Technologie

Elon Musk digitalisiert die US-Regierung – und entlässt dabei zehntausende Mitarbeiter per Algorithmus

Was als Effizienzprogramm begann, entwickelt sich zur Machtprobe zwischen Technologie, Datenschutz und Demokratie. Wie KI das Herz der Verwaltung erobert – und dabei die Grenzen des Rechtsstaats gefährlich ausweitet.
23.05.2025 10:56
Lesezeit: 2 min
Elon Musk digitalisiert die US-Regierung – und entlässt dabei zehntausende Mitarbeiter per Algorithmus
Die automatisierten Massenentlassungen in den USA durch Künstliche Intelligenz könnten fpr eine Klagewelle sorgen. (Foto: dpa) Foto: Oliver Berg

Einsparung durch Massenentlassungen

Die von der Regierung Trump initiierte Behörde DOGE hat sich einem ehrgeizigen Ziel verschrieben: Einsparungen im Bundeshaushalt in Höhe von einer Billion US-Dollar. Um dies zu erreichen, setzt man auf zwei Hebel: drastische Budgetkürzungen und Massenentlassungen – befeuert durch den Einsatz von KI-Technologie.

Die neue Strategie trägt den Namen „AI-first“: Künstliche Intelligenz wird zum zentralen Werkzeug zur Optimierung von Verwaltungsprozessen, Ausgaben und Kommunikation. Doch das Tempo der Umsetzung überrollt bestehende Standards – und birgt weitreichende Risiken.

Automatisierung als Vorwand für Stellenabbau

Die Folgen zeigen sich bereits: Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar haben rund 260.000 Beschäftigte den öffentlichen Dienst verlassen – durch Ruhestand oder Kündigung. Ein Teil dieser Entlassungen wurde durch eine automatisierte Entscheidung getroffen. Dabei kam eine überarbeitete Software des Pentagons zum Einsatz: Das ehemals kaum genutzte System „AutoRIF“ wurde von DOGE in das cloudbasierte „Workforce Reshaping Tool“ umgewandelt.

Dieses analysiert Kriterien wie Dienstjahre, Status und Leistung, um über Entlassungen zu entscheiden – ohne menschliche Prüfung. Erste Rückmeldungen sprechen von zahlreichen Fehlentscheidungen. Experten warnen: Automatisierte Prozesse auf Basis falscher Annahmen führen zu Fehlern in bislang unbekanntem Ausmaß.

Demokratische Risiken durch Datenkonsolidierung

Zusätzliche Brisanz erhält der KI-Einsatz durch eine neue Rechtsgrundlage: Präsident Trump unterzeichnete einen Erlass, der die Zusammenführung unterschiedlicher Behördendatenbanken in eine zentrale Plattform erlaubt. Kritiker wie der Brookings Institution oder der Lawfare Institute sehen darin eine massive Bedrohung für Datenschutz, Bürgerrechte und demokratische Kontrolle.

Denn DOGE erhält damit weitreichenden Zugriff auf sensible Informationen – mit der Möglichkeit, diese nicht nur für Regierungszwecke, sondern auch zur Entwicklung kommerzieller KI-Systeme zu nutzen. Die rapide Umsetzung erfolgt unter Umgehung üblicher rechtlicher Prüfverfahren.

Technologie über Rechtsstaatlichkeit

Ein besonders brisantes Beispiel: Einem Praktikanten bei der Wohnungsbehörde HUD wurde aufgetragen, regulatorische Dokumente mithilfe von KI zu analysieren. Zwar kann KI große Textmengen schnell verarbeiten – doch sie kennt weder juristische Feinheiten noch ethische Prinzipien. Die sogenannte „Halluzinationsneigung“ – das Erfinden plausibler, aber falscher Aussagen – bleibt ein ungelöstes Risiko.

Wie der Technikjournalist Brian Barrett (The Wired) schreibt, wird KI in US-Behörden mit „rücksichtslosem Eifer“ implementiert – auch in sensiblen Bereichen wie Personalentscheidungen oder Kontrollverfahren. DOGE plane sogar, Tausende Stellen durch autonome KI-Agenten zu ersetzen – also Systeme, die ohne menschliches Eingreifen Entscheidungen treffen können.

Zwischen Vision und Verfassungsbruch

Die Einführung von KI in der öffentlichen Verwaltung ist kein Novum – bereits unter Präsident Biden gab es erste Schritte. Doch unter Trump und Musk hat sich das Tempo drastisch beschleunigt. Die Folgen: juristische Auseinandersetzungen, Prüfverfahren, wachsender öffentlicher Widerstand.

Denn wo Effizienz zur Maxime wird, geraten Grundrechte ins Wanken. Der scheinbar technologische Fortschritt droht, zur politischen Rücksichtslosigkeit zu werden – mit ungewissem Ausgang.

Fazit

Was als digitaler Modernisierungsschub verkauft wird, entpuppt sich zunehmend als autoritärer Umbau staatlicher Strukturen: Datenzentralisierung, automatisierte Entlassungen und KI-gesteuerte Verwaltung schaffen Fakten, bevor demokratische Prozesse greifen können. Während die USA zur Testzone für einen technologisierten Staatsapparat werden, bleibt die Frage offen, ob dieser Weg langfristig mit rechtsstaatlichen Prinzipien vereinbar ist – und was andere Regierungen, auch in Europa, daraus lernen oder vermeiden sollten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Shein an der Börse: Wer bei Fast Fashion jetzt vorn liegt
05.09.2026

Der chinesische Konzern Shein hat sich an der Börse den größten Namen der Fast Fashion angeschlossen. Doch wie läuft es bei seinen...

DWN
Politik
Politik 37 Jahre alt und rund 15 Milliarden Euro schwer: Das ist Mario Draghis neuer Partner
05.09.2026

Der frühere EZB-Chef und ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi hat sich mit einem irischen Tech-Milliardär...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn-Sanierung ohne monatelange Vollsperrungen: VCD legt Gegenentwurf vor
05.09.2026

Die Bahn will ihr marodes Schienennetz mit groß angelegten Generalsanierungen zuverlässiger machen. Doch das bisherige Konzept bringt...

DWN
Finanzen
Finanzen Restaurant-Aktien: Zwei Wachstumswetten für die nächsten 20 Jahre
05.09.2026

Tech-Aktien gelten als erste Adresse für spektakuläres Wachstum. Doch zwei Restaurantketten aus den USA könnten Anlegern langfristig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deepal S05 im Test: Der Chinese, der keiner sein will
05.09.2026

Der Deepal S05 kommt aus China, trägt aber deutlich europäische Züge. Entworfen wurde der Elektro-SUV in Turin, und genau das merkt man...

DWN
Politik
Politik Landtagwahl in Sachsen-Anhalt: Was Sie über die Sachsen-Anhalt-Wahl wissen sollten
05.09.2026

Sachsen-Anhalt steht vor einer Wahl, deren Folgen weit über Magdeburg hinausreichen könnten. Die AfD liegt vorn, mögliche Mehrheiten...

DWN
Finanzen
Finanzen Anleihen: Warum Schulden so teuer sind wie lange nicht
05.09.2026

Die Renditen langfristiger Staatsanleihen großer Volkswirtschaften sind auf Niveaus gestiegen, die teils seit der Finanzkrise nicht mehr...

DWN
Technologie
Technologie Biometrie-Panne: Die gefährlichste Rolle ist der Zwilling
05.09.2026

Manche Dinge sind offenbar selbst für die klügsten Systeme eine zu große Herausforderung. Und dies ist eine Glosse genau über diese...