Finanzen

Zinswende in USA und Europa: Wie Anleger sich jetzt ideal aufstellen

Die Notenbanken treiben die Angst vor der Rezession um und veranlassten sie zu Zinssenkungen. Was bedeutet die Zinswende für Anleger und wie können sie sich optimal positionieren?
06.10.2024 11:03
Lesezeit: 4 min
Zinswende in USA und Europa: Wie Anleger sich jetzt ideal aufstellen
Nach einer langen Phase extrem niedriger oder sogar negativer Zinsen infolge der globalen Finanzkrise von 2008 haben die Zentralbanken in den USA und Europa ab 2022 begonnen, die Zinsen schrittweise zu erhöhen. (Foto: iStock.com, Torsten Asmus) Foto: Torsten Asmus

Die Weltwirtschaft hat in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Krisen erlebt, die erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte und die Geldpolitik hatten. Im Gegensatz zu früheren Wirtschaftsschocks wie der Großen Depression von 1929 reagieren die Zentralbanken in Europa und den USA heute entschlossener, um die Wirtschaft in Krisenzeiten zu stabilisieren.

Nach einer langen Periode extrem niedriger oder sogar negativer Zinssätze als Folge der globalen Finanzkrise von 2008 haben die Zentralbanken in den USA und Europa seit 2022 begonnen, die Zinssätze schrittweise anzuheben. Dies war eine Reaktion auf die stark gestiegene Inflation, die durch Lieferkettenprobleme, geopolitische Spannungen und expansive fiskalpolitische Maßnahmen angeheizt wurde.

Nun, da die Inflation weitgehend unter Kontrolle zu sein scheint, gibt es gleichzeitig Anzeichen für eine konjunkturelle Schwächephase. In der Folge haben die Zentralbanken bereits erste Zinssenkungen vorgenommen und weitere Schritte angekündigt. Diese Zinswende hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Anleger, die ihre Strategien überprüfen müssen, um von den veränderten Marktbedingungen zu profitieren.

Anleihen: Sicherer Hafen in stürmischen Zeiten?

Anleihen gelten an der Börse als sicherer Hafen für Anleger. Sie sind in Zeiten sinkender Zinsen eine relativ verlässliche Anlageform, da sie einen festen Zinsertrag garantieren. Zudem steigen die Kurse älterer Papiere mit höheren Kupons. Sinkende Zinsen machen sie im Vergleich zu neu emittierten Anleihen mit niedrigeren Zinsen attraktiver.

Eine Studie von HQ Trust zeigt, dass sich Zinssenkungsphasen in der Vergangenheit positiv auf Anleihen ausgewirkt haben. Die Analyse betrachtet historische Daten seit 1970 und untersucht die durchschnittlichen Renditen von Aktien und Anleihen in den USA während und nach Zinssenkungsphasen. In allen 17 Zinssenkungsphasen konnten Anleihen zulegen. Im Durchschnitt legten sie um 10,8 Prozent zu.

Allerdings gab es große Unterschiede, ob eine Rezession vorlag oder nicht: Während einer Rezession stiegen die Anleihekurse um 15,8 Prozent. Ohne Rezession betrug der Anstieg nur 5,2 Prozent. Bei Aktien ist das Bild weniger eindeutig. Im Durchschnitt legten sie in Zeiten sinkender Zinsen um 0,4 Prozent zu. Allerdings waren die Schwankungen groß: Während der Finanzkrise verloren Aktien fast 40 Prozent, während sie Anfang der 1990er Jahre 45 Prozent gewannen. In der Vergangenheit haben Anleger in Zinssenkungsphasen tendenziell also mehr mit Anleihen als mit Aktien verdient, wobei es wichtig ist, den fundamentalen Kontext zu berücksichtigen.

Aktien: Chancen und Risiken im Zinstief

Obwohl Anleihen in Zeiten sinkender Zinsen attraktiv erscheinen, sollten Anleger Aktien nicht außer Acht lassen. Wenn die Aktienmärkte gestiegen sind, haben Aktien historisch gesehen in sechs von sieben Fällen höhere Renditen erzielt als Anleihen. Aktien bieten also ein höheres Renditepotenzial, sind aber auch mit einem höheren Risiko verbunden.

Ein Blick auf den MSCI World, einen der wichtigsten Aktienindizes der Welt, zeigt, dass er in den vergangenen 37 Jahren trotz einiger Korrekturen eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 8,6 Prozent erzielt hat. Auch andere wichtige Aktienindizes großer Volkswirtschaften wie der S&P 500 oder der DAX konnten über einen längeren Zeitraum überzeugen. Diese Entwicklung zeigt, dass Aktien langfristig eine attraktive Anlageklasse sein können, insbesondere für Anleger mit einem höheren Risikoprofil.

Wer bereit ist, kurzfristige Schwankungen in Kauf zu nehmen, kann mit Aktien langfristig höhere Renditen erzielen als mit Anleihen. Eine Diversifikation des Aktienportfolios über verschiedene Länder, Branchen und Größenklassen ist jedoch ratsam, um das Risiko zu minimieren und die Renditechancen zu optimieren.

