Politik

Piraten der Sanktionen: Russlands Schattenflotte spottet dem Westen und wächst täglich

Trotz immer schärferer Sanktionen wächst Russlands Schattenflotte ungebremst. Über 1.100 Tanker mit gefälschten Flaggen, ohne Versicherung und voller Risiken umschiffen die westliche Kontrolle – ein schwimmendes Pulverfass, das jederzeit explodieren könnte.
18.08.2025 16:00
Lesezeit: 4 min

Gefälschte Flaggen, riskante Routen: Wie Russlands Schattenflotte den Westen herausfordert

Die Maßnahmen der westlichen Staaten zur Durchsetzung der Sanktionen, die den Handel mit russischem Öl beschränken, werden stetig verschärft. Doch die sogenannte Schattenflotte, die dieses Öl transportiert, wächst weiter, überschreitet die Grenze von 1.100 Tankern und sorgt zunehmend für Besorgnis. Schiffe mit gefälschten Registrierungen tauchen in immer neuen Gewässern auf und versuchen ihr Glück nun auch in der Arktis.

Während westliche Länder neue Instrumente gegen die Schattenflotte einsetzen, die Öl aus Russland, Iran und Venezuela verschifft, wimmelt es auf den Weltmeeren von Sanktionsumgehern, die immer neue Wege finden, der Kontrolle zu entgehen. Als estnische und finnische Grenzschützer begannen, in der Ostsee Tanker zu überprüfen, die in den russischen Hafen Ust-Luga im Finnischen Meerbusen einliefen, tauchten Berichte auf, wonach russische Kriegsschiffe den illegalen Transport eskortierten. Doch diese Begleitung ist nicht dauerhaft, und die Tanker, die russisches Öl in ferne Länder bringen, müssen nach neuen Lösungen suchen.

Eigentümer verwischen Spuren

So meldete zuletzt auch Irland auffällige Tanker in seinen Hoheitsgewässern. Offenbar weichen Schiffe an der Westküste der Insel der strengen Dokumentenkontrolle im Ärmelkanal aus. Indem sie Irland und Großbritannien umfahren, legen die Frachter große Umwege zurück, entgehen aber Überprüfungen, die ihre Reise stoppen könnten. Am 8. August berichtete The Irish Times, ein alter Tanker mit gefälschter Flagge, beladen im russischen Hafen Ust-Luga, sei durch die gesamte Ostsee gefahren und vor der Westküste Irlands aufgetaucht. Das Portal schreibt, der Tanker „Blue“ habe bereits vor dem Einlaufen in die irische Wirtschaftszone sein Erkennungssignal abgeschaltet. Die Datenbank TankerTrackers.com weist aus, dass die „Blue“ sowohl von Großbritannien als auch der EU sanktioniert ist. Greenpeace stuft sie als Umweltrisiko ein. Laut dem Portal The Maritime Executive ist der 2003 gebaute Tanker derzeit illegal in Benin registriert. Seit 2020 wechselte er viermal die Identität und segelte unter sechs Flaggen: Benin, Antigua und Barbuda, Liberia, Palau, Dschibuti und Zypern. Seit 2024 werde er aus der Türkei gesteuert. Irische Behörden erklärten, das Schiff sei wegen „offensichtlich gefälschter Registrierungsflagge“ aufgefallen. Die Küstenwache kündigte „besondere Maßnahmen“ an, um die wachsende Schattenflotten-Aktivität vor Irlands Küsten zu überwachen. Anders als Großbritannien und die baltischen Staaten verlangt Irland aber keine Identitäts- und Versicherungsnachweise. Nach seiner Passage durch Westeuropa steuerte die „Blue“ den Suezkanal an – Ziel dürfte Indien sein, das weiterhin russisches Öl kauft.

