Unternehmen

Mittelstand braucht planbare politische Prozesse

Was schon lange erwartet wurde, ist nun eingetreten: Die frühere Ikone der Linkspartei Sahra Wagenknecht gründet mit einigen Mitstreitern eine neue Partei. Diese soll unter dem Namen „Bündnis Sahra Wagenknecht“ schon zu den Europawahlen am 9. Juni antreten. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprachen mit dem Geschäftsführer des Deutschen Mittelstandsbundes, Marc S. Tenbieg, über die Erwartungen und Hoffnungen des Mittelstands.
Autor
10.01.2024 16:10
Aktualisiert: 10.01.2024 16:10
Lesezeit: 3 min
Mittelstand braucht planbare politische Prozesse
Fordert von der Politik Verlässlichkeit: Mittelstands-Vertreter Marc. S. Tenbieg. (Foto: DMB)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht ist eine neue Partei im Entstehen. Welche Erwartungen haben Sie als Vorsitzender eines großen Mittelstandsverbands an diese neue Partei?

Mac S. Tenbieg: Vorweg, als Organisation mag ja das Bündnis neu sein. Doch sind weder die inhaltlichen Grundlagen noch die Personen neu für uns. Unser Verband hat ja seinen Sitz in Düsseldorf. Hier hatte auch Sahra Wagenknecht ihren Wahlkreis und hier war auch ihr Mitstreiter Thomas Geisel Oberbürgermeister. Insofern sind uns die handelnden Personen durchaus bekannt. Auch die Inhalte, um die es dem Bündnis geht, sind ja nicht wirklich neu.

DWN: Doch inwiefern haben die Inhalte vom BSW irgendeinen Bezug zum Mittelstand?

MT: Bisher gibt es ja noch kein ausformuliertes Programm. Alles, was ich von dem Bündnis gelesen und gehört habe, läuft auf ein relativ simples Modell hinaus: nämlich das Zusammenrühren von linken bis sehr linken Ideen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik mit eher konservativen Vorstellungen in der Gesellschaftspolitik. Ob das wirklich funktioniert, weiß ich nicht, Zweifel sind meines Erachtens nach erlaubt.

DWN: Erwarten Sie denn vom früheren Düsseldorfer OB Geisel zu Mittelstandsthemen einen inhaltlichen Input

MT: Zu hoffen wäre es. Doch ich fürchte, dass es nicht Mittelstandsthemen waren, die Herrn Geisel zum BSW geführt haben

DWN: Sondern?

MT: Thomas Geisel hat sich während seiner Zeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister vor allem um soziale Fragen gekümmert, nicht um wirtschaftliche – und von Mittelstandsthemen habe ich in seiner Amtszeit erst recht nichts von ihm gehört. Aber ich will mich auch davor hüten, vorschnell ein Urteil zu fällen. Wie jede andere Partei hat auch das Wagenknecht-Bündnis eine faire Chance verdient. Wichtig ist, dass wir über die Themen reden, die dem Mittelstand unter den Nägeln brennen – und derer gibt es ja im Moment wahrlich genug.

DWN: Welche wären denn aus ihrer Sicht die vordringlichsten?

MT: Aus meiner Sicht wäre das im Moment noch gar kein inhaltliches Thema, sondern ein Thema des Prozesses, des Vollzugs. Was alle wirtschaftlichen Akteure – aber besonders der Mittelstand – ganz besonders brauchen, ist ein Mindestmaß an Planbarkeit der politischen Prozesse. Zur Zeit erleben wir, dass fast alle wesentlichen Entscheidungen, die in der Politik getroffen werden, schon nach kürzester Zeit auf breiter Front in aller Öffentlichkeit zerredet werden. Die Folge ist eine immer weiter um sich greifende Verunsicherung. Das aber ist gerade für die Akteure im Mittelstand besonders schädlich – und es ist gerade in den Zeiten wie diesen besonders abträglich.

DWN: Warum gerade jetzt?

