Bernie Sanders will KI-Firmen zu 50 Prozent in öffentliche Hand überführen
Der US-Senator Bernie Sanders will die amerikanische Öffentlichkeit über einen Staatsfonds an den größten KI-Unternehmen des Landes beteiligen. In einem Gastbeitrag für die "New York Times" kündigte der 84-jährige Sanders an, in den kommenden Wochen einen Gesetzentwurf mit dem Titel "American A.I. Sovereign Wealth Fund Act" einzubringen.
Der zweimalige Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten warnt schon länger vor den Folgen einer unregulierten KI-Entwicklung. Die Trump-Administration und die Republikaner in Senat und Kongress lassen den Tech-Konzernen weitgehend freie Hand. So ordnete Trump im Dezember 2025 per Dekret an, dass das Justizministerium gegen Bundesstaaten vorgehen soll, die eigene KI-Regeln durchsetzen wollen.
KI-Revolution: "Die Wahl, vor der wir stehen"
Für Sanders geht es dabei um weit mehr als Technologiepolitik. "Die Frage lautet also nicht, ob KI die Welt verändern wird. Das wird sie. Die Frage lautet: Wem wird diese Zukunft gehören, und wer wird sie kontrollieren? Wer wird davon profitieren, und wem wird sie schaden?" Am Ende stehe die Entscheidung, "ob KI dazu genutzt werden [wird], das Leben arbeitender Familien zu verbessern", oder ob "die Zukunft der Menschheit von einer Handvoll Milliardären bestimmt werden" solle. Sein Fazit: "Das ist die Wahl, vor der wir stehen."
Staatsfonds: Nicht nur besteuern, sondern mitbestimmen
Kern des angekündigten Vorhabens ist eine einmalige Steuerabgabe in Höhe von 50 Prozent, die nicht auf Gewinne, sondern auf die Aktien der betroffenen Konzerne erhoben werden soll. Namentlich nennt Sanders unter anderem OpenAI, Anthropic und xAI. Mit den so eingezogenen Anteilen soll ein Staatsfonds entstehen, der den Bürgerinnen und Bürgern einen direkten Eigentumsanteil an den Tech-Konzernen verschafft.
Der Gesetzentwurf würde nach Sanders' Vorstellung "der Öffentlichkeit eine direkte Beteiligung an den größten KI-Unternehmen unseres Landes verschaffen". Dadurch würde "der Öffentlichkeit eine direkte Rolle dabei zuweisen, die Zukunft dieser Technologie zu bestimmen". "Die Zukunft der KI und die damit einhergehende Veränderung des menschlichen Lebens würden nicht länger von einer Handvoll Big-Tech-Oligarchen diktiert", schreibt der Senator.
Die Regierung hätte durch ihre Stimmrechtsanteile und eine gleichberechtigte Vertretung im Vorstand jedes Unternehmens "die Macht, Entscheidungen zu blockieren, die der Bevölkerung schaden, und sich für Maßnahmen einzusetzen, die ihr helfen".
Kollektives Wissen: "Es ist an der Zeit, dass wir es zurückfordern"
Den Kern seiner Argumentation sieht Sanders in der Entstehung moderner KI-Systeme. "KI baut auf unserer kollektiven Intelligenz auf: auf unseren Büchern, Liedern, Kunstwerken, journalistischen Texten, Computerprogrammen, wissenschaftlichen Forschungen, Videos, Gesprächen, Bildern und Ideen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden."
Die Daten und die Sprache generativer KI seien "nicht einfach so in Sam Altmans Kopf oder Elon Musks Fantasie entstanden". Vielmehr hätten die Tech-Konzerne dieses Wissen "ohne Erlaubnis, ohne Anerkennung und ohne Vergütung in ihre KI-Modelle eingespeist".
Seine Schlussfolgerung fällt drastisch aus: "Das kreative Schaffen von Millionen von Menschen – Schriftstellern, Künstlern, Musikern, Journalisten, Lehrern, Wissenschaftlern und einfachen Bürgern – wurde im Grunde von einigen der reichsten Menschen der Welt gestohlen. Es ist an der Zeit, dass wir es zurückfordern."