Schwimmende Risikokugeln

Ein weiterer Fall betrifft den 19 Jahre alten, sanktionierten Suezmax-Tanker „Latour“ unter Komoren-Flagge. Beladen mit russischem Rohöl verließ er am 6. August Murmansk, angegebenes Ziel: China. Das Portal gCaptain meldet, es gebe keine Versicherung für den Tanker. Generell hätten Sanktionsumgeher keine Haftpflichtversicherung – allein deshalb dürften sie in keinem westlichen Hafen anlegen. Doch Abnehmerländer übersehen bewusst das Risiko maroder Tanker. Die Flagge der Komoren gilt als Warnsignal, da deren Register wegen mangelhafter Standards auf den Schwarzen Listen der Pariser und Tokioter Memoranden steht. Zudem weist die „Latour“ weitere Makel auf. Im Februar 2024 setzte das US-Amt für Kontrolle ausländischer Vermögenswerte (OFAC) den Tanker, damals „Mercury“ genannt, auf die Sanktionsliste wegen illegalen Öltransports. Damals lag er in den Händen der in Indien registrierten „Gatik Ship Management“, einem Hauptakteur der Schattenflotte. Das Unternehmen war unter Druck geraten, nachdem es binnen kurzer Zeit mehr als 60 Tanker für russisches Öl zusammengestellt hatte. Später wurde das Konstrukt zerschlagen, die „Latour“ an die auf den Seychellen ansässige „Gessi Maritime Corp“ übertragen. Doch laut gCaptain gehört das Schiff tatsächlich der in den VAE ansässigen „Maple Maritime Solutions FZE“. GCaptain berichtet, dass die „Latour“ im Frühjahr ihre Klassifizierung durch das indische Register (IACS) verlor. Zudem habe sie keine Genehmigung für die Nordseeroute – eine Pflicht nach russischen Regeln. Dennoch steuert Moskau zunehmend alte, nicht eisverstärkte Tanker durch die Arktis. Die ersten Transporte ohne Eisklasse fanden im September 2023 statt. Derzeit sind Teile der Route durch Laptew-, Ostsibirische und Tschuktschensee vereist. Die „Latour“ passierte die Eisgrenze ohne Eisbrecher-Begleitung. Auffällig ist auch, dass sie vor ihrer Beladung in Murmansk fast zwei Wochen an der norwegischen Küste lag. Oslo kündigte an, Kontrollen für sanktionierte und unversicherte Tanker zu verstärken.

Täglich ein neuer Tanker

Als Schattenflotte gelten Tanker, die mit Täuschungspraktiken sanktioniertes Öl aus Russland, Iran oder Venezuela transportieren. Häufig sind sie selbst sanktioniert oder mit Firmen verbunden, gegen die Exportverbote bestehen. Das Portal Splash 247.com meldet unter Berufung auf den Broker BRS, dass die Schattenflotte trotz verstärkter Sanktionen rasant wächst – rund 30 Tanker pro Monat, fast einer täglich. Aktuell umfasst die Liste 1.140 Tanker über 3.000 tdw mit insgesamt 127,4 Mio. Tonnen Tragfähigkeit. Vor einem halben Jahr waren es 930 mit 109,6 Mio. Tonnen. TankerTrackers.com listet gar über 1.200 Schiffe. 886 Tanker, oder 78 Prozent der von BRS erfassten Flotte, gelten als sanktioniert – ein Jahr zuvor waren es 191. Damit stehen nun fast 9 Prozent der weltweiten Tankerflotte auf Schwarzen Listen, meist wegen Verbindungen zu Russlands „Sovcomflot“, Irans „NITC“ oder Venezuelas „PDVSA“. Im Juli nahm die EU zusätzlich 105 Schiffe und zwei Register auf, Großbritannien sanktionierte 137 Schiffe, und das US-Finanzministerium verhängte die härtesten Iran-Sanktionen seit 2018. Über 800 Schiffe haben keine Versicherung – mit entsprechendem Risiko von Kollisionen oder Ölkatastrophen. Zudem ist der Altersdurchschnitt bedenklich: 20,2 Jahre gegenüber 15 Jahren weltweit. Alte Tanker werden statt verschrottet teuer an „Sanktionspiraten“ verkauft. Laut der Plattform Follow The Money brachte dieser Graumarkt seit 2020 über 6 Mrd. Dollar ein.

Panama säubert Register

Das Portal Lloyd’s List berichtet, dass Panama unter US-Druck sein Schiffsregister säubert. Neue Regeln schließen Tanker und Bulkcarrier über 15 Jahre aus. Seit Juni 2023 wurden 214 Schiffe gestrichen. Insgesamt fahren aber noch über 1.400 ältere Schiffe unter Panama-Flagge. Zudem wurden Pflichtkontrollen verschärft. Die US-Behörde FMC begrüßte die Maßnahmen – bislang segelten 60 Prozent der Iran-Schattenflotte unter Panama-Flagge.

Russland macht weiter

Bloomberg meldet, dass Russlands Ölexporte in der ersten Augustwoche leicht zurückgingen, aber stabil blieben. Trotz der für Freitag angesetzten Begegnung zwischen US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin in Alaska liefen Rohöllieferungen aus russischen Häfen. Laut Bloomberg-Daten wurden in den vier Wochen bis 10. August im Schnitt 3,11 Mio. Barrel täglich verschifft – 3 Prozent weniger als im Vormonat. Doch GPS-Manipulation und plötzliche Kursänderungen in der Roten See verfälschen die Zahlen. Ob Trumps Zoll-Drohungen gegen Indien schon Wirkung zeigen, ist unklar – viele Schiffe geben als Ziel lediglich „unbekannte asiatische“ oder „unbekannte“ Häfen an.

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