Wirtschaft

Weniger Verkäufe, zu wenig Innovation: Demontiert sich Deutschlands Automobilbranche selbst?

Werksschließungen, Stellenabbau und die Angst vor China: Deutschlands Autobauer scheinen in der Krise zu stecken. Doch warum hat die einst so mächtige Autobranche ihre Stellung eingebüßt, und wie könnte sie diese wiedererlangen?
15.09.2024 11:00
Lesezeit: 4 min
Weniger Verkäufe, zu wenig Innovation: Demontiert sich Deutschlands Automobilbranche selbst?
Markenvorstand Ralf Brandstätter von VW kündigte an, den Sparkurs zu verschärfen – notfalls auch durch Werksschließungen und Entlassungen. (Foto: dpa) Foto: Hendrik Schmidt

Die hervorragende Technik von Volkswagen galt lange als Flaggschiff deutscher Ingenieurskunst, die die ganze Welt erobern sollte. Bis in die entlegensten Winkel der Erde galten deutsche Autos als zuverlässig, leistungsstark und zukunftsweisend. Doch heute scheint das gänzlich anders zu sein. Nicht wenige Menschen überraschte die Ankündigung von Markenvorstand Ralf Brandstätter, den Sparkurs der Firma VW verschärfen zu wollen, notfalls auch mit Werksschließungen und Entlassungen.

Das Modell VW scheint am Ende zu sein, und mit ihm zahlreiche vernetzte Unternehmen wie Bosch, ZF und Continental. Auch weitere Automobilhersteller, die im Schatten des 87-jährigen Giganten auf ein ähnliches Erfolgsrezept setzten, bangen indessen um ihre Zukunft. Dabei stellt sich die Frage, warum Deutschlands Automobilindustrie ausgerechnet jetzt von zahlreichen Krisen erfasst wird.

Neben dem Vorstoß chinesischer und US-amerikanischer Player auf dem deutschen Markt sind auch politische sowie hausgemachte Fehlentscheidungen ursächlich für die ungünstige Entwicklung. Warum Deutschlands Automobilbranche in einer schweren Krise steckt und wie diese sich auf den Kurs des Landes auswirken könnte, wird derzeit emsig diskutiert.

Konkurrenzdruck, hohe Kosten und politische (Fehl-)Entscheidungen: Gründe für den Abstieg

Die Gründe für die missliche Lage deutscher Autobauer sind vielfältig. Abgesehen von dem komplizierten Beispiel VWs, das durch seine enge Verzahnung mit dem Land Niedersachsen und seinen stattlichen Gehältern einem besonderen Druck unterliegt, bedürfen gewissermaßen alle deutschen Autobauer einer gründlichen Untersuchung. So arbeiten derzeit etwa 770.000 Deutsche in der heimischen Autoindustrie, laut der Deutschen Bank seien aber 130.000 Stellen gefährdet. In den vergangenen Jahren wurden nur acht Prozent der Stellen abgebaut, während die Produktion um 23 Prozent seit ihrem Höchstwert im Jahr 2017 sank. Dieses Ungleichgewicht verschärft die Krise und provoziert jetzt den längst überfälligen Abbau.

Die Konkurrenz aus dem Ausland wächst nämlich, und zwar im rasanten Tempo. Problematisch ist hierzulande etwa die überdurchschnittlich hohe Entwicklungszeit innovativer Produkte. Während der chinesische Hersteller BYD im Schnitt 18 Monate benötigt, um ein neues Fahrzeug zu entwickeln, dauert dies bei deutschen Herstellern etwa doppelt so lange. Auch scheinen amerikanische und chinesische Unternehmen schneller bei der Adaption neuer Technik zu sein, etwa in der Konnektivität moderner E-Autos. Gepaart mit günstigen Preisen sind vorwiegend die Chinesen eine große Bedrohung für deutsche Autohersteller, während Tesla nach wie vor von seiner bahnbrechenden Technik und seinem hohen Prestige profitiert.

So wollen erstere den europäischen Markt mit enorm günstigen Fahrzeugen überschwemmen, während letztere Firma ein autonomes Fahrsystem für den europäischen Markt ankündigt. Derweil will Japan die heimische Batterieproduktion für Elektrofahrzeuge mit 2,16 Milliarden Euro fördern, Toyota konzentriert sich wieder verstärkt auf seine Verbrennerfahrzeuge und Stellantis investiert 5,6 Milliarden Euro in Argentinien, um dort eine Fahrzeuglinie samt neuem Motor zu entwickeln. Wo bleiben da die deutschen Gegenschläge?

Regulierungen und Verbote: Wie die Politik der Autobranche weitere Steine in den Weg wirft

Die wären vielleicht schon gekommen, wenn nicht noch äußere Faktoren die Innovationskraft deutscher Autobauer gehemmt hätten. So droht dem Verbrennermotor ab 2035 das Aus — trotz umweltschonender E-Fuels, HVO-Diesel, die grundsätzlich an deutschen Tankstellen zugelassen würden. Es blieb das E-Auto als Alternative, dessen Kauf bis Ende letzten Jahres großzügig gefördert wurde. Doch ebendiese Förderung wurde blitzartig ausgesetzt, sodass die ohnehin schon dürftige Nachfrage nach Elektroautos einbrach. Mit ihrem Willen, die Energiewende voranzutreiben, usurpiert die deutsche Politik aber nicht nur den heimischen Markt, sondern belastet auch die Exporte deutscher Autobauer.

