Politik

Ungarn-Wahlen: Orban gesteht Niederlage ein – Magyars Sieg verändert Europa

Nach Jahren der Dominanz steht Viktor Orbans System vor dem Aus. Der Wahlsieg der Tisza-Partei und von Orban-Herausforderer Peter Magyar wecken Hoffnung auf Reformen und eine Annäherung an Europa.
13.04.2026 08:08
Aktualisiert: 13.04.2026 08:08
Lesezeit: 2 min

Magyars Sieg bei den Ungarn-Wahlen verschiebt politische Kräfte in Europa

Der Sieg verlangt nach Feier. Als nahezu sicher war, dass seine Tisza-Partei die Parlamentswahl sogar mit einer Zweidrittelmehrheit der Sitze gewann, bewegte sich Peter Magyar, die ungarische Fahne in der Hand, durch die Menge seiner jubelnden Unterstützer. Anschließend betrat er die Bühne, die am Donauufer auf der Buda-Seite direkt gegenüber dem imposanten, hell erleuchteten Parlamentsgebäude aufgebaut worden war - für eine Ansprache vor einer Kulisse, die Bilder für die Geschichtsbücher entstehen ließ.

Die Parlamentswahl am Sonntag trägt tatsächlich einen historischen Charakter. Nach 16 Jahren an der Spitze erlitt der rechtspopulistische und russlandfreundliche Ministerpräsident Viktor Orban eine deutliche Niederlage. Nach Auszählung fast aller Wahllokale gewann die bürgerliche Tisza-Partei laut Wahlkommission 138 von 199 Sitzen und erreichte 53,2 Prozent der Stimmen. Auf Orbans Fidesz-Partei entfielen 55 Mandate, bei einem Stimmenanteil von 38,3 Prozent.

Die rechtsextreme Partei Unsere Heimat (Mi Hazank) überwand mit 5,9 Prozent der Stimmen die Fünf-Prozent-Hürde und kam auf 6 Mandate. Keine weitere Partei zog ins Parlament ein. In der neuen Volksvertretung werden weder linke, noch grüne oder liberale Parteien vertreten sein.

Orban-Ära am Ende: Zweidrittelmehrheit gibt Magyar großen Spielraum

In seiner Rede vor zehntausenden begeisterten Anhängern sprach Magyar über die politischen Möglichkeiten, die die parlamentarische Zweidrittelmehrheit bietet. "Sie wird den Übergang effizienter, friedlicher und reibungsloser machen." Orban hatte bereits seit 2010 mit solchen Super-Mehrheiten regiert. Diese nutzte er, um seine autoritäre Machtstruktur durch Verfassungsänderungen, Gesetze im Verfassungsrang und Personalentscheidungen auf Basis strikter Loyalität zu festigen.

"Ich fordere alle Marionetten, die uns die (Orban-)Regierung in den Nacken gesetzt hat, zum Rücktritt auf", rief Magyar der Menge zu. Konkret nannte er unter anderem den Staatspräsidenten Tamas Sulyok, den Obersten Staatsanwalt Gabor Balint Nagy sowie die Führung des Verfassungsgerichts und der Medienaufsicht. Mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament wird Magyar in der Lage sein, diese Amtsträger abzusetzen und neue zu bestimmen.

Ein einfaches Durchregieren wie bei Orban, dem letztlich vor allem an der Errichtung eines autoritären Systems gelegen war, dürfte jedoch nicht ausreichen. Magyar steht unter erheblichem Erwartungsdruck einer Wählerschaft, die sich einen Ausweg aus wirtschaftlicher Stagnation, Korruption und außenpolitischer Isolation erhofft. Mit einer Partei, die in nur zwei Jahren aufgebaut wurde und in der sich teilweise ausgewiesene Fachleute, aber auch sehr eigenständige Persönlichkeiten versammeln, wird Magyar zeitnah Ergebnisse liefern müssen.

Europa reagiert erleichtert

Orban hatte sich von der Europäischen Union (EU), der Ungarn seit 2004 angehört, zunehmend entfernt. Der von ihm vorangetriebene Abbau von Demokratie und Rechtsstaat widersprach den Grundsätzen und Verträgen der EU. Seine Nähe zu Russland unter Präsident Wladimir Putin wurde nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 noch offensichtlicher. Dies verstärkte die Distanz zur EU zusätzlich.

Orban blockierte zuletzt mit seinem Veto einen 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU für die Ukraine - obwohl Ungarn selbst nichts dazu hätte beitragen müssen. Kurz vor der Wahl wurden Protokolle von Telefonaten bekannt, die Orban mit Putin und Außenminister Peter Szijjarto mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow geführt hatten. Die Art, wie sich Ungarn gegenüber Russland positionierte, sorgte für Empörung. Szijjarto gab etwa EU-Interna an Lawrow weiter und beschaffte ihm auf dessen Wunsch vertrauliche Unterlagen.

Magