Politik

Kommentar zur Österreich-Wahl: Die siegreiche FPÖ wird noch stärker werden

Durch den FPÖ-Erfolg bei der Österreich-Wahl sind wirtschaftlich keine raschen Veränderungen zu erwarten. Die Grenzkontrollen zumindest dürften vorübergehend verschärft werden, doch das Ergebnis der österreichischen Wahl vom vergangenen Sonntag kam nicht überraschend. Dafür gibt es Gründe!
Autor
03.10.2024 11:07
Lesezeit: 3 min

FPÖ-Erfolg: Folgen für Österreich, Slowenien und die EU

Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) wurde zum ersten Mal in ihrer Geschichte stärkste Kraft, gefolgt von der ÖVP, der SPÖ, den NEOS und den Grünen, die ebenfalls in den Nationalrat einzogen. Meinungsumfragen hatten bereits seit längerem einen klaren Sieg der FPÖ vorhergesagt, doch der zuletzt prognostizierte Aufschwung der ÖVP blieb bei der Wahl aus.

Die FPÖ erreichte 58 der 183 Sitze, die ÖVP 52, die SPÖ 41, die NEOS 17 und die Grünen 15. Doch wer wird die Regierung bilden? Zunächst Folgendes: Die traditionelle politische Elite Österreichs, zu der auch der grüne Bundespräsident Alexander Van der Bellen gehört, hat große Vorbehalte gegenüber der FPÖ. Sie bezeichnet diese als eine Partei, die Russland und Putin gegenüber loyal sei, insbesondere Viktor Orbán und seiner politischen Ausrichtung nahe stehe, und deren Führungskräfte sich von nationalsozialistischen Traditionen und Terminologien inspirieren ließen.

1. Wem wird Van der Bellen den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen?

Das ist derzeit noch unklar. Van der Bellen wird jedoch versuchen, es zu vermeiden, dem FPÖ-Vorsitzenden Herbert Kickl den Auftrag zu geben. Kickl ist eine umstrittene Persönlichkeit, insbesondere wegen seiner Sympathien für die politische Ausrichtung Ungarns. Der aus Radenthein in Kärnten stammende Politiker, der vielen Slowenen als Zwischenstopp auf dem Weg zum Skigebiet Bad Kleinkirchheim bekannt ist, nähert sich mittlerweile den 60 Jahren.

Die FPÖ wurde in den letzten Jahrzehnten von zwei bedeutenden Persönlichkeiten geprägt: dem verstorbenen Jörg Haider und Heinz-Christian Strache, der als Vizekanzler zurücktrat, nachdem er auf Video festgehalten wurde, wie er einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte im Tausch gegen politische Unterstützung Aufträge anbot. Haider und Strache waren beide für ihre Geldgier bekannt, während Kickl, der aus einfachen Verhältnissen stammt und Philosophie studierte, das Studium aber nicht abschloss), als rhetorisch begabter Asket gilt, der nicht zu unterschätzen ist. Dies macht ihn für viele noch unangenehmer. Van der Bellen wird versuchen, Kickl von der Regierungsbildung auszuschließen, doch die Frage ist, wie lange ihm dies gelingen wird.

2. Drei mögliche Koalitionen, alle mit Vorbehalten

Die ÖVP könnte eine Koalition mit der FPÖ eingehen, wenn die FPÖ auf den Kanzlerposten verzichtet. Wäre Kickl nicht Parteivorsitzender, könnte ein libertärer Kanzler durchaus vorstellbar sein. Es besteht die Möglichkeit, dass die ÖVP den aktuellen Kanzler Karl Nehammer als Parteichef ablöst, der der FPÖ gegenüber die größten Vorbehalte hat. In diesem Fall könnte Kickl Kanzler werden.

Alternativ könnte die ÖVP eine Koalition mit der SPÖ bilden. Diese hätte zwar eine Mehrheit im Parlament, wäre aber politisch schwach. Derzeit scheint es, als würde die ÖVP intern darüber debattieren, mit wem sie koalieren soll, wobei eine Mehrheit der Partei einer Zusammenarbeit mit der FPÖ positiv gegenübersteht. Eine dritte Option wäre eine Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS, die zwar stabiler wäre, aber inhaltlich wenig Gemeinsamkeiten hätte. Für die Grünen ist hingegen nahezu ausgeschlossen, dass sie Teil einer solchen Regierung werden, da sie aufgrund umstrittener politischer Aktionen einiger ihrer Mitglieder in den letzten Monaten von fast allen Seiten abgelehnt werden.

