Politik

EU lockert Datenschutz: Digitaler Omnibus reformiert Regeln für KI

Europa steht bei der Digitalpolitik vor einem Wendepunkt, an dem Wettbewerbsfähigkeit und Schutz von Bürgerrechten neu austariert werden. Wie weit kann die Politik gehen, ohne das Versprechen strenger Regeln für Daten und neue Technologien aufzugeben?
21.11.2025 16:00
Lesezeit: 4 min
EU lockert Datenschutz: Digitaler Omnibus reformiert Regeln für KI
Die EU nutzt den digitalen Omnibus, um Vorgaben zu Datenschutz und künstlicher Intelligenz zu lockern und mehr Spielraum für KI Innovationen zu schaffen (Foto: dpa) Foto: Philipp von Ditfurth

Brüssel lockert den Datenschutz und bremst bei den KI-Auflagen

Die Europäische Kommission hat den digitalen Omnibus vorgestellt, ein umfangreiches Gesetzespaket zur Lockerung der Regeln für Datenschutz und künstliche Intelligenz. Ziel ist es, europäischen Unternehmen mehr Flexibilität zu geben und ihren Zugang zu Daten zu verbessern. Brüssel reagiert damit auf die Sorge, dass die EU bei der KI Entwicklung international weiter zurückfallen könnte.

Im Mittelpunkt steht Ursula von der Leyen, die in ihrer ersten Amtszeit strenge Vorgaben für den grünen Übergang vorangetrieben hatte. Nun präsentiert sie neben einem grünen Omnibus auch einen digitalen Omnibus, der zentrale Standards zu Datenschutz und KI anpasst. Beide Initiativen markieren einen deutlichen politischen Kurswechsel der Kommission.

Von ehrgeiziger KI Regulierung zur politischen Korrektur

Im Jahr 2023 bezeichnete von der Leyen das KI-Gesetz als historischen Fortschritt und lobte den weltweit ersten umfassenden Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz. Das Gesetz solle europäische Werte in die digitale Ära übertragen und ein zentrales Versprechen der Kommission einlösen. Die EU sollte damit Vorbild für andere Regionen werden und strikte Maßstäbe setzen.

Heute allerdings setzt Brüssel stärker auf Flexibilität und begrüßt die Verschiebung zentraler Auflagen für Technologieunternehmen. Viele Europäer empfinden Datenschutz vor allem als dauerhafte Cookie Fenster und wiederholte Hinweise im Netz. Wer jedoch international konkurrenzfähig bleiben will, muss den Zugang zu Daten erleichtern und die Nutzung von KI praktikabler gestalten.

Kritiker sehen im Kurswechsel ein Zugeständnis gegenüber amerikanischen Technologiekonzernen. Andere sprechen von pragmatischer Vernunft, da leistungsfähige KI Systeme nötig seien, bevor anspruchsvolle Regulierungen greifen können. Der digitale Omnibus gilt daher als Versuch, Innovation und Regulierung neu auszubalancieren und verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen.

Die zentralen Veränderungen im digitalen Omnibus

Der digitale Omnibus enthält mehrere Anpassungen, die besonders Hochrisiko KI Systeme, kleine und mittlere Unternehmen sowie Cybersicherheitsvorgaben betreffen. Brüssel setzt auf vereinfachte Verfahren, harmonisierte Standards und erweitert nutzbare Testumgebungen. Unternehmen sollen dadurch mit weniger Aufwand auf europäische Vorgaben reagieren können.

Die Vorschriften für Hochrisiko Systeme sollen zeitlich nach hinten verschoben werden. Bis zu 16 Monate zusätzliche Übergangsfrist sind vorgesehen, wobei die Regeln erst gelten sollen, wenn technische Standards und Werkzeuge bereitstehen. Unternehmen sollen dadurch genügend Unterstützung erhalten, um die Anforderungen realistisch umzusetzen.

Kleine und mittlere Unternehmen werden durch vereinfachte Dokumentationspflichten entlastet. Die Kommission erwartet jährliche Einsparungen von mindestens 225 Millionen Euro. Besonders Firmen mit begrenzten Ressourcen sollen davon profitieren und mehr wirtschaftliche Spielräume erhalten, um eigene KI Lösungen weiterzuentwickeln.

Eine weitere Maßnahme betrifft die Lockerung der Compliance Vorgaben. Mehr Tests in realen Umgebungen sollen möglich werden, vor allem in der Automobilindustrie. Unternehmen sollen ihre Systeme früher im praktischen Umfeld erproben und dadurch schneller marktfähige Anwendungen entwickeln können. Der gesetzliche Rahmen bleibt bestehen, wird jedoch flexibler gestaltet.

