Wirtschaft

Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene

Die Europäische Zentralbank steht vor einer Phase tiefgreifender personeller und strategischer Weichenstellungen. Welche Bedeutung kommt dabei neuen Akteuren für die künftige geldpolitische Ausrichtung des Euroraums zu?
21.01.2026 16:03
Lesezeit: 5 min
Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene
Boris Vujčić rückt als künftiger Vizepräsident der EZB in die Führungsspitze auf und stärkt den Einfluss mittel- und osteuropäischer Staaten in der europäischen Geldpolitik (Foto: iStock.com, Stephan Behnes) Foto: Stephan Behnes

Wer ist Boris Vujčić, die neue rechte Hand der EZB-Präsidentin

Von Zagreb nach Frankfurt: Boris Vujčić soll im Juni zum neuen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank ernannt werden und wäre damit der erste Kroate in einer Spitzenposition der EZB. Der langjährige Gouverneur der kroatischen Nationalbank HNB rückt in das sechsköpfige Direktorium auf und erhält direkten Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Geldpolitik im Euroraum in einer Phase geldpolitischer Neuorientierung.

Die Ernennung hat über den persönlichen Werdegang hinaus auch eine institutionelle Bedeutung. Mit Vujčić wird erstmals ein Vertreter Kroatiens dauerhaft in die oberste Führungsebene der EZB eingebunden, was als Signal für die stärkere Integration jüngerer Eurostaaten gilt und die geografische Balance innerhalb der Zentralbank sichtbar verändert.

Zugleich fällt seine Ernennung in eine Phase tiefgreifender personeller Umbrüche an der Spitze der EZB. Mehrere Schlüsselpositionen stehen in den kommenden Jahren zur Neubesetzung an, wodurch einzelne Personalentscheidungen erheblich an strategischem Gewicht gewinnen.

Akademischer Hintergrund und internationale Prägung

Der heute 61 Jahre alte Boris Vujčić ist seit 2012 Gouverneur der kroatischen Nationalbank und befindet sich derzeit in seiner dritten sechsjährigen Amtszeit. Studium und Promotion absolvierte er an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zagreb, an der er nach seinem Abschluss zunächst als Assistent und später bis 1997 als Dozent tätig war.

Schon in dieser frühen Phase verband er akademische Arbeit mit einer klaren internationalen Ausrichtung. Seine Lehrtätigkeit war geprägt von makroökonomischen Fragestellungen sowie einer zunehmenden Spezialisierung auf geldpolitische und währungspolitische Zusammenhänge im europäischen Kontext.

Zwischen 1994 und 1995 promovierte Vujčić als Fulbright-Stipendiat im Fach Volkswirtschaftslehre an der University of Michigan in den USA. Der Aufenthalt prägte sein Verständnis von Geldpolitik, Inflationssteuerung und institutioneller Zentralbankarbeit nachhaltig.

Im Anschluss wechselte er zur Europäischen Kommission, wo er zunächst als Trainee und später als externer Berater für Währungsfragen tätig war. Diese Station verschaffte ihm früh Einblicke in die europäische Wirtschaftspolitik und deren institutionelle Entscheidungsmechanismen.

Karriere in der kroatischen Zentralbank

Ende 1996 begann Vujčić seine Laufbahn bei der kroatischen Nationalbank, wo er zunächst die Forschungsabteilung leitete. In dieser Funktion beschäftigte er sich intensiv mit geldpolitischer Analyse, Inflationsdynamik und der makroökonomischen Stabilisierung des Landes.

Im Juli 2000 wurde er zum stellvertretenden Gouverneur der Zentralbank ernannt. Diese Position bekleidete er über mehr als ein Jahrzehnt hinweg und gewann in dieser Zeit erheblichen Einfluss auf die strategische Ausrichtung der kroatischen Geldpolitik.

Im Jahr 2012 übernahm Vujčić schließlich das Amt des Gouverneurs. Unter seiner Führung wurde die geldpolitische Praxis Kroatiens schrittweise an die Standards des Euroraums angepasst, insbesondere im Hinblick auf Preisstabilität und institutionelle Glaubwürdigkeit.