Fazit

Sollte die FPÖ – mit oder ohne Kickl – nicht Teil der Regierung sein, ist es wahrscheinlich, dass die Koalition instabil wird und das Schicksal der deutschen Ampelkoalition teilt. Eines scheint jedoch sicher: Wenn die FPÖ nicht in die Regierung eingebunden wird, wird sie in den nächsten Jahren noch mehr an Zuspruch gewinnen. Es ist wahrscheinlich, dass die FPÖ dennoch an der Regierung beteiligt wird, eventuell mit kleineren Partnern aus der ÖVP. Ein FPÖ-Innenminister Kickl, der dieses Amt bereits einmal innehatte, ist vorstellbar, ein Kanzler Kickl jedoch nahezu ausgeschlossen.

Auswirkungen auf Österreich, Slowenien und die EU

Werden die Freiheitlichen Österreich von der EU distanzieren? Vermutlich nicht direkt, doch sie werden versuchen, die österreichische Politik in Richtung Viktor Orbán zu lenken, was zu Konflikten mit der EU-Kommission führen könnte. Unter einer FPÖ-geführten Regierung könnte Österreich Ungarn ähnlicher werden, wobei man jedoch bedenken muss, dass Österreich eine gefestigte Demokratie ist, die sich nicht so leicht aushöhlen lässt. Wirtschaftlich sind keine schnellen Veränderungen zu erwarten, außer dass die Grenzkontrollen zumindest für eine Weile strenger gehandhabt werden.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Peter Frankl

                                                                            ***

Peter Frankl ist Geschäftsführer der Deutschen Wirtschaftsnachrichten sowie Herausgeber von „Finance“, des führenden Wirtschaftsportals und Wirtschaftsmedien-Verlags von Slowenien. Aufgewachsen in Slowenien und Österreich, verfügt er über rund 30 Jahre Erfahrung als Journalist und Medienmanager beim schwedischen Verlag „Bonnier“.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Drogeriemarkt DM expandiert: Omnichannel-Strategie treibt Auslandsgeschäft an
17.01.2026

Der DM-Konzern treibt den Ausbau seines Auslandsgeschäfts trotz hoher Anlaufkosten gezielt voran. Geht die Skalierungsstrategie des...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Eberswalder Wurst: Fleischriese Tönnies macht Traditionsbetrieb dicht – warnendes Lehrstück für andere Unternehmen
16.01.2026

Mit der Schließung der Eberswalder Wurstwerke verschwindet ein weiterer DDR-Traditionsbetrieb. Das Werk im brandenburgischen Britz wird im...

DWN
Politik
Politik Trump setzt sich durch: Wie die Abstimmung im US-Senat den Kongress spaltet
16.01.2026

Donald Trump demonstriert erneut, wie eng seine Machtbasis im US-Kongress weiterhin ist, selbst bei umstrittenen außenpolitischen Fragen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kakaopreis rutscht ab: Ursachen und Folgen für Märkte und Industrie
16.01.2026

Der Kakaomarkt reagiert auf spürbare Veränderungen bei Nachfrage und Verarbeitung. Signalisiert der jüngste Rückgang des Kakaopreises...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Porsche-Aktie: Absatzkrise in China – Porsche verkauft deutlich weniger Fahrzeuge
16.01.2026

Porsche spürt die anhaltende Marktschwäche in China deutlich: Der Absatz ging 2025 um rund ein Viertel auf 41.900 Fahrzeuge zurück....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise verschärft sich: Gaspreise in Europa innerhalb einer Woche um 20 Prozent gestiegen
16.01.2026

Europas Gasmarkt erlebt einen kräftigen Preissprung: In nur einer Woche stiegen die Kosten für Erdgas um rund 20 Prozent und erreichten...

DWN
Panorama
Panorama Urlaubspläne 2026: Deutsche halten trotz Wirtschaftskrise fest
16.01.2026

Die Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung planen für 2026 eine Urlaubsreise. Dennoch ist die Zahl...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stromversorgung nach Kohleausstieg: Braucht Deutschland Gaskraftwerke?
16.01.2026

Die Debatte um neue Gaskraftwerke in Deutschland wird intensiver. Die Regierung sieht sie als zentral für die Versorgungssicherheit,...