Wirtschaft

Russische Wirtschaft vs. Ukraine: Zwei Kriegswirtschaften mit unterschiedlichen Perspektiven

Der Krieg verändert beide Volkswirtschaften tiefgreifend. Doch welche Perspektiven hat die russische Wirtschaft im Vergleich zur Ukraine im langen Konflikt?
10.03.2026 07:18
Lesezeit: 8 min
Russische Wirtschaft vs. Ukraine: Zwei Kriegswirtschaften mit unterschiedlichen Perspektiven
Die russische Wirtschaft kollabiert trotz der Sanktionen nicht. (Foto: dpa) Foto: Kateryna Klochko

Russische Wirtschaft im Ukrainekrieg

Der Krieg hat sowohl die russische Wirtschaft als auch die ukrainische Wirtschaft tief geprägt. Beide Volkswirtschaften befinden sich faktisch im Kriegszustand. Russland als Aggressor und die Ukraine als Opfer kämpfen mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen. Im Jahr 2024 war das reale Wachstum der russischen Wirtschaft deutlich höher als das der ukrainischen Wirtschaft. Die russische Wirtschaft wuchs damals um etwas mehr als vier Prozent, während die ukrainische Wirtschaft unter drei Prozent blieb.

Im vergangenen Jahr kehrte sich diese Entwicklung um. Die ukrainische Wirtschaft wuchs doppelt so schnell wie die russische Wirtschaft und erreichte eine Wachstumsrate von 2,2 Prozent. Die russische Wirtschaft wuchs nur um ein Prozent, und das trotz stark steigender Staatsausgaben und eines zunehmenden Haushaltsdefizits.

Russland veröffentlicht inzwischen keine nationalen Daten mehr zum Umfang seines Außenhandels. Das Land berichtete jedoch, dass der Wert der Exporte von Waren und Dienstleistungen im vergangenen Jahr um 14 Prozent gesunken ist, während die Importe um neun Prozent zurückgingen. Ein großer Teil des Rückgangs beim Exportwert hängt mit niedrigeren Ölpreisen zusammen. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass der durchschnittliche Exportpreis für russisches Rohöl im vergangenen Jahr etwa 56 Dollar pro Barrel betrug, rund 18 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Auch das Exportvolumen sank um etwa zwei Prozent. Die aktuell wieder hohen Ölpreise kommen der russischen Wirtschaft daher unmittelbar zugute.

Sieben Punkte: Wie steht es um die russische Wirtschaft und was hat sich verändert

Die folgenden Einschätzungen basieren auf mehreren Quellen. Besonders berücksichtigt wurden Publikationen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche sowie Analysen zur politischen Ökonomie des Krieges zwischen Russland und der Ukraine und Studien des wirtschaftlichen Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank für Schwellenländer.

1. Russische Wirtschaft stagniert ohne hohe Ölpreise

Vor dem Krieg im Nahen Osten und den steigenden Ölpreisen prognostizierte das Wiener Institut für die russische Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von lediglich 1,2 Prozent und für das Jahr 2027 ein Wachstum von etwa 1,5 Prozent. Die Zinsen in Russland liegen derzeit bei rund 16 Prozent. Kredite sind damit sehr teuer, was die wirtschaftliche Aktivität der russischen Wirtschaft stark dämpft. Die Investitionstätigkeit ist äußerst gering. Das dürfte langfristig einer der größten Schäden für Wachstum und Potenzial der russischen Wirtschaft sein.

Der Internationale Währungsfonds ist sogar deutlich pessimistischer. Für dieses Jahr erwartet der IWF für die russische Wirtschaft lediglich ein Wachstum von 0,8 Prozent und für 2027 rund ein Prozent. Für die Ukraine prognostiziert das Wiener Institut dagegen ein Wachstum von 2,5 Prozent in diesem Jahr und 3,5 Prozent im Jahr 2027. Gleichzeitig warnen die Ökonomen, dass die massive Zerstörung der Energieinfrastruktur und wiederkehrende Stromausfälle die wirtschaftliche Aktivität zunehmend untergraben. Hinzu kommen zerstörte Produktionsanlagen sowie ein erheblicher Arbeitskräftemangel infolge von Migration und militärischer Mobilisierung.

