Wirtschaft

KI im Management: Warum Führung unersetzlich bleibt – Tipps von Experte Hilgenstock

Künstliche Intelligenz verändert Management, Beratung und Mittelstand rasant. Doch ersetzt KI wirklich Führungskräfte – oder verschiebt sie nur Aufgaben und Verantwortung? Interim Manager Eckhart Hilgenstock warnt vor folgenschweren Fehlinterpretationen. Stehen Unternehmen vor einem Effizienzsprung – oder vor strategischen Fehlentscheidungen?
20.04.2026 12:17
Lesezeit: 3 min
KI im Management: Warum Führung unersetzlich bleibt – Tipps von Experte Hilgenstock
Der Einsatz von KI verändert Management grundlegend, doch Führung und Urteilskraft lassen sich nicht automatisieren. (Foto: ChatGPT)

Management-Experte: KI ersetzt keine Führungskompetenz

Interim Manager Eckhart Hilgenstock: „Wer als Manager Entscheidungen an die KI delegiert, hat seinen Job verfehlt. Gleiches gilt, wenn man KI nicht als Datenbasis für Entscheidungen nutzt.“

„Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für Führungsqualität“, betont der Management-Experte Eckhart Hilgenstock und widerspricht damit der Annahme, KI könne künftig die Entscheidungsgewalt in Unternehmen übernehmen.

Der Hamburger Spezialist für Künstliche Intelligenz im Management, der regelmäßig als Interim Manager für KI-Projekte verpflichtet wird, plädiert für eine differenzierte Betrachtung: „Wenn McKinsey 5.000 Berater entlässt und durch KI ersetzt, dann deswegen, weil diese lediglich Zuarbeiten statt Führungsaufgaben zu erledigen hatten. Dieser Trend wird sich fortsetzen: Primär mit Verwaltungstätigkeiten befasste Manager werden sich zunehmend in der Arbeitslosigkeit wiederfinden, während die Position von wirklichen Entscheidern gestärkt wird. Denn Künstliche Intelligenz ist bestens geeignet, um Entscheidungen vorzubereiten, aber nicht, um diese verantwortungsvoll zu treffen.“

ChatGPT: deskriptive Daten in fünf Minuten statt fünf Tagen

Eckhart Hilgenstock, der selbst viele Jahre als Partner bei BCG (Boston Consulting Group) tätig war, erklärt: „Viele meiner ehemaligen Kollegen sind nervös“. Doch auch hier sei eine genaue Unterscheidung notwendig, so der frühere BCG-Partner. Als Kenner der Beratungsbranche sagt er: „Die Zeit, als Junior Consultants Marktanalysen erstellten und dann für eine Woche Arbeit 50.000 Euro für deskriptive Daten berechnet wurden, ist vorbei. Heute erledigt das ChatGPT in fünf Minuten, mit Nacharbeitung höchstens fünf Stunden, aber niemals fünf Tage.“ Während bereits vom „Ende des Consultings“ gesprochen werde, sieht Eckhart Hilgenstock jedoch ein anderes Kernproblem: die, wie er meint, „falsche Übertragung der Entwicklungen in der Beratungsbranche auf den Mittelstand.“

Der Management-Experte, der heute als Führungskraft auf Zeit und Beirat im Mittelstand aktiv ist, berichtet: „Immer häufiger fragen mich Inhaber, Geschäftsführer und Vorstände aus mittelständischen Unternehmen, ob sie dem Beispiel von McKinsey & Co. folgen und ihr Management ebenfalls durch KI-Software ersetzen sollen. Doch das ist in der Regel der falsche Weg.“ Seine Begründung: „Kleine und mittlere Betriebe sind meistens deshalb so erfolgreich, weil sie näher am Kunden und am Markt sind und schneller die richtigen Entscheidungen treffen. Diese Nähe und Flexibilität basieren im Allgemeinen auf Führungsqualitäten, die gerade nicht durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen sind. Natürlich muss auch im Mittelstand automatisiert werden und KI spielt dabei eine Schlüsselrolle, aber weniger auf der Führungsebene.“