Parallel dazu war Vujčić auch auf europäischer Ebene aktiv. Er gehörte unter anderem dem Lenkungsausschuss des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken an und sammelte dort Erfahrung im Umgang mit systemischen Finanzrisiken.

Euro-Einführung und europäische Integration

Mit dem Beitritt Kroatiens zur Eurozone im Januar 2023 wurde Vujčić Mitglied des EZB-Rates. Seitdem ist er unmittelbar an den geldpolitischen Entscheidungen des Euroraums beteiligt und bringt dort die Perspektive eines jüngeren Euro-Mitgliedstaats ein.

Bereits zuvor spielte er eine zentrale Rolle bei der europäischen Integration seines Landes. Ab 2005 war er stellvertretender Chefunterhändler Kroatiens in den EU-Beitrittsverhandlungen und begleitete den Annäherungsprozess über viele Jahre hinweg.

Besondere Bedeutung kam ihm bei der Vorbereitung der Euro-Einführung zu. Er galt als einer der wichtigsten Architekten des Übergangs, der international als technisch sauber, institutionell stabil und politisch gut abgestimmt bewertet wurde.

Darüber hinaus war Vujčić regelmäßig als Redner im Ausland tätig. Seine Vorträge befassten sich mit monetärer Analyse, Arbeitsmarktökonomie und internationalen Finanzbeziehungen und richteten sich an ein internationales Fachpublikum.

Internationale Anerkennung und Auszeichnungen

Für seine Arbeit erhielt Vujčić mehrere internationale Auszeichnungen. Im Jahr 2018 wurde er von der Publikation GlobalMarkets als Zentralbankgouverneur des Jahres für Mittel- und Osteuropa geehrt, was seine regionale Bedeutung unterstrich.

Auch das Magazin The Banker zeichnete ihn als besten Zentralbankgouverneur Europas sowie weltweit aus. Diese Ehrungen trugen wesentlich zu seiner internationalen Sichtbarkeit und fachlichen Reputation bei. Sie zeigen, dass Vujčić nicht nur als nationaler Akteur wahrgenommen wird.

Vielmehr gilt er als erfahrener Zentralbanker mit einem klar profilierten europäischen Selbstverständnis. Diese Reputation spielte im Auswahlprozess für das EZB-Direktorium eine zentrale Rolle und trug dazu bei, ihn als konsensfähigen Kandidaten zu positionieren.

Geldpolitisches Profil und Haltung

Analysten der Commerzbank beschreiben Vujčić als neutralen Pragmatiker, der zugleich als moderater geldpolitischer Falke gilt. Er steht schnellen und weitreichenden Zinssenkungen im Euroraum skeptisch gegenüber und warnt vor verfrühten Lockerungen.

In öffentlichen Stellungnahmen verwies er wiederholt auf anhaltende Inflationsrisiken. Aus seiner Sicht ist eine vorschnelle geldpolitische Kehrtwende mit Risiken für die Glaubwürdigkeit der EZB verbunden.

Vujčić plädiert daher für ein schrittweises und sorgfältig abgestimmtes Vorgehen bei Zinssenkungen. Ziel sei es, den Inflationsdruck nachhaltig zu reduzieren und die Preisstabilität dauerhaft zu sichern. Er tritt sein neues Amt in einer Phase an, in der sich die Inflation dem Zielwert von zwei Prozent nähert, die geldpolitischen Rahmenbedingungen jedoch weiterhin fragil bleiben.

Umbruch im Direktorium der Europäischen Zentralbank

Die Ernennung von Boris Vujčić fällt in eine Phase tiefgreifender personeller Veränderungen innerhalb der Europäischen Zentralbank. Bis Ende 2027 werden vier der sechs Mitglieder des Direktoriums turnusgemäß ausscheiden, was die institutionelle Kontinuität der EZB erheblich herausfordert.

Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird ihr nicht verlängerbares Achtjahresmandat im Oktober 2027 beenden. Bereits jetzt wird daher hinter den Kulissen intensiv über ihre Nachfolge diskutiert. Den Auftakt der personellen Wechsel markiert der bisherige Vizepräsident Luis de Guindos, dessen Amtszeit bereits Ende Mai 2026 ausläuft.

