Finanzen

Sterben der Bankfilialen: Ein stiller Vorbote für das Ende des Bargelds?

In Deutschland schrumpft das Netz der Bankfilialen dramatisch. Diese Entwicklung wirft nicht nur Fragen zur Zukunft des Bargelds auf, sondern auch zur Versorgung der Kunden und den Herausforderungen für den Einzelhandel. Ist dies ein schleichender Abschied vom Bargeld?
23.06.2024 15:30
Lesezeit: 3 min

In den letzten zehn Jahren hat sich die Landschaft der Bankfilialen in Deutschland drastisch verändert. Laut der Deutschen Bundesbank sank die Zahl der Filialen von etwa 36.000 im Jahr 2013 auf nur noch rund 19.500 im Jahr 2023 – ein Rückgang von über 45-Prozent. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die ländlichen Gebiete, sondern auch große Städte wie Berlin, wo immer mehr Bankfilialen schließen. Die Versorgung der Bevölkerung mit traditionellen Bankdienstleistungen wird dadurch zunehmend schwieriger.

Die Deutsche Bundesbank stellt in ihrem aktuellen Bericht fest: „Die zunehmende Verbreitung des Online-Bankings sowie der weiterhin bestehende Kostendruck führten zu einer Verschlankung des Filialnetzes in nahezu allen Banksektoren.“ Dies bedeutet, dass viele Kunden immer größere Hürden überwinden müssen, um an Bargeld zu gelangen.

Einzelhandel unter Druck: Wie das Filialsterben die Betriebskosten erhöht

Doch die Auswirkungen des Filialsterbens gehen weit über die Herausforderungen der Kundenversorgung hinaus. Besonders der Einzelhandel ist von diesen Veränderungen betroffen. Händler, die auf regelmäßige Bareinzahlungen angewiesen sind, müssen längere Wege zu den verbleibenden Filialen zu bewältigen oder auf teure Bargeldtransporte zurückzugreifen.

Dies treibt die Betriebskosten in die Höhe und belastet insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) erheblich. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt: „Mit jeder geschlossenen Bankfiliale verlieren Händler eine essenzielle Anlaufstelle für Wechselgeld und Bareinnahmen.“

Ein anschauliches Beispiel liefert die Inhaberin eines kleinen Lebensmittelgeschäfts in einer ländlichen Region: „Seit die letzte Bankfiliale in unserem Ort geschlossen wurde, müssen wir jeden Tag über 30 Kilometer fahren, um unser Bargeld einzuzahlen. Das ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch teuer.“ Diese Erfahrung spiegelt die Realität vieler Geschäftsinhaber im ganzen Land wider.

Die wachsenden Herausforderungen der Bargeldlogistik

Mit dem Rückgang der Bankfilialen wird die Bargeldlogistik immer komplexer. Längere Transportwege erhöhen nicht nur die Betriebskosten, sondern auch das Risiko von Diebstählen und Überfällen. Die Konzentration großer Bargeldbestände an wenigen Standorten stellt ein erhebliches Sicherheitsproblem dar.

Ein Mitarbeiter eines führenden Bargeldlogistikunternehmens beschreibt die Lage: „Die Logistik von Bargeld wird zunehmend zu einer Herausforderung. Wir müssen längere Distanzen abdecken und dabei höchste Sicherheitsstandards gewährleisten. Die Kosten für den Transport und die Sicherung steigen kontinuierlich.“

Filialschließungen: Eine fortdauernde Entwicklung

Obwohl sich die Zahl der Filialschließungen 2023 etwas verlangsamt hat, bleibt der Trend klar: Das Filialnetz wird weiterhin schrumpfen. Die Zahl der Bankfilialen sank 2023 um 945, weniger als die 1.266 Schließungen im Jahr 2022 und die 2.388 im Jahr 2021. Großbanken verzeichneten einen Rückgang von 248 Filialen auf insgesamt 3.471, was einem Minus von 6,7-Prozent entspricht.