Welche Sektoren und Anlagestile jetzt besonders interessant sind

In einem Umfeld sinkender Zinsen haben sich in der Vergangenheit einige Sektoren besonders gut entwickelt. Traditionell gelten defensive Sektoren wie das Gesundheitswesen und der nichtzyklische Konsum als widerstandsfähig, da die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten konstant bleibt. Sie schneiden auch in Rezessionen besonders gut ab, da ihre Produkte immer benötigt und konstant nachgefragt werden.

Zyklische Konsumgüter und Technologie profitieren zudem von sinkenden Zinsen. Die Konsumenten haben mehr Geld zur Verfügung und die Unternehmen profitieren von günstigeren Finanzierungskosten. Wie die Morningstar-Analyse vergangener Krisen zeigt, sind sie aber vor allem Profiteure einer weichen Landung der Wirtschaft und schneiden in einer Rezession deutlich schlechter ab als defensive Sektoren.

Wenn die Zinsen sinken, können Anleger von bestimmten Anlagestilen profitieren. Laut einer Analyse der National Conference on Public Employees Retirement Systems (NCPERS) schnitten Momentum- und Qualitätsaktien mit einer durchschnittlichen Rendite von 13,9 Prozent bzw. 11 Prozent am besten ab. Interessanterweise schnitten diese beiden Anlagestile auch in einem Umfeld steigender Zinsen am besten von allen untersuchten Anlagestilen ab. Laut Morningstar ist es auch der Faktor Qualität, der in Rezessionen am besten abschneidet.

Strategie-Tipps für die Zinswende

Angesichts der aktuellen Zinssenkungen sollten Anleger Ruhe bewahren und sich auf langfristige Ziele konzentrieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht im perfekten Timing, sondern darin, wie lange Sie investiert bleiben. Auch wenn eine Rezession droht, ist die Unsicherheit in der aktuellen Situation nicht mit dem Beginn der Corona-Pandemie zu vergleichen. Schwankungen sind normal und liegen in der Natur der Märkte.

Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wie sich die Wirtschaft in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird. Ein diversifiziertes Portfolio aus Anleihen und Aktien ist daher die beste Vorbereitung auf verschiedene Szenarien. Die Gewichtung der Anlageklassen sollte sich an den individuellen Zielen und der Risikobereitschaft orientieren.

Bei der Aktienauswahl steht die Qualität im Vordergrund. Unternehmen mit hoher Kapitalrendite, stabilen Margen, geringer Verschuldung und stetigem Gewinnwachstum bieten Stabilität in jedem Umfeld. Bei den Branchen lohnt sich ein Blick auf die defensiven Sektoren Gesundheit und nichtzyklischer Konsum, die auch in Rezessionen stabil bleiben. Für risikofreudigere Anleger, die auf eine weiche Landung der Wirtschaft setzen, könnten hingegen die Sektoren Technologie und zyklischer Konsum in einem Umfeld sinkender Zinsen besonders interessant sein.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Finanzen
Finanzen ETF-Boom unter Kritik: Verzerren passive Investments den Markt?
14.01.2026

ETF gelten manchen Kritikern als Gefahr für den Kapitalismus. Angesichts der wachsenden Dominanz passiver Investments stellt sich die...

DWN
Politik
Politik US-Geldpolitik unter Druck: Strafrechtliche Vorladungen gegen Jerome Powell
14.01.2026

Der Konflikt zwischen politischer Macht und institutioneller Unabhängigkeit in den USA erreicht eine neue Eskalationsstufe. Steht damit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft WEF-Jahrestreffen in Davos: Furcht vor geoökonomischer Konfrontation
14.01.2026

Welche Folgen hat es, wenn Staaten gezielt mit wirtschaftlichen Mitteln Macht ausüben? Im Bericht über globale Risiken der Stiftung World...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bosch-Kooperation mit Neura Robotics: Wie humanoide Roboter schneller lernen sollen
14.01.2026

Humanoide Roboter rücken in den Fokus der Industrie – und eine Bosch-Kooperation mit Neura Robotics soll den nächsten Schritt...

DWN
Politik
Politik Bekämpfung der Inflation: Österreich senkt Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel
14.01.2026

Die Inflation in Österreich ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt hoch. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos einigt sich auf eine...

DWN
Politik
Politik Ukraine verlängert Kriegsrecht: Neuer EU-Kredit soll vor allem Militär stärken
14.01.2026

Das neue riesige EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro soll nach dem Willen der Europäischen Kommission zu einem großen Teil den...

DWN
Immobilien
Immobilien Pflegeimmobilie als Geldanlage: Finanzbranche entdeckt das Pflegeheim
14.01.2026

Die deutsche Bevölkerung altert, und damit steigt der Bedarf an Betreuung. Banken und private Kapitalgeber suchen nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Handschriftliches Testament: Wenn eine einfache Quittung über Millionen entscheidet
14.01.2026

Handschriftliches Testament: Wie sicher ist Ihr letzter Wille? Ein aktueller Prozess um eine Darlehensquittung hat die Tücken des...