So kommt das Verbrenner-Aus wider die Tatsache, dass im weltweit wichtigsten Markt China Millionen Menschen auf zuverlässige Verbrenner setzen müssen, die bekanntlich zu den Stärken deutscher Ingenieurskunst zählen. Während Marken wie der bahnbrechende E-Auto-Hersteller BYD mit erstklassigen Elektroautos punkten, benötigen viele Chinesen in ruralen Gebieten des Landes klassische Ottomotoren — die Deutschland ohne Weiteres produzieren könnte. Zwar investierte VW just im Juni 2024 weitere 60 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Verbrenner. Das Rahmenziel aber, zu zwei Dritteln Elektroautos zu produzieren, dürfte die Entwicklung konkurrenzfähiger Verbrennermotoren für das Ausland schmerzlich verlangsamen.

Sparen und trotzdem nach vorn preschen

Droht angesichts dieser schwierigen Lage also die Verkleinerung, die Beschränkung wichtiger Player wie VW auf den heimischen Markt Europa? Mitnichten, meint etwa Beatrix Keim vom Center for Automotive Research (CAR). Es sei gerade jetzt besonders wichtig, in den chinesischen Markt zu investieren, der noch lange nicht gesättigt sei. Hier müssten insbesondere Verbrennermodelle weiterentwickelt und verkauft werden, auch wenn die deutschen Firmen immer mit plötzlichen Subventionen heimischer Konkurrenten oder strenger Umweltauflagen rechnen müssen. Auch sei die Zusammenarbeit in Joint Ventures wie mit dem amerikanischen Elektroauto-Hersteller Rivian zielführend, um die Technologie in schnellen Schritten weiterzuentwickeln.

Allerdings müsste auch die Bundesregierung eine klare Strategie verfolgen, um die Autohersteller zu unterstützen. Die spontane und schlecht kommunizierte Aussetzung der E-Auto-Förderung, die massive Erhöhung der Energiepreise seit der Corona-Pandemie und auch die bislang unklare De-Risking-Strategien haben der Autoindustrie empfindlich geschadet. Zwar sei es lobenswert, dass die EU nicht rigorose Strafzölle wie die USA verhängten, da sie somit auch ihre Absätze in China selbst schütze. Doch es bedürfe mehr Engagement, um die deutsche Autoindustrie zu schützen. Das gilt sowohl bei der Transformation zu moderner E-Mobilität, als auch zur Sicherung der Verbrennertechnik, die Deutschland einst so groß gemacht hat. Dem Beispiel Toyotas oder Volvo folgend kann und sollte die deutsche Automobilindustrie vom Ziel einer rein elektrischen Mobilität absehen und ihre traditionsreichen Verbrenner weiterentwickeln — denn diese lassen sich heute nicht nur beinahe emissionsfrei betreiben, sondern sie werden auch in großen Teilen der Welt weiterhin nachgefragt.

Die deutsche Automobilbranche: Achillesferse unseres Wohlstands?

Deutschlands Wohlstand stützt sich auf viele Pfeiler, die derzeit mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Die drei wichtigsten Industrien sind die Autoindustrie, gefolgt vom Maschinenbau und schließlich der Chemieindustrie. Die Produktion im gesamten verarbeitenden Sektor sank im Juli 2024 in Deutschland um 2,4 % und könnte noch weiter sinken, denn die einst großen Exportmärkte schrumpfen und die Produktionskosten liegen weit über denen der Konkurrenzländer, insbesondere China.

Deutschlands Automobilbranche demontiert sich nicht selbst, auch wenn die zahlreichen Fehlentscheidungen und die Verkündung radikaler Sparmaßnahmen den Eindruck erwecken dürften. Vielmehr scheint sie überfordert mit der unübersichtlichen Situation. Das ist primär dem Umstand geschuldet, dass die chinesische Konkurrenz in den trägen Coronajahren zu einem qualitativ hochwertigeren und ungleich günstigeren Gegenspieler herangewachsen ist. Doch es ist noch nicht zu spät. So beschreibt das CAR in einer neuen Studie, mit einem E-Auto, das eine hohe Reichweite, autonomes Fahren und einen günstigen Preis von 25.000 Dollar vereine, ließe sich die Nachfrage nach E-Autos erhöhen, und das nachhaltig. Mit ihm könnte auch im europäischen Markt eine Dynamik entwickelt werden, die der Industrie und der Energiewende gleichermaßen zuträglich sei.

Doch um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, benötigt die Autoindustrie nicht nur die angekündigte Verschlankung und strategische Neuausrichtung. Die Politik muss ihr schützend zur Seite stehen, wie sie dies in den USA oder in China seit Langem tut. Doch eine unklare Kommunikation sowie unterschiedlichste Programme wie die Förderung von E-Autos mit Steuergeschenken begeistern nicht jeden. Mit ihren erratischen und ideologisch aufgeladenen Entscheidungen, die die Bundesregierung in den vergangenen Jahren an den Tag gelegt hat, dürfte ihr nur eines gelingen: eine nachhaltige Selbstdemontage.

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Virgil Zólyom

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Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

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