Wirtschaft

Wirtschaftsfaktor Natur: Warum Unternehmen laut Bericht ohne Artenschutz scheitern

Laut einem neuen IPBES-Bericht aus Manchester ist das Artensterben eine der größten Gefahren für die Wirtschaftswelt. Die Botschaft ist klar: Kein Unternehmen existiert isoliert von der Natur. Jede Firma ist von biologischen Ressourcen abhängig und wirkt gleichzeitig auf diese ein. Naturschutz ist somit kein „Nice-to-have“ mehr, sondern eine Voraussetzung für die eigene Zukunftssicherung.
09.02.2026 14:32
Lesezeit: 3 min
Wirtschaftsfaktor Natur: Warum Unternehmen laut Bericht ohne Artenschutz scheitern
Laut IPBES-Bericht ist Biodiversität kein "Nice-to-have", sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Weniger als 1 Prozent der Unternehmen berichten über ihre Auswirkungen auf die Natur (Foto: dpa).

"Unternehmen und andere wichtige Akteure können entweder den Weg zu einer nachhaltigeren Weltwirtschaft weisen oder letztendlich das Aussterben riskieren - sowohl von Arten in der Natur als auch möglicherweise ihr eigenes", sagte Matt Jones aus Großbritannien, einer der drei Co-Vorsitzenden des "Business and Biodiversity"-Berichts.

"Keine Option, sondern eine Notwendigkeit"

"Ein besserer Umgang mit der Natur ist für Unternehmen keine Option, sondern eine Notwendigkeit", betonte auch Ximena Rueda aus Kolumbien, eine weitere Co-Vorsitzende. Er sei für Gewinne und langfristige Existenz von Firmen ebenso bedeutsam wie für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft. Als zentrale Maßnahme wird genannt, dass Unternehmen ihre Auswirkungen auf die Natur und ihre Abhängigkeiten von der Umwelt öffentlich machen.

Aktuell erwähnten weniger als ein Prozent der börsennotierten Unternehmen in ihren Berichten ihre Auswirkungen auf die Biodiversität, bemängelt IPBES. Der neue Bewertungsbericht helfe, die richtigen Methoden, Messgrößen und politischen Instrumente für den jeweiligen Geschäftsbereich zu finden, sagte Stephen Polasky aus den USA, der dritte Co-Vorsitzende. "Wir verlagern die Diskussion von freiwilligen Nachhaltigkeitsversprechen hin zu einem wissenschaftlich fundierten Fahrplan für einen Systemwandel."

Frühes Handeln vermeidet Folgen für Menschen weltweit

Frühzeitiges Umschwenken könne helfen, steigende Kosten wie höhere Lebensmittelpreise und Versicherungsprämien sowie wirtschaftliche Instabilität zu vermeiden, betonten IPBES-Experten. Die Zeit dränge. "Wir müssen uns von der falschen Vorstellung lösen, dass Regierungen und Entscheidungsträger entweder für die Umwelt oder für die Wirtschaft sein müssen", so Polasky.



Vertreter der über 150 Mitgliedsregierungen des Rates hatten den Bericht während der Sitzung des IPBES-Plenums in Manchester verabschiedet. Die Natur sei nach wie vor eine der am meisten unterschätzten Grundlagen unserer Weltwirtschaft, hieß es. Unternehmen erscheine es oft profitabler, die biologische Vielfalt zu zerstören, als sie zu schützen, so Polasky.

"Kritisches und allgegenwärtiges Risiko für die Menschheit"

"Das Wachstum der Weltwirtschaft ging mit einem immensen Verlust an biologischer Vielfalt einher, der nun ein kritisches und allgegenwärtiges systemisches Risiko für die Wirtschaft, die Finanzstabilität und das Wohlergehen der Menschen darstellt", lautet eine zentrale Erkenntnis des IPBES-Berichts.

Durch Lobbyarbeit von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden unterstützt flössen noch immer hohe Subventionen in wirtschaftliche Aktivitäten, die den Verlust biologischer Vielfalt begünstigten. "Im Jahr 2023 beliefen sich die globalen öffentlichen und privaten Finanzströme mit direkt negativen Auswirkungen auf die Natur auf schätzungsweise 7,3 Billionen US-Dollar." Im Vergleich dazu winzige 0,22 Billionen US-Dollar seien in Aktivitäten geflossen, die zur Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt beitragen.

Keine Kosten für Schäden und keine Belohnung für Naturnutzen

Der Bericht stützt sich auf tausende Quellen und jahrelange Forschung und Praxis, erklärte Co-Vorsitzender Jones. 79 führende Experten aus 35 Ländern waren beteiligt. Unternehmen spielen demnach eine zentrale Rolle dabei, den Verlust biologischer Vielfalt zu stoppen und umzukehren. Aktuell trügen sie jedoch oft nur geringe oder gar keine finanziellen Kosten für ihre negativen Auswirkungen.