KI liefert die Datenbasis, entscheidet aber nicht

Eckhart Hilgenstock stellt klar: „Künstliche Intelligenz liefert im besten Fall die Datenbasis, um bessere Entscheidungen zu treffen. Aber wer als Manager Entscheidungen an die KI delegiert, hat seinen Job verfehlt.“

In mittelständischen Management- und Beiratsmandaten werde er regelmäßig gefragt, ob KI komplette Abteilungen ersetzen könne, etwa das Finanzwesen, berichtet Eckhart Hilgenstock aus seiner Praxis. Nach gründlicher Analyse komme er immer wieder zu dem Ergebnis, dass KI Produktivität und Effizienz deutlich steigern kann, jedoch in keinem einzigen Fall „auf menschliche Faktoren wie Ehrgeiz, Fingerspitzengefühl, Markt- und Kundennähe, Empathie und Entscheidungskraft“ verzichtet werden sollte.

Praxisbeispiele aus Finanzen und Vertrieb

Als Beispiel aus dem Finanzbereich nennt er: „Natürlich sollte man heutzutage KI nutzen, um fortlaufend Liquiditätsprognosen erstellen zu lassen. Aber es wäre grob fahrlässig, die Fragen, wie Zahlungs­verzögerungen bei einem bestimmten Kunden zu interpretieren sind oder ob man bei einem neuen Auftrag ins Risiko gehen sollte, der KI zu überlassen.“ Ein weiteres Beispiel betrifft den Vertrieb: „Beim Business Development gehört Künstliche Intelligenz zu den größten Hebeln, um neue Kunden zu gewinnen und zusätzliche Umsatzquellen zu erschließen. Aber das funktioniert nur, wenn die Menschen im Vertrieb motiviert sind und den Umgang mit der KI beherrschen.“

Dasselbe gelte für neue Geschäftsmodelle, so Eckhart Hilgenstock. „Ich werde im Rahmen meiner Mandate als Beirat und Interim Manager immer häufiger gebeten, Ausschau nach neuen KI-basierten Geschäftsmodellen zu halten. In allen Fällen kann ich entsprechende Vorschläge unterbreiten, aber die Entscheidung, welchen Weg ein Unternehmen strategisch einschlagen will, ist eine Führungsaufgabe, die letztlich der Inhaber, Geschäftsführer oder Vorstand zu treffen hat.“

Führung bleibt der entscheidende Faktor

Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug, das Prozesse beschleunigt, Analysen verbessert und neue Möglichkeiten eröffnet. Doch sie ersetzt keine Verantwortung. Führung bedeutet mehr als Daten auszuwerten – sie erfordert Erfahrung, Intuition und die Fähigkeit, Unsicherheiten zu bewerten. Unternehmen, die KI als Unterstützung verstehen, können ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich steigern. Wer jedoch glaubt, Entscheidungen vollständig delegieren zu können, riskiert Fehlentwicklungen. Gerade im Mittelstand zeigt sich: Nähe zum Markt, Flexibilität und menschliche Urteilskraft bleiben zentrale Erfolgsfaktoren. Die Zukunft gehört daher nicht der KI allein, sondern dem Zusammenspiel aus Technologie und starker Führung.

Zur Person: Eckhart Hilgenstock zählt zu den gefragtesten Interim Managern in Deutschland. Unternehmen engagieren ihn regelmäßig als Führungskraft auf Zeit, wenn es um profitables Wachstum, Vertrieb, Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Organisationen geht. „Eckhart Hilgenstock gilt als Vorzeigetyp der Branche“, schrieb die WirtschaftsWoche über ihn. Seine beruflichen Stationen umfassen unter anderem die Position des General Manager EMEA Sales Global Accounts bei Microsoft sowie zuvor Managing Director DACH bei Lotus Development und IBM Deutschland. Eckhart Hilgenstock ist Mitglied im Diplomatic Council, einer globalen Denkfabrik mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen (UN), und Autor des Buches „KI-Einsatz in Unternehmen: Chancen, Risiken, Erfolge“ (ISBN 978-3-98674-114-3), erschienen im Verlag des Think Tank.

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