Unternehmen

ifo-Geschäftsklimaindex: Anhaltende Auftragsflaute bei Selbstständigen - von der Politik vergessen?

Die Geschäfte der Selbstständigen in Deutschland liefen etwas besser als in den vorherigen Monaten. Doch die Auftragslage ist schwierig und die Erwartungen bleiben weiterhin von Pessimismus geprägt – laut aktueller Ifo-Umfrage. Solo- und Kleinstunternehmen fühlen sich von der Politik vergessen.
13.08.2024 16:02
Lesezeit: 3 min

Viele Unternehmen in Deutschland leiden unter Inflation und Auftragsmangel. Auch Kleinstunternehmen und Selbstständige sind davon betroffen – und mit der Lage ziemlich unzufrieden.

Schlechte Stimmung: Schwierige Auftragslage belastet Selbstständige

Die schlechte Stimmung unter den Selbstständigen in Deutschland hat sich zu Beginn der zweiten Jahreshälfte wegen der anhaltenden Auftragsflaute kaum verbessert. Der Geschäftsklimaindex stieg auf minus 13,4 Punkte, nach minus 14,0 im Juni, wie das Münchner Institut am Montag in seiner ifo-Umfrage mitteilte.

Die Geschäfte liefen zwar besser. Allerdings zeigten sich die Selbstständigen immer noch unzufrieden mit ihrer aktuellen Lage. Ihre Erwartungen blieben nahezu unverändert von Pessimismus geprägt. „Die Selbstständigen stemmen sich gegen die aktuelle Flaute“, sagt Ifo-Expertin Katrin Demmelhuber. „Allerdings bleibt die Auftragslage schwierig.“

Demnach belastet eine fehlende Nachfrage weiterhin viele Selbstständige: 44,4 Prozent waren im Juli von Auftragsmangel betroffen, etwas mehr als zuvor (44,0 Prozent).

Ähnlich wie im vorangegangenen Quartal gibt ungefähr jeder vierte Befragte an, seine Waren oder Dienstleistungen nicht uneingeschränkt anbieten zu können – unter anderem wegen fehlendem Personal oder auch Lieferengpässen.

„Wachstumsinitiative“ nicht für Solo- und Kleinstunternehmen

Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) zeigt sich angesichts der anhaltend schlechten Stimmung enttäuscht von der Politik. „Keine der 49 Maßnahmen, die Mitte Juli unter dem Titel Wachstumsinitiative von der Bundesregierung beschlossenen wurden, richtet sich speziell an Solo- und Kleinstunternehmen – und damit an die Masse der Unternehmen in Deutschland“, kritisierte VGSD-Vorstand Andreas Lutz. „Auf keinen Fall darf es nun weitere Belastungen für Selbstständige geben, ohne gleichzeitige Entlastungen.“

Aktuell gibt es 3,8 Mio. Selbstständige in Deutschland. Davon sind ca. 50 Prozent soloselbstständig. Jedes Jahr reduziert sich diese Anzahl um etwa 100.000. Ursachen hierfür sind u.a. die verschärften Regelungen zur Scheinselbstständigkeit, der generelle Rückgang der Neugründungen, die sinkenden Zahlen in den jüngeren Generationen, die Entwicklung des 1. Arbeitsmarktes, die Vorgänge bei der Deutschen Rentenversicherung und die hohen Sozialabgaben, denen der VGSD e.V. entgegenzuwirken versucht.

Arbeitskräftemangel hat etwas nachgelassen

Angebotsseitige Einschränkungen, wie Arbeitskräftemangel oder fehlende Kapazitäten, haben etwas nachgelassen, während Finanzierungsengpässe merklich häufiger auftreten als in den vergangenen Quartalen. Die Differenz zwischen Selbstständigen und der Gesamtwirtschaft hat sich zwar verringert, aber das liegt vor allem daran, dass der Saldo des Geschäftsklimas bei den großen Unternehmen gesunken ist, auf minus 9,8 Punkte.