2. Welcher Ölpreis lohnt sich für Russland?

Die russische Wirtschaft wird vor allem durch Öl gestützt, während die Ukraine wirtschaftlich von internationaler Hilfe abhängig ist. Bislang galt, dass die internationale Unterstützung für die Ukraine zumindest bis 2027 stabiler sei als die Ölpreise. Die Europäische Union stellt rund 90 Milliarden Euro bereit, um den ukrainischen Staatshaushalt und militärische Ausgaben bis 2027 zu finanzieren. Ursprünglich ging man davon aus, dass die Ölpreise sinken würden. Nach dem Krieg im Iran hat sich diese Annahme jedoch verändert.

Russland ist ein Energieexporteur. Gas wird vor allem im Inland verbraucht, während Öl exportiert wird. Die Einnahmen aus Öl schaffen jedoch ein stark rentenbasiertes System in der russischen Wirtschaft. Diese Einnahmen werden politisch verteilt, häufig auch an Teile der Wirtschaft, die keine Gewinne erwirtschaften.

Laut einer Studie von Aramco liegt die Rentabilitätsschwelle für russische Ölförderung bei etwa 44 Dollar pro Barrel. Die Kosten der Sanktionen werden auf zusätzliche 36 Dollar pro Barrel geschätzt. Das bedeutet, dass die russische Wirtschaft erst bei einem Ölpreis von über 80 Dollar pro Barrel tatsächlich Gewinne erzielt.

3. Zinsen in der Ukraine niedriger als in Russland

Monetäre Stabilität stellt bereits in Friedenszeiten ein Risiko dar, im Krieg erst recht. Der anfängliche Erfolg Russlands bei der Senkung von Inflation und Zinsen war möglich, weil die Energiekrise zu stark steigenden Gewinnen aus dem Energiesektor führte. Diese Einnahmen sicherten den Zugang zu konvertierbaren Fremdwährungen, die 2022 noch etwa 50 Prozent der Exporterlöse ausmachten. Bis Ende 2024 sank dieser Anteil auf etwa zehn Prozent.

Die russische Zentralbank reagiert inzwischen mit sehr hohen realen Zinsen, um den Rubel zu stützen und die Inflation in der russischen Wirtschaft einzudämmen. Die ukrainische Wirtschaft bleibt dagegen nur dank finanzieller Unterstützung aus dem Westen stabil. Seit Oktober 2023 konnte die ukrainische Zentralbank einen niedrigeren Leitzins halten als Russland. Seit Juli 2024 liegt auch der inflationsbereinigte Zinssatz in der Ukraine unter dem russischen Niveau.

4. Russische Wirtschaft als Staat zweier Welten

Die russische Wirtschaft ist stark gespalten. Auf der einen Seite steht die Öl- und Energieindustrie, die ohne Sanktionen international wettbewerbsfähig wäre. Auf der anderen Seite stehen jene Teile der Wirtschaft, die von staatlich verteilten Renten leben.

Auf der einen Seite stehen militärische und politische Eliten rund um Präsident Putin. Auf der anderen Seite stehen zivile Bevölkerung und zivile Wirtschaft, die deutlich weniger Unterstützung erhalten.

Obwohl die Reallöhne in Russland gestiegen sind, wächst der Wohlstand der Bevölkerung kaum. Der Grund liegt darin, dass die Löhne weiterhin sehr niedrig sind. Selbst große prozentuale Lohnerhöhungen führen bei einem niedrigen Ausgangsniveau nur zu begrenzten Verbesserungen. Laut der Ökonomin Natalia Zubarevich hatten im Jahr 2023 rund 40 Prozent der Russen geringere reale Einkommen als 1991.

5. Wer gibt mehr für den Krieg aus?

Russland veröffentlichte im vergangenen Jahr erstmals offiziell die direkten Kosten des Krieges gegen die Ukraine. Diese lagen bei etwa 5,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Insgesamt erreichten die Verteidigungsausgaben etwa 7,3 Prozent des BIP. Im Jahr vor Kriegsbeginn lag dieser Anteil noch bei 3,6 Prozent.

Die Ukraine gibt dagegen mehr als 20 Prozent ihres BIP für Verteidigung und Militär aus. Diese Zahlen zeigen deutlich, wie asymmetrisch die wirtschaftliche Belastung beider Staaten ist.

6. Kriegs-Keynesianismus

Sowohl die russische Wirtschaft als auch die ukrainische Wirtschaft haben eine Art Kriegs-Keynesianismus entwickelt. Militärische Ausgaben dienen als zentraler Treiber der Nachfrage und sollen das Wirtschaftswachstum stabilisieren.

Die unterschiedlichen politischen Systeme führen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Russland arbeitet mit einem rentenbasierten System unter autoritärer Kontrolle. In der Ukraine hingegen sind staatliche Institutionen trotz des Krieges funktionsfähig geblieben. Die Regierung ist weiterhin in der Lage, Steuern einzutreiben, den Krieg zu finanzieren und staatliche Leistungen zu organisieren.

Dass Russland die ukrainischen Institutionen nicht zerstören konnte, gilt als einer der größten strategischen Misserfolge Moskaus.

7. Wird die russische Wirtschaft irgendwann zum Einlenken gezwungen?

Auch ein schwerer wirtschaftlicher Einbruch würde die russische Wirtschaft vermutlich nicht automatisch zu Verhandlungen oder zu einem Friedensabkommen zwingen. Russland hat einen militärisch-industriellen Komplex aufgebaut, dessen Eliten ein starkes Interesse an hohen Verteidigungsausgaben und der Fortsetzung des Krieges haben.

Die größte Stärke der Ukraine liegt darin, dass ihre staatlichen Institutionen trotz des Krieges funktionsfähig geblieben sind. Hinzu kommen internationale Partner sowie finanzielle Unterstützung aus der Europäischen Union. Außerdem verfügt die Ukraine über ein wachsendes Verteidigungsökosystem. Mehr als 2000 Unternehmen sind in diesem Bereich tätig, etwa ein Viertel davon produziert Drohnen. Kooperationen mit europäischen Unternehmen könnten langfristig die Grundlage für eine moderne Verteidigungsindustrie in Europa schaffen.

Für Russland und das rentenbasierte System rund um Präsident Putin stellt Frieden möglicherweise ein größeres Risiko dar als ein Krieg im derzeitigen Umfang. Frieden würde der russischen Wirtschaft keine neue Dynamik verleihen. Für die Ukraine hingegen könnte Frieden zusätzlichen internationalen Kapitalzufluss und neue Märkte eröffnen. Langfristig würde sich auch die Perspektive eines EU-Beitritts verstärken.

Gleichzeitig warnen Ökonomen davor, die Geschwindigkeit wirtschaftlicher Erholung nach einem Krieg zu überschätzen. Historisch konnten sich Staaten vor allem dann schnell erholen, wenn sie bereits vor dem Krieg starke Wachstumsraten und stabile demokratische Institutionen besaßen.

Der Krieg hat sowohl die russische Wirtschaft als auch die ukrainische Wirtschaft tief verändert. Russland bleibt stark von Energieexporten und einem rentenbasierten politischen System abhängig. Die Ukraine stützt sich dagegen auf internationale Unterstützung und funktionierende staatliche Institutionen. Langfristig könnten genau diese institutionellen Unterschiede darüber entscheiden, welche Wirtschaft nach dem Krieg schneller wieder wächst und Investitionen anzieht.

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Simona Toplak

Simona Toplak ist Chefredakteurin der slowenischen Wirtschaftszeitung Casnik Finance.

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