Wirtschaft

VW baut neues 20.000-Euro-Elektroauto in eigenem Werk – und will beim Entwicklungstempo neue Maßstäbe setzen

VW will ab 2027 im Alleingang ein Elektroauto für 20 000 Euro entwickeln. Eine Partnerschaft mit Renault kam nicht zustande. Wo der Billigstromer produziert wird, ist aber noch offen.
29.05.2024 12:24
Aktualisiert: 29.05.2024 12:24
Lesezeit: 3 min

Volkswagen verzichtet bei seinem für 2027 geplanten Elektro-Kleinstwagen auf eine Partnerschaft mit anderen Herstellern. Das Fahrzeug mit einem Zielpreis von rund 20 000 Euro soll nun im Alleingang entwickelt werden. Die Weltpremiere sei für 2027 geplant, gab Europas größter Autobauer am Dienstag nach einer Vorstandsitzung in Wolfsburg bekannt. Eine angedachte Kooperation mit Renault kam dagegen nicht zustande.

Effiziente Entwicklung mit „Europe Speed“

Hergestellt werden solle das Fahrzeug in Europa. „Damit verbinden wir ein klares Bekenntnis zum Industriestandort Europa“, wird Konzernchef Oliver Blume zitiert. „Es geht um elektrische Einstiegsmobilität aus Europa für Europa.“ Einen konkreten Produktionsstandort nannte VW noch nicht.

Der Autokonzern will bei seinem Einsteiger-Elektromodell das Entwicklungstempo deutlich erhöhen. „Der 20.000-Euro-VW wird bei attraktivem Preis Maßstäbe in Sachen Design, Qualität, Ausstattung und Technologie setzen“, sagte Blume am Mittwoch auf der Online-Hauptversammlung in Wolfsburg. „Volkswagen ist in der Lage, schnell zu entwickeln. Effizient und effektiv – mit Europe Speed.“ Mit 36 Monaten falle die Entwicklungszeit deutlich kürzer aus als bei bisherigen Modellen.

Chinesische Konkurrenz zwingt zu Umstieg auf preiswertere Modelle

Der Konzernvorstand hatte am Dienstag grünes Licht für das Modell mit dem Arbeitstitel ID.1 gegeben, mit dem die Wolfsburger ihre Elektropalette nach unten abrunden und in das elektrische Einstiegssegment vorstoßen wollen. „Damit sich die Elektromobilität in der Breite durchsetzt, braucht es attraktive Fahrzeuge, gerade im Einstiegssegment“, sagte der Chef der Kernmarke Volkswagen, Thomas Schäfer. „Unser Markenversprechen lautet: Elektromobilität für alle. In der Markengruppe Core wird dieses Versprechen nun eingelöst.“ Konzernchef Blume betonte, dass man mit dem neuen E-Auto das „Versprechen bezahlbare Mobilität für Generationen anzubieten“ einhalte. „Das Auto ist Ausdruck unserer Markenidentität: ein echter Volkswagen. Aus Europa und für Europa.“

Der Wolfsburger Autobauer sieht sich auch angesichts der Konkurrenz aus China unter Druck, günstigere Elektroautos anzubieten. So hatte zuletzt der chinesische Platzhirsch BYD angekündigt, sein Modell "Seagull" in Europa zum Preis von unter 20.000 Euro auf den Markt bringen zu wollen.

Der derzeit günstigste VW-Stromer ID.3 startet bei knapp 40 000 Euro, der 2026 geplante ID.2all soll rund 25 000 Euro kosten. Den E-Up für unter 30 000 Euro hatte VW im vergangenen Jahr eingestellt. Diese Lücke soll nun der ID.1 schließen. Ab 2033 will die Kernmarke VW in Europa nur noch Elektro-Autos verkaufen. „Wir sehen in der Elektro-Mobilität die Zukunft der Automobilindustrie“, betonte Blume. „Der Schwerpunkt unserer Investitionen ist darauf ausgerichtet.“

Von der Politik forderte Blume mehr Unterstützung für den Elektro-Kurs. „Wichtig ist, dass der Hochlauf der E-Mobilität von allen Seiten unterstützt wird. Auch seitens der Politik bedarf es einer klaren Haltung: ein eindeutiges Bekenntnis zur E-Mobilität, Realismus in Bezug auf die CO2-Zielwerte, Planungssicherheit für die Industrie bei den Gesetzgebungen.“ In der EU wurden zuletzt Stimmen laut, die ein Abrücken von dem Ziel fordern, 2035 komplett auf E-Autos umzustellen.

Entwicklung des Billig-Elektroautos läuft bereits

Die Arbeit am ID.1 ist laut VW bereits weit fortgeschritten. „Wir sind schon mittendrin, wissen, wie das Auto aussehen muss“, sagte Markenchef Schäfer bereits im März. Trotz günstigen Preises wolle man dabei „Maßstäbe im Einstiegssegment setzen“. Der angepeilte Preis stelle aber eine große Hürde dar. Hinzu kommt, dass die Gewinnmargen bei Kleinwagen in der Regel deutlich geringer ausfallen als bei größeren Fahrzeugen. „Das ist wirtschaftlich extrem herausfordernd“, so Schäfer. „Diese Aufgabe ist aufgrund der steigenden Energie-, Material- und Rohstoffkosten anspruchsvoller geworden.“ Aufgrund der hohen Batteriekosten lasse sich ein Preis von 20 000 Euro nur mit sehr großen Stückzahlen erreichen.

VW hatte daher auch eine Zusammenarbeit mit anderen Herstellern geprüft, um so auf größere Volumen zu kommen. Eine zunächst angedachte Kooperation mit Renault kam jedoch nicht zustande. Der französische Hersteller hatte im Frühjahr bestätigt, dass es Gespräche über eine gemeinsame Kleinwagen-Plattform für Elektro-VW und den Renault Twingo gebe. Vor einer Woche hatte Renault-Chef Luca de Meo der Agentur Reuters aber gesagt, dass die Gespräche gescheitert seien. Konzernkreisen zufolge soll sich vor allem VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo dagegen ausgesprochen haben, dass das Modell ausschließlich bei der Renault-Tochter Dacia in Rumänien gebaut werden sollte.

VW selbst hat sich zu den Gesprächen mit Renault bisher nicht geäußert. Der Konzern hatte im Frühjahr nur von vier Szenarien gesprochen, die für die Produktion des Kleinstwagens geprüft würden. Konzernchef Blume hatte dabei auch eine Zusammenarbeit mit einem anderen Autobauer nicht ausgeschlossen, aber keine Namen genannt.

Fertigung in Deutschland unwahrscheinlich

Wo genau in Europa der ID.1 nun gebaut werden soll, ist noch offen. Eine Fertigung in Deutschland gilt aber als unwahrscheinlich. Bereits den ID.2all hatte VW aus Kostengründen an die Konzerntochter Seat nach Spanien vergeben, wo er ab 2025 zusammen mit Schwestermodellen von Cupra und Škoda vom Band rollen soll.

Die hohen Preise für Elektroautos gelten unter Experten als größtes Hindernis für einen weiteren Ausbau der Elektromobilität. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte auf der Münchener Automesse IAA Mobility im vergangenen September an die Hersteller appelliert, günstigere Modelle ins Programm zu nehmen. Der Hochlauf der E-Mobilität „wird nicht funktionieren, wenn es nicht auch Angebote gibt, die für ganz viele Bürger bezahlbar sind.“ Und daran hätten die Hersteller „über den Preis natürlich einen wichtigen Anteil“, meint Scholz.

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