Der Bericht verweist auf eine Vielzahl konkreter Maßnahmen, darunter die Steigerung der Effizienz und die Reduzierung von Abfall und Emissionen. Eine zentrale Botschaft ist dabei, dass Unternehmen allein nicht in der Lage sind, Veränderungen im erforderlichen Umfang umzusetzen. Wichtig seien Anpassungen bei politischen, rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, Wirtschafts- und Finanzsystemen, sozialen Normen sowie Technologie und Datenerhebung.

Zu zuverlässig, um uns ausreichend bewusst zu sein

"Die biologische Vielfalt ist die Grundlage jeder Wirtschaft und jeder Gesellschaft", erklärte Qu Dongyu, Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), zu dem Bericht. Sie schaffe Arbeitsplätze und Einkommen, reguliere das Klima und sichere die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Gesundheitssystemen.

Gerade ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit verschleiere das Ausmaß unserer Abhängigkeit von ihr. "Allzu oft ist die biologische Vielfalt ein unsichtbarer und entbehrlicher Vermögenswert in der Bilanz." Diese Sichtweise ändere sich, das Bewusstsein für die Risiken versagender Vielfalt nehme zu. Dieses neue Denken sei keineswegs optional. "Es ist für unsere gemeinsame Zukunft unverzichtbar."

"In jedem Fall ist Biodiversität niemals ein Randthema", betonte in einem Statement zum Bericht auch Khaled El-Enany, Generaldirektor der UN-Kulturorganisation Unesco. "Sie ist der Kern dessen, was Unternehmen erfolgreich macht oder scheitern lässt: die Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungskette."

Silke Düwel-Rieth, Leiterin Wirtschaft & Märkte bei der Umweltorganisation WWF Deutschland, sagte: "Die Biodiversitätskrise ist die Schwester der Klimakrise." Sie sei weniger sichtbar, aber genauso gefährlich. Viele Unternehmen unterschätzten, wie sehr der Verlust an Arten und Ökosystemen ihr Geschäftsmodell bedrohe. Der Zugang zu sauberem Wasser, fruchtbaren Böden, stabilen Lieferketten und natürlichen Rohstoffen sei auch und gerade eine knallharte Wirtschaftsfrage.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie Cyber Resilience Act: Wie Saugroboter zu Waffen werden
13.09.2026

Saugroboter saugen Staub, Kameras überwachen das Haus – und im schlimmsten Fall greifen beide nebenbei fremde Computersysteme an....

DWN
Panorama
Panorama Höhere Kassenbeiträge: Warum Versicherte jetzt selbst aufpassen müssen
13.09.2026

Ein höherer Krankenkassenbeitrag kann das Nettogehalt spürbar schmälern. Bislang kündigten persönliche Schreiben solche Änderungen...

DWN
Politik
Politik Nord Stream bis Schulen: Was könnte die AfD in Mecklenburg-Vorpommern ändern?
13.09.2026

Nord Stream reaktivieren, Windkraft bremsen, den Rundfunkbeitrag abschaffen: Die AfD plant für Mecklenburg-Vorpommern tiefgreifende...

DWN
Technologie
Technologie Ladesäulen: Baut Deutschland am Bedarf vorbei?
13.09.2026

Deutschlands Elektroautomarkt wächst, doch beim Ausbau der Ladeinfrastruktur rückt eine neue Frage in den Vordergrund: Braucht das Land...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation im Euroraum: Warum Energie und Lebensmittel wieder teurer werden
13.09.2026

Die Inflation ist zurück über der Drei-Prozent-Marke, doch der eigentliche Preisschub könnte erst noch bevorstehen. Teures Gas,...

DWN
Technologie
Technologie KI-Abhängigkeit: So erpressbar ist Deutschland von den USA
12.09.2026

Im Juni sperrte das US-Handelsministerium den Zugang zu KI-Modellen des Anbieters Anthropic für ausländische Nutzer. Der Ausfall...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Autoindustrie: China greift Europas Käufer an
12.09.2026

Europäische Autos werden immer sicherer, digitaler und leistungsfähiger. Doch viele Käufer können sich diesen Fortschritt kaum noch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Kinder zerbrechen, gerät auch die Arbeitswelt ins Wanken
12.09.2026

Zuerst brach ihr Sohn am ersten Schultag zusammen, dann brach sie selbst bei der Arbeit zusammen. Kinder in schwerer Belastung beeinflussen...