Für Sanders ergibt sich daraus ein politischer Anspruch: "Da KI auf dem kollektiven Wissen der Menschheit basiert, muss der durch sie erzeugte Reichtum der Menschheit zugutekommen." Profitieren dürften "nicht nur Herr Musk, Herr Altman, Dario Amodei und andere Oligarchen", sondern die Allgemeinheit.
Vorbilder: Norwegen, Alaska und sogar KI-Unternehmen
Sanders verweist zudem darauf, dass die Idee keineswegs neu sei. OpenAI habe die Schaffung eines "öffentlichen Vermögensfonds" vorgeschlagen, der "jedem Bürger – auch denen, die nicht an den Finanzmärkten investiert haben – eine Beteiligung am KI-getriebenen Wirtschaftswachstum ermöglicht". Anthropic habe die Einrichtung von Staatsfonds mit Anteilen an KI-Unternehmen angeregt. Elon Musk habe erklärt: "Ein universelles hohes Einkommen durch von der Regierung ausgegebene Schecks ist der beste Weg, um die durch KI verursachte Arbeitslosigkeit zu bewältigen."
Als Vorbilder nennt Sanders außerdem den mehr als zwei Billionen Dollar schweren norwegischen Staatsfonds sowie den Alaska Permanent Fund, der seit Jahrzehnten Dividenden an die Einwohner des Bundesstaates ausschüttet.
Milliarden für die Bevölkerung
Die Erträge des Fonds sollen zunächst in Form direkter Zahlungen an die Bevölkerung fließen. Langfristig sollen sie nach Sanders' Vorstellung dazu beitragen, "sicherzustellen, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind in unserem Land einen angemessenen und würdigen Lebensstandard genießt, einschließlich Gesundheitsversorgung, Bildung und Wohnraum".
Zugleich räumt der Senator ein, dass eine staatliche Beteiligung an Unternehmen, deren Geschäft nur teilweise auf KI beruht, rechtlich komplex sei. Am Grundprinzip ändere das jedoch nichts: "Wenn eine öffentliche Ressource Wohlstand schafft, sollte die Öffentlichkeit an diesem Wohlstand teilhaben."
Seinen Gastbeitrag beendet Sanders mit einem Appell gegen die Machtkonzentration im Silicon Valley: "Die Zukunft der KI und das Schicksal der Menschheit dürfen nicht hinter verschlossenen Türen im Silicon Valley entschieden werden. Sie darf nicht von Milliardären diktiert werden, die ihre Macht und ihren Profit maximieren wollen." Stattdessen müsse sie "von Arbeitnehmern, Eltern, Lehrern, Künstlern, Wissenschaftlern, Gemeinschaften und dem amerikanischen Volk entschieden werden". Sein Schlusssatz lautet: "Es ist unsere Zukunft. Wir müssen darüber entscheiden."
Europa: Könnte ein ähnliches Modell funktionieren?
Ob ein vergleichbares Modell in Europa oder Deutschland realistisch wäre, ist allerdings offen. Anders als in den USA existieren hier keine wenigen dominierenden KI-Konzerne, deren Aktien der Staat im Rahmen einer einmaligen Abgabe übernehmen könnte. Denkbar wäre jedoch ein europäischer KI-Fonds, der sich über Steuern auf besonders profitable KI-Geschäftsmodelle oder über staatliche Beteiligungen an strategischen Technologieunternehmen finanziert. Die Erträge könnten – ähnlich wie Sanders es vorschlägt – in Forschung, Bildung und digitale Infrastruktur fließen oder in Form einer Bürgerdividende ausgeschüttet werden.
Gleichzeitig wäre ein solcher Eingriff rechtlich und politisch hoch umstritten. Eigentumsgarantien, europäisches Wettbewerbsrecht und internationale Investitionsabkommen setzen staatlichen Beteiligungen enge Grenzen. Kritiker dürften zudem einwenden, dass eine Zwangsabgabe in Form von Unternehmensanteilen Investitionen und Innovationen abschrecken könnte. Befürworter halten dagegen, dass generative KI auf Milliarden öffentlich verfügbarer Daten und jahrzehntelanger wissenschaftlicher Forschung aufbaut und deshalb zumindest ein Teil der daraus entstehenden Wertschöpfung an die Gesellschaft zurückfließen sollte. Die von Sanders angestoßene Debatte über Eigentum an KI und die Verteilung ihrer Gewinne könnte damit auch in Europa an Bedeutung gewinnen.