Mehr Datenzugang und neue digitale Werkzeuge

Die Kommission will den Datenschutz praxisnäher gestalten, ohne das grundlegende Schutzniveau zu senken. Bürokratische Hürden sollen verringert werden, damit Daten wirtschaftlich besser genutzt werden können. Ziel ist eine Entlastung, die den Datenschutz nicht abschafft, sondern praktikabler macht und Unternehmen mehr Spielräume gibt.

Erhebliche Änderungen stehen bei Cookies und Einwilligungen bevor. Nutzer sollen weniger Pop-ups sehen und ihre Zustimmung künftig mit einem einzigen Klick erteilen können. Cookie Einstellungen sollen zentral im Browser oder im Betriebssystem gespeichert werden. Damit sinkt die Zahl wiederkehrender Abfragen und der digitale Alltag wird übersichtlicher.

Vereinheitlichte Datenregeln und neue digitale Infrastruktur

Der Data Act fasst mehrere Datengesetze zusammen und schafft einen einheitlichen Rahmen für den Zugang zu Informationen in der EU. Kleine und mittlere Unternehmen erhalten Ausnahmen beim Wechsel zwischen Cloud Anbietern. Europäische KI Entwickler sollen dadurch leichter auf benötigte Daten zugreifen und ihre Systeme schneller trainieren können.

Mit der neuen Datenunion entsteht ein gemeinsamer europäischer Datenraum, der den Austausch zwischen Mitgliedstaaten erleichtert. Der digitale Omnibus ist damit nicht nur ein technisches Reformpaket, sondern ein strategisches Instrument für datenbasierte Geschäftsmodelle. Europa will sich so besser für den internationalen Wettbewerb aufstellen und mehr digitale Dynamik entwickeln.

Eine weitere Neuerung ist die europäische Unternehmens-Wallet. Firmen sollen Dokumente digital signieren, speichern und austauschen können. Behörden und Unternehmen in allen 27 Mitgliedstaaten sollen damit sicher kommunizieren und Verwaltungsprozesse vollständig digital abwickeln. Dies erleichtert grenzüberschreitende Geschäftsabläufe und senkt den organisatorischen Aufwand.

Wie der Gesetzgebungsprozess weitergeht

Der digitale Omnibus wird nun dem Europäischen Parlament und dem Rat vorgelegt, die über seine Annahme entscheiden. Erst nach Abschluss des Verfahrens können die neuen Regeln angewendet werden. Die politische Debatte darüber, wie weit die Lockerungen reichen sollen, wird in den kommenden Monaten noch an Intensität gewinnen.

Parallel läuft der Digital Fitness Check der Kommission. Diese Konsultation soll bis März 2026 klären, ob die bestehenden digitalen EU Vorschriften zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Der Stresstest untersucht, wie kohärent die Vorgaben zusammenspielen und wo weiterer Reformbedarf besteht. Die Ergebnisse könnten zusätzliche Gesetzesinitiativen auslösen.

Welche Folgen der Kurswechsel für Deutschland hat

Für Deutschland sind die Reformen besonders relevant, da zentrale Industriezweige betroffen sind. Die Lockerungen bei KI und Datenschutz könnten der Automobilbranche, dem Maschinenbau und zahlreichen Mittelständlern helfen, eigene KI Systeme schneller im praktischen Betrieb zu testen. Dies würde Entwicklungszeiten verkürzen und Innovationen erleichtern.

Die Vereinheitlichung von Cybersicherheitsmeldungen kann den Verwaltungsaufwand deutscher Unternehmen deutlich reduzieren. Der Mittelstand kämpft seit Jahren mit komplexen Berichtspflichten. Eine zentrale Meldestelle würde Ressourcen freisetzen, die bisher für parallele Prozesse gebunden waren, und könnte die digitale Sicherheit effizienter gestalten.

Auch die Datenunion eröffnet Chancen für deutsche Firmen. Der europaweite Austausch von Informationen sowie die geplante Unternehmens-Wallet könnten grenzüberschreitende Geschäftsprozesse beschleunigen. Unternehmen mit starker Exportorientierung würden von einer einheitlichen digitalen Infrastruktur besonders profitieren.

Ob der digitale Omnibus zu spürbarer Innovation in Deutschland führt, hängt davon ab, wie konsequent Berlin den Mittelweg zwischen Datenschutz und Wettbewerbsfähigkeit unterstützt. Der Kurswechsel der EU schafft neue Spielräume, verlangt aber klare politische Entscheidungen, wie weit Deutschland bei der Öffnung von Daten gehen möchte.

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