Politik

Krieg im Iran: Rückenwind oder Risiko für Netanjahu?

Israel steht erneut im Krieg mit dem Iran, während im Inland politische Spannungen wachsen. Viele Bürger unterstützen die Angriffe, doch Netanjahus Zukunft bleibt ungewiss. Kann ein militärischer Konflikt seine Position stärken – oder verschärft er die Zweifel an seiner Führung?
28.03.2026 09:53
Lesezeit: 3 min
Krieg im Iran: Rückenwind oder Risiko für Netanjahu?
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu: Hilft der Iran-Krieg Netanjahu? (Foto: dpa) Foto: Ronen Zvulun

Stärkt der Iran-Krieg Netanjahus innenpolitische Position?

Ein großer Teil der israelischen Bevölkerung unterstützt die Angriffe im Iran. Verbessert das die Aussichten des politisch angeschlagenen Ministerpräsidenten Netanjahu bei der kommenden Wahl?

Immer wieder müssen Menschen in Israel wegen Raketenangriffen Schutzräume aufsuchen, es gibt bereits mehrere Tote, der Alltag ist stark eingeschränkt - und dennoch befürwortet eine Mehrheit laut aktuellen Umfragen den Krieg gegen den Iran. Ende Oktober findet in Israel planmäßig die Parlamentswahl statt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu setze wegen der gemeinsamen Angriffe mit den USA auf iranische Ziele darauf, seine Chancen bei der Wahl zu steigern, sagt die Politik-Dozentin Ilana Schpaizman von der Universität Bar Ilan bei Tel Aviv. Doch geht diese Strategie auf?

Warum viele Israelis den Krieg befürworten

Viele Israelis betrachten das Raketen- und Atomprogramm des Erzfeinds Iran als existenzielle Gefahr für ihr Land und ihr Leben - vor allem deshalb ist die Unterstützung für den Krieg groß. Teheran betont hingegen, keine Atomwaffen entwickeln zu wollen, sondern ausschließlich ein ziviles Nuklearprogramm zu verfolgen. Die Islamische Republik verfügte vor Kriegsbeginn laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA jedoch über Uran mit nahezu waffentauglichem Reinheitsgrad.

Den Israelis gehe es vor allem darum, dass Islamisten niemals erneut ein Massaker wie jenes vom 7. Oktober 2023 verüben können, erklärt Schpaizman. Damals waren die Hamas und andere palästinensische Terrorgruppen aus dem Gazastreifen nach Israel eingedrungen, hatten mehr als 1000 Menschen getötet und etwa 250 verschleppt. Im Fall des Iran hätten diplomatische Bemühungen aus Sicht vieler Israelis keine Wirkung gezeigt, führt sie aus.

Israel befindet sich seit zweieinhalb Jahren nahezu ununterbrochen im Kriegszustand, insbesondere die aktuellen, ständigen Raketenangriffe empfinden viele Menschen als belastend. "Die Menschen wünschen sich, dass dies jetzt der letzte Krieg ist und der Nahe Osten danach grundlegend anders aussieht", sagt die Politikwissenschaftlerin Gail Talschir von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dennoch seien die meisten Israelis wenig optimistisch, dass dieses Ziel erreicht werden kann.

Profitiert Israels Regierung von der Zustimmung zum Krieg?

Israels Ministerpräsident hatte nach dem letzten Iran-Krieg im Juni 2025 erklärt, "einen historischen Sieg errungen", das iranische Atomprogramm sowie die Raketenindustrie zerstört zu haben - dennoch ist nun erneut ein Krieg ausgebrochen. "Wie sich herausstellte, war keine dieser Behauptungen wahr", bilanziert die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz".

"Netanjahu erreicht seine Kriegsziele nicht", sagt Talschir. Das gelte auch für den Gazastreifen, wo die Hamas weiterhin die Kontrolle innehabe. Israel hatte die Zerschlagung der Terrororganisation und einen "absoluten Sieg" angekündigt. Nach Einschätzung der Expertin profitiert seine Regierungskoalition daher auch nicht vom aktuellen Iran-Krieg.

Aktuelle Umfragen zeigen, dass der israelische Ministerpräsident und seine Koalitionspartner nicht genügend Sitze im Parlament erreichen würden, um erneut eine Regierung zu bilden. Die Zustimmungswerte für Netanjahus Regierung waren bereits nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober deutlich gesunken.