Die deutsche Wirtschaft steckt derzeit in einer schwierigen Lage, da zuletzt vor allem Investitionen zurückgefahren wurden. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Frühjahrsquartal um 0,1 Prozent, nachdem es in den ersten drei Monaten noch zu einem Wachstum von 0,2 Prozent gereicht hatte. Ökonomen erwarten in der zweiten Jahreshälfte nur einen blutleeren Aufschwung, da viele Unternehmen über einen Auftragsmangel klagen.

Jimdo-CEO Matthias Henze sagt angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation: „Die Lage der Selbstständigen bleibt herausfordernd. Da kurzfristige Verbesserungen nicht in Sicht sind, müssen wir daher aufpassen, nicht eine ganze Reihe von ihnen zu verlieren. In Kombination mit historisch niedrigen Gründungszahlen könnte dieser bedeutende Wirtschaftsbereich ansonsten erheblich schrumpfen.“

Branchen-Ranking: Krisen-Profiteur Unternehmensberatung

Zwischen den einzelnen Branchen des Dienstleistungssektors bestehen große Unterschiede:

Lage, Erwartungen und damit auch Klima durchweg negativ bewerten die Selbstständigen aus der Kreativbranche (künstlerische und unterhaltende Tätigkeiten) – zusammen mit denen aus Einzelhandel, Gastronomie, verarbeitendem und Baugewerbe.

Nur bei den Unternehmensberater/innen sind Lage, Klima und Erwartungen im positiven Bereich, nur bei ihnen ist also eine Mehrheit der Befragten (leicht) positiv gestimmt. In wirtschaftlich schweren Zeiten sind viele andere Selbstständige auf ihren Rat angewiesen. Sie sind die einzige Branche mit positiven Erwartungen!

Das Ifo-Institut und Jimdo berechnen seit August 2021 den Geschäftsklimaindex für Soloselbständige und Kleinstunternehmen mit weniger als neun Mitarbeitern. Alle Sektoren sind abgebildet, der Schwerpunkt liegt auf dem Dienstleistungssektor.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Politik
Politik "Fröhlichkeit bei der Arbeit": Merz strebt zweite Amtszeit an
19.02.2026

"Alle mal zusammen ins Rad packen": Bundeskanzler Friedrich Merz will, dass die Deutschen mehr arbeiten - und eine zweite Amtszeit.

DWN
Politik
Politik Ukraine vor politischer Weichenstellung: Mögliche Wahlen und Friedensreferendum unter US-Druck
19.02.2026

Unter US-Druck treibt Präsident Wolodymyr Selenskyj Präsidentschaftswahlen und ein mögliches Friedensreferendum in der Ukraine voran....

DWN
Politik
Politik Trump-Friedensrat: Gaza, Entwaffnung und internationale Fronten
19.02.2026

Trump will die Weltpolitik neu ordnen – mit einem eigenen Friedensrat und milliardenschweren Versprechen für Gaza. Wird aus politischer...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Ringen um 5.000 Dollar – wie geht die Goldpreis-Entwicklung weiter?
19.02.2026

Der Goldpreis hat nach einer monatelangen Aufwärtsrally einen deutlichen Rücksetzer erlebt. Viele Beobachter verweisen dennoch auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Rückkehr zur Präsenzpflicht? Wann die Produktivität im Homeoffice sinkt – und wie Unternehmen dies vermeiden
19.02.2026

Homeoffice ist inzwischen in einigen Branchen selbstverständlich - wird aber oft von Arbeitgebern kritisch beobachtet. Dabei kann die...

DWN
Technologie
Technologie "Tod der E-Zigarette"? Branche warnt vor Verbotsplänen
19.02.2026

Sind E-Zigaretten ein Segen, weil sie Kettenraucher von der klassischen Zigarette wegführen, oder ein Risiko, weil ihr Konsum Schadstoffe...

DWN
Politik
Politik Iran: Wann greift Trump an?
19.02.2026

Die Atomgespräche zwischen Washington und Teheran scheitern erneut. Experten warnen vor einem möglichen militärischen Konflikt, der die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen DB Cargo-Stellenabbau: 6.200 Jobs fallen bei Deutsche Bahn-Tochter weg
19.02.2026

Fast jede zweite Stelle soll weg – DB Cargo steht vor einem historischen Einschnitt. Der neue Chef setzt alles auf eine Karte, denn...