Ihm folgen der Chefökonom Philip Lane sowie Isabel Schnabel zum Jahresende. Vor diesem Hintergrund ist die Berufung Vujčićs Teil eines längerfristigen institutionellen Übergangs. Die Zusammensetzung und Ausrichtung der EZB-Spitze wird sich spürbar verändern.

Auswahlverfahren und politische Abwägungen

Für den Posten des EZB-Vizepräsidenten hatten sich insgesamt sechs Kandidaten aus verschiedenen Mitgliedstaaten beworben. Darunter befanden sich mehrere amtierende Zentralbankchefs ebenso wie ehemalige Spitzenpolitiker mit wirtschaftspolitischer Erfahrung.

Als Favorit galt über längere Zeit der finnische Notenbankchef Olli Rehn. Der zuständige Ausschuss des Europäischen Parlaments signalisierte hingegen Sympathien für andere Bewerber. Das Votum des Europäischen Parlaments ist jedoch nicht bindend.

Die Finanzminister der Eurozone unterstützten letztlich die Nominierung von Boris Vujčić. Die formale Entscheidung treffen nun die europäischen Staats- und Regierungschefs mit qualifizierter Mehrheit auf dem nächsten EU-Gipfel.

Machtbalance und strategische Signalwirkung

Beobachter weisen darauf hin, dass vor allem kleinere Mitgliedstaaten Interesse an dem Amt zeigten. Große Länder wie Deutschland oder Frankreich konzentrieren sich strategisch auf einflussreichere Positionen. Auch die geografische Ausgewogenheit spielte eine Rolle. Mit Vujčić rückt ein Vertreter Mittel- und Osteuropas in eine Schlüsselposition innerhalb der EZB auf.

Deutschland wahrt damit zugleich die Option, bei der Neubesetzung des Präsidentenamts im Jahr 2027 eine zentrale Rolle zu übernehmen. Die aktuelle Entscheidung steht diesem Spielraum nicht entgegen. Für Kroatien hingegen bedeutet die Nominierung einen institutionellen Durchbruch. Ministerpräsident Andrej Plenković sprach von einem großen internationalen Erfolg seines Landes.

Aufgaben und Zuständigkeiten des EZB-Vizepräsidenten

Der amtierende Vizepräsident Luis de Guindos ist innerhalb der EZB vor allem für Finanzstabilität, Bankenaufsicht und Kommunikation zuständig. Dieses Aufgabenprofil dürfte auch für Boris Vujčić maßgeblich sein. Dazu zählt die Analyse systemischer Risiken im Euroraum sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Europäischen Ausschuss für Systemrisiken. Ziel ist die frühzeitige Erkennung finanzieller Ungleichgewichte.

Zudem spielt der Vizepräsident eine zentrale Rolle bei der Erstellung des halbjährlichen Finanzstabilitätsberichts der EZB. Dieser Bericht gilt als wichtiges Signal an Märkte und Politik. Auch bei Pressekonferenzen nach geldpolitischen Entscheidungen tritt der Vizepräsident regelmäßig an der Seite der Präsidentin auf und beantwortet technische Detailfragen.

Stabilitätsorientierung und Bedeutung für Deutschland

Für Deutschland ist die Ernennung von Boris Vujčić aus mehreren Gründen von Bedeutung. Sein stabilitätsorientierter geldpolitischer Ansatz entspricht traditionellen deutschen Präferenzen innerhalb der EZB. Zugleich stärkt seine Berufung den Einfluss jüngerer Eurostaaten, was die internen Debatten im EZB-Rat langfristig verändern kann und zusätzlichen Abstimmungsbedarf erzeugt.

Deutschland bleibt jedoch strategisch gut positioniert für die anstehenden Führungsentscheidungen ab 2027. Weder das Präsidentenamt noch andere Schlüsselpositionen werden vorweggenommen. Mit Vujčić zieht ein erfahrener, vorsichtig agierender Zentralbanker in die EZB-Spitze ein, was aus deutscher Sicht die Berechenbarkeit der Geldpolitik in einer Phase institutionellen Übergangs stärkt.

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