MT: Wie durchleben doch gerade jetzt eine Zeit der Transformation. Das heißt: In allen Bereichen unseres wirtschaftlichen Lebens finden gerade Veränderungen statt: sei es durch neue Technologien, sei es durch eine ökologische Transformation, sei es durch veränderte Lieferketten oder durch veränderte finanzielle Rahmenbedingungen. Fast alle Bereiche unseres wirtschaftlichen Lebens stehen in der ein oder anderen Form in einer wechselseitigen Beziehung zur Politik. Wenn dann die politischen Entscheider regelmäßig ihre gerade getroffenen Vereinbarungen öffentlich zerreden, belastet das den ohnehin nicht einfachen Transformationsprozess zusätzlich.

DWN: Sahra Wagenknecht hatte zwar ihren Wahlkreis in Düsseldorf, kommt aber selbst ursprünglich aus den Neuen Ländern. Welche Probleme hat dort der Mittelstand?

MT: Der Mittelstand dort hat alle Probleme, die der Mittelstand auch im Westen hat – nur teilweise in verschärfter Form. Vor allen Dingen ist in den Neuen Ländern das Problem der Fachkräftegewinnung noch viel drängender. In den Jahren zuvor, vor allem in den 90er und den Nullerjahren des neuen Jahrtausends, hatten die Neuen Länder in der Folge des Zusammenbruchs der alten Industrien eine massive Abwanderung auch von hochqualifizierten Fachkräften erlebt. Die Folgen spüren wir noch heute.

DWN: Werden Sie sich als Mittelstandsverband mit den Vertretern der neuen Partei von Sahra Wagenknecht austauschen?

MT: Wenn es um die Belange des Mittelstands geht, selbstverständlich.

Der Deutsche Mittelstandsbund (DMB) ist einer der großen Verbände für den Mittelstand in Deutschland. Der DMB wurde 1982 gegründet und ist sowohl branchenneutral als auch parteipolitisch ungebunden. Der DMB vertritt die wirtschaftspolitischen Interessen von rund 25.000 Mitgliedsfirmen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt

 

 

X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie: Positiver Analystenkommentar von JPMorgan und Silberstreifen am Cloud-Horizont
04.12.2025

SAP und Salesforce senden an den Börsen neue Signale: Während JPMorgan der SAP-Aktie frische Impulse zuschreibt, ringen Anleger bei...

DWN
Finanzen
Finanzen Schott Pharma-Aktie: Zähe Nachfrage nach Glasspritzen – Pharmazulieferer Schott Pharma schaut vorsichtig auf 2026
04.12.2025

Die Schott Pharma-Aktie ist am Donnerstag nachbörslich unter Druck geraten, Anleger beäugen den Ausblick des Mainzer Pharmazulieferers...

DWN
Politik
Politik Die EZB blockiert: Streit um EU-Pläne für eingefrorene russische Vermögenswerte
04.12.2025

Die EU ringt um einen Weg, die finanziellen Belastungen des Ukrainekriegs abzufedern, doch zentrale Institutionen setzen klare Grenzen. Wie...

DWN
Politik
Politik Friedensverhandlungen in Moskau: Trump-Gesandte führen Gespräche mit Putin
04.12.2025

Die Gespräche zwischen Washington und Moskau rücken die Suche nach einer realistischen Friedenslösung wieder in den Mittelpunkt der...

DWN
Politik
Politik EU Ermittlungen: Staatsanwaltschaft nimmt Büros von Kaja Kallas ins Visier
04.12.2025

Die Ermittlungen der Europäischen Staatsanwaltschaft rücken den Umgang mit sensiblen EU-Mitteln und institutionellen Abläufen in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Trade Republic Probleme: Kundenfrust wächst trotz neuer Produkte
04.12.2025

Trade Republic wirbt mit Innovationen, doch viele Kunden erleben etwas anderes. Die Beschwerden zu Ausfällen, Support und Handelbarkeit...

DWN
Politik
Politik G7? Nein danke, sagt Putin
04.12.2025

Russlands Präsident Wladimir Putin sorgt vor seinem Indien-Besuch für Aufsehen. Er kritisiert die G7 als "nicht groß" und verweist auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutschland im Club der Superreichen vorn dabei
04.12.2025

Fast 3.000 Menschen weltweit besitzen mehr als eine Milliarde Dollar – und Deutschland spielt eine führende Rolle. Während...