Politik

Margrethe Vestager war eine der mächtigsten Personen Europas – jetzt sagt sie das „goldene Zeitalter“ voraus

Margrethe Vestager gehörte zu den mächtigsten Frauen Europas. Jetzt zeichnet sie ein Bild der EU ohne USA – und sieht darin die große Chance auf eine „goldene Ära“. Doch ihre Forderungen an die Mitgliedstaaten sind radikal.
08.06.2025 14:01
Lesezeit: 3 min
Margrethe Vestager war eine der mächtigsten Personen Europas – jetzt sagt sie das „goldene Zeitalter“ voraus
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und der Europäischen Union sind in Flammen ausgebrochen. Aber dies wird die Möglichkeit von Reformen stärken, die die Wettbewerbsfähigkeit der EU erhöhen könnten, bewertet die langjährige EU-Kommissarin Margrethe Vestager. (Foto: dpa) Foto: Valeria Mongelli

Eine der mächtigsten Frauen Europas warnt – und hofft

Margrethe Vestager kennt Europa wie kaum eine andere. Zehn Jahre lang war sie EU-Kommissarin für Wettbewerb, fünf davon Vizepräsidentin der Kommission. Nun ist sie zurück auf der öffentlichen Bühne – mit einer radikalen Analyse und optimistischen Zukunftserwartungen, die aber klare Brüche verlangen.

In einem Vortrag auf einer Konferenz der Jyske Bank – und in einem anschließenden Interview – erklärte sie nüchtern: „Das Verhältnis zu den USA ist vorbei. Wir haben das Licht hinter uns ausgemacht. Es gibt keine Beziehung mehr, zu der wir zurückkehren können.“ Das ist mehr als eine außenpolitische Einschätzung. Es ist die Grundlage für eine Neuvermessung Europas.

Kalte Erkenntnis: Die USA wollen Europa nicht mehr als Partner

Für Vestager ist klar: Das transatlantische Vertrauen war ein europäisches Wunschbild – besonders in Dänemark. Doch spätestens mit der Trump-Präsidentschaft wurde klar, dass Europa für Washington kein gleichwertiger Partner mehr ist. Strafzölle, NATO-Zweifel, Ukraine-Skepsis – all das sei kein Ausrutscher, sondern ein Strukturbruch.

Selbst unter Joe Biden blieb der wirtschaftspolitische Schulterschluss aus. In Gremien mit US-Ministern wie Blinken oder Raimondo stieß die Kommission mit Vorschlägen für gegenseitige Maschinenzulassungen auf taube Ohren. Fazit: Auch die demokratisch regierte USA wollten „sehr, sehr wenig“, so Vestager.

Die goldene Ära kommt – aber nur mit tiefen Einschnitten

Ausgerechnet dieser Bruch eröffnet laut Vestager die Chance auf ein neues europäisches Zeitalter. Denn: „Europa verändert sich nur in der Krise. Wenn es keine Krise gibt, fahren wir ins Sommerhaus.“

Die Wirtschaftsdaten sprechen eine deutliche Sprache: In den letzten 25 Jahren wuchs die EU real nur um 0,4 Prozent jährlich – die USA dagegen um 2,2 Prozent. Für Vestager ist klar: Nur tiefgreifende Reformen können Europas Wachstum wiederbeleben – und genau jetzt sei der Moment, in dem politische Bewegung möglich werde.

Kapitalmärkte, Klimaziele und Produktivität als Schlüssel

Vestager benennt die Hebel konkret. Ein europäischer Kapitalmarkt müsse her – mit integrierten Regeln und grenzübergreifender Investitionsfähigkeit. Die von ihr vorgeschlagene öffentlich-private Wachstumsfonds-Idee sei ein Schritt in diese Richtung. Auch die Kapitalmarktunion müsse endlich umgesetzt werden – doch dafür brauche es ein gemeinsames europäisches Finanzaufsichtssystem, das bisher am Widerstand der Mitgliedstaaten gescheitert sei.

Gleichzeitig setzt Vestager auf strategische Souveränität – aber nicht auf Autarkie. Europa müsse etwa bei Chips nicht alles selbst machen, aber bei Schlüsseltechnologien mitgestalten und mitbestimmen.

Trump als unbeabsichtigter Katalysator

Für Vestager hat Donald Trump – indirekt – den nötigen Schub ausgelöst. Seine aggressive Rhetorik zwingt europäische Regierungen dazu, über ihre Komfortzone hinauszugehen. „Alle Politiker in Europa wurden jetzt gedrängt, sich zu bewegen“, sagt sie. Wenn dieser Druck genutzt werde, könne eine „goldene Ära“ beginnen: mit klarer Klima- und Digitalstrategie, Technologieförderung, Innovation und Wachstum.

Draghi-Bericht als strategischer Bauplan

Den zentralen Fahrplan für diesen Aufbruch sieht Vestager im „Draghi-Report“, verfasst vom früheren EZB-Chef Mario Draghi. Die Analyse benennt klar die strukturelle Schwäche Europas: zu wenig Innovation, veraltete Lieferketten, langsames Reagieren auf globale Veränderungen.

Die knapp 400 Seiten umfassende Studie empfiehlt technologische Aufholjagd, eine bessere Koordinierung der EU-Staaten und den Umbau der Wohlstandsmodelle. Doch selbst Vestager zweifelt an Europas Fähigkeit zum Multitasking: „EU und Mitgliedstaaten haben Mühe, Dinge gleichzeitig zu tun.“

Trotz aller früheren Spannungen lobt Vestager EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ausdrücklich: Sie habe den Mut gehabt, Draghi mit der Analyse zu beauftragen – und mit António Costa als neuem Ratspräsidenten sei die Spitze derzeit stark besetzt.

China: Notwendige Kooperation bei gleichzeitiger Rivalität

Ein weiterer Aspekt von Vestagers Analyse: Die Abwendung der USA wird Europa näher an China heranführen – zumindest rhetorisch. Sie erwartet eine „wärmere Sprache“ gegenüber Peking, warnt aber zugleich vor realen Problemen: Überkapazitäten, Marktzugang, geopolitische Konflikte.

Aus EU-Sicht sei China zugleich Partner beim Klima, wirtschaftlicher Konkurrent und strategischer Rivale. Eine politische Dreiecksbeziehung – unausweichlich, aber anspruchsvoll.

Regelwerk für die Union – mit Austrittsmöglichkeit durch Zwang

Einen besonders radikalen Punkt bringt Vestager am Ende ins Spiel: Die EU brauche eine neue Vertragsgrundlage, in der nicht nur der freiwillige Austritt wie bei Großbritannien geregelt ist – sondern auch die Möglichkeit, ein Mitglied aktiv auszuschließen. „Wer die Weiterentwicklung der EU blockiert, muss gehen können – oder müssen.“

Als Beispiel nennt sie Ungarn. Wer nicht mehr Teil der Clubregeln sein wolle, dürfe nicht länger auf Vetorechte pochen. Europa müsse handlungsfähig werden – auch gegen nationale Bremsklötze.

Fazit: Europa muss sich neu gründen – oder zerfallen

Margrethe Vestagers Analyse ist kompromisslos: Die transatlantische Ära ist vorbei. Die EU muss daraus Konsequenzen ziehen – wirtschaftlich, politisch, institutionell. Die Chance auf eine goldene Ära ist real – aber sie erfordert schmerzhafte Einschnitte, geopolitische Eigenständigkeit und institutionelle Reform.

Nur wenn Europa lernt, seine eigenen Regeln zu setzen – auch gegenüber internen Störern – kann es wieder zu einer dynamischen, souveränen Macht werden. Die nächste EU-Vertragsreform könnte zum Scheideweg werden: Rückfall in die Lähmung oder Sprung in eine neue Epoche. Vestager hat sich entschieden. Bleibt die Frage: Tut Europa es auch?

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Geschäftsklimaindex überrascht positiv: Zuversicht in der deutschen Wirtschaft wächst
27.07.2026

Die Zuversicht in der deutschen Wirtschaft auf eine Konjunkturerholung wächst: Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Juli überraschend...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell: DAX-Rekordhoch im Blick – USA halten still und Ölpreis sinkt
27.07.2026

Nach turbulenten Wochen kehrt an den Finanzmärkten wieder Optimismus ein. Der DAX-Kurs legt am Montag kräftig zu, weil fallende Ölpreise...

DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger wächst rasant – was Anleger jetzt unbedingt wissen sollten
27.07.2026

Das XRP-Ledger sorgt derzeit gleich an zwei Fronten für Aufmerksamkeit: Einerseits wächst das Netzwerk im Markt für tokenisierte...

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie nach Zahlen im Höhenflug: Analysten bleiben gespalten – wie Anleger reagieren sollten
27.07.2026

Die SAP-Aktie überrascht nach den Quartalszahlen mit einer kräftigen Erholung. Während das starke Cloud-Geschäft Anleger begeistert,...

DWN
Politik
Politik Geheimtreffen in Baku: Spielt Deutschland ein doppeltes Spiel mit Moskau?
27.07.2026

Deutschlands Russland-Politik gilt seit dem Ukraine-Krieg als grundlegend verändert. Doch ein geheimes Treffen früherer Spitzenpolitiker...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Audi-Prognose gekappt: Der Autobauer erwartet weniger Umsatz und Rendite – die Hintergründe
27.07.2026

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden für Audi immer schwieriger. Sinkende Gewinne, ein schwaches China-Geschäft und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Rolly Toys: Spielzeughersteller Franz Schneider stellt nach der Insolvenz den Betrieb ein
27.07.2026

Monatelange Hoffnungen auf eine Sanierung und doch kein Happyend: Nach der Insolvenz muss der Spielzeughersteller Franz Schneider nun doch...

DWN
Politik
Politik Wohngeld-Kürzung 2027: Millionen Haushalte müssen mit weniger Unterstützung rechnen
27.07.2026

Ab 2027 plant die Bundesregierung drastische Wohngeld-Kürzungen. Dadurch sollen Milliarden im Bundeshaushalt eingespart werden, doch...