Regionalbanken, Kreditbanken und Sparkassen verzeichneten ebenfalls Rückgänge, wenn auch moderater. Die Sparkassen bleiben mit 7.104 Filialen führend, mussten aber dennoch 366 Standorte aufgeben. Der Genossenschaftssektor bleibt mit 50,8-Prozent Marktanteil die größte Bankengruppe nach Anzahl der Institute.

Ulrich Binnebößel vom HDE warnt: „Setzt sich der Abwärtstrend bei der Zahl der Bankfilialen weiter fort, muss die Bargeldlogistik in der Fläche auf anderem Weg sicher und effizient aufrechterhalten werden.“

Bargeld versus Digital: Wohin führt der schleichende Wandel?

Die schleichende Reduktion der Bankfilialen birgt das Risiko, dass die Gesellschaft unbemerkt in eine bargeldlose Zukunft abgleitet. Wenn immer weniger Menschen eine nahegelegene Bankfiliale haben, wird es zunehmend unpraktisch, an Bargeld zu kommen. Dies könnte die Verbraucher unweigerlich in Richtung digitaler Zahlungsmethoden drängen – nicht aus Wahl, sondern aus Notwendigkeit.

Bargeld verkörpert Freiheit und Unabhängigkeit – es ermöglicht Transaktionen ohne digitale Überwachung und schützt vor den Risiken digitaler Zahlungen wie Datenschutzverletzungen und Systemausfällen. Die zentrale Frage lautet daher: Bewegen wir uns unwillkürlich auf eine Zukunft ohne Bargeld zu? Und wer könnte davon profitieren?

Für Banken bedeutet die Reduzierung der Filialnetze erhebliche Kosteneinsparungen. Digitale Zahlungsanbieter könnten ihre Marktanteile weiter ausbauen. Doch für die breite Bevölkerung könnte dieser Wandel zu einem Verlust der Wahlfreiheit führen und eine erzwungene Abhängigkeit von digitalen Zahlungssystemen mit sich bringen. Es ist entscheidend, diesen Wandel kritisch zu hinterfragen und bewusst zu gestalten. Denn sobald Bargeld in der Gesellschaft einmal weitgehend verdrängt ist, könnte es äußerst schwierig werden, die Rückkehr zu einer breiten Bargeldnutzung zu erreichen.

Innovative Wege zur Sicherung des Bargelds: Lösungen für eine schrumpfende Filiallandschaft

Um sicherzustellen, dass Bargeld weiterhin leicht und kostengünstig verfügbar bleibt, müssen innovative Ansätze verstärkt werden. Mobile Bankendienste, stärkere Kooperationen zwischen Banken und Einzelhändlern sowie der Ausbau von Automaten- und Cash-Back-Systemen sind mögliche Wege, die es zu verfolgen gilt.

Mobile Bankendienste bieten eine flexible Lösung, insbesondere für abgelegene Regionen. Mobile Geldautomaten und Fahrdienste könnten die Lücke füllen, die durch die Schließung stationärer Filialen entstanden ist. Diese Dienste müssen ausgebaut und verbessert werden, um eine verlässliche Versorgung zu gewährleisten. Auch Kooperationen zwischen Banken und Einzelhändlern sind ebenfalls vielversprechend. Bereits jetzt bieten Poststellen und Geschäfte in Zusammenarbeit mit Banken Bargelddienste an. Solche Partnerschaften könnten erweitert werden, um die Erreichbarkeit und den Zugang zu Bargeld zu verbessern.

Die Rolle der Bundesregierung ist hierbei von zentraler Bedeutung. Durch verstärkte Initiativen und Förderungen kann sichergestellt werden, dass auch in ländlichen und abgelegenen Regionen der Zugang zu Bargeld erhalten bleibt. Es bedarf klarer gesetzlicher Vorgaben und Unterstützung, um die Infrastruktur für Bargelddienste aufrechtzuerhalten.

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Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
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