepreisen und einem großen Reservoir gut ausgebildeter und - ein nicht zu unterschätzender Faktor bei Standortentscheidungen - disziplinierter und fleißiger Arbeitskräfte auf.

Derweil erodiert die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Im vergangenen Jahr gab es Netto-Kapitalabflüsse in der Größenordnung von 132 Milliarden Euro. Der Wert stellt einen Allzeit-Negativrekord dar.

Zuletzt mehrten sich die Stimmen aus der Konzernwirtschaft, die davor warnten, dass Deutschland und Europa von den USA und China abgehängt wird. Zu den deutlichsten Warnern zählt der Vorstandsvorsitzende des Chemiegiganten BASF, Martin Brudermüller, welcher die Investitionen seines Unternehmens im Reich der Mitte derzeit kräftig ausbaut.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Kaufkraft-Ranking in Krisenzeiten: Wo die regionalen Einkommen am meisten wert sind
15.04.2026

Das Verhältnis aus Einkommen und Lebenserhaltungskosten entscheidet über die reale Kaufkraft der Haushalte: Wo viel verdient wird, ist es...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer-Erhöhung finanziert Entlastungsprämie 2026: Doch nicht nur Raucher gehen bei der Ausgleichprämie leer aus
15.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ifo: Iran-Krieg verstärkt wirtschaftliche Unsicherheit deutscher Unternehmen
15.04.2026

Steigende Energiepreise, wackelige Lieferketten: Deutsche Unternehmen blicken immer skeptischer in die Zukunft. Welche Branchen besonders...

DWN
Politik
Politik Sparpläne Krankenkassen: Warnungen vor zusätzlichen Belastungen der Beitragszahler
15.04.2026

Die Koalition will die steigenden Ausgaben der Krankenkassen unter Kontrolle bringen, um neue Beitragserhöhungen zu vermeiden - mit einer...

DWN
Politik
Politik Migration in Deutschland: Jeder Vierte hat eine Einwanderungsgeschichte
15.04.2026

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund um zwei Drittel in Deutschland gewachsen....

DWN
Politik
Politik Touristenattraktion: Berlin-Besucher werden künftig fürs Müllsammeln belohnt
15.04.2026

Mit "BerlinPay" will die Hauptstadt Touristen für nachhaltiges Verhalten belohnen. Noch werden Partner für die Aktion gesucht.

DWN
Politik
Politik Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
15.04.2026

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street im Aufwind durch nachlassende Iran-Spannungen und schwächere Inflationsdaten
14.04.2026

Überraschende Entwicklungen abseits des Handelsparketts sorgen für neuen Schwung an den Finanzmärkten. Erfahren Sie, welche Faktoren die...