Großes Misstrauen gegenüber der Regierung

Viele Israelis stehen ihrer Regierung misstrauisch gegenüber, wie Schpaizman betont. "Sie trauen der Regierung nicht zu, dass sie den Krieg richtig führt." Talschir ergänzt, dass die Regierung bereits nach dem zwölftägigen Krieg im Juni des vergangenen Jahres in Umfragen keine besseren Ergebnisse erzielen konnte.

Auch andere Experten gehen davon aus, dass Netanjahu nicht vom Krieg profitieren wird - insbesondere dann, wenn sich kein klarer militärischer Erfolg Israels abzeichnet. Jossi Mekelberg von der britischen Denkfabrik Chatham House stellt fest, dass es Netanjahu nicht gelingt, militärische Erfolge Israels in diplomatische Fortschritte umzusetzen.

Die Politikwissenschaftlerin Talschir erwartet zudem keine positiven Effekte für die Opposition. Diese unterstütze den Krieg größtenteils ebenfalls, da sie sich mehr Sicherheit für Israel erhoffe. Außerdem gelte: "Die Auswirkungen eines Krieges auf die Politik lassen generell schnell nach", so die Forscherin.

Das Anti-Netanjahu-Lager wäre laut aktuellen Umfragen auf arabische Parteien angewiesen, um die erforderliche Mehrheit von Abgeordneten im Parlament zu erreichen. Viele Oppositionsparteien lehnen jedoch ein solches Bündnis ab.

Experten sehen persönliche Motive bei Netanjahu

Kritiker zufolge verfolgt Netanjahu im Iran-Krieg nicht ausschließlich sicherheitspolitische Ziele. Sein Ansehen habe durch das politische und militärische Versagen im Zusammenhang mit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel gelitten, erklärt Talschir. Früher sei er als Garant für Sicherheit wahrgenommen worden. "Er will den Titel "Mr. Security" wieder zurückerlangen", so die Expertin. Dafür setze er auf militärische Konflikte.

Schpaizman erkennt ein weiteres persönliches Motiv des Ministerpräsidenten. "Er führt den Krieg auch, um sich vor seinem Prozess zu retten", sagt sie mit Blick auf das seit sechs Jahren laufende Korruptionsverfahren gegen Netanjahu. Dieses könnte nach dem Krieg und insbesondere nach einem möglichen Machtverlust wieder an Dynamik gewinnen. Laut der Expertin könnte Netanjahu zudem darauf hoffen, dass Staatspräsident Izchak Herzog ihn angesichts seiner Leistungen im Iran-Krieg begnadigt. Netanjahu hatte Herzog offiziell um eine solche Begnadigung gebeten.

Iran-Krieg könnte Israel international schaden

Talschir geht davon aus, dass der Iran-Krieg Israel weiter international isolieren könnte. Bereits zuvor war das Ansehen Israels wegen des militärischen Vorgehens im Gaza-Krieg erheblich beschädigt worden. Ob es in Teheran tatsächlich zu einem Machtwechsel kommt, wie ihn sich laut Umfragen viele Israelis wünschen, ist jedoch ungewiss. Selbst ein eindeutiger militärischer Sieg Israels ist keineswegs garantiert.

Die israelische Bevölkerung stellt sich daher zunehmend darauf ein, dass es künftig regelmäßig im Abstand von einigen Jahren zu Konflikten mit dem Iran kommen könnte, wie Schpaizman erklärt - ähnlich wie bereits im Gazastreifen mit der Hamas. "Das würde unsere Lage erheblich verschlimmern."

Unsichere Zukunft für Netanjahu

Der Iran-Krieg bringt für Israels Ministerpräsident Netanjahu bislang keinen klaren politischen Vorteil. Zwar steht ein großer Teil der Bevölkerung hinter den militärischen Maßnahmen, doch das Vertrauen in die Regierung bleibt gering. Umfragen zeigen, dass seine Koalition derzeit keine Mehrheit sichern könnte. Gleichzeitig fehlen sichtbare Erfolge, die seine Position stärken würden. Auch die Opposition profitiert kaum, da sie den Kurs weitgehend mitträgt. Hinzu kommen persönliche und rechtliche Belastungen, die Netanjahu zusätzlich unter Druck setzen. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass der Krieg eher Unsicherheit verstärkt, statt politische Stabilität zu schaffen – mit ungewissem Ausgang für die kommende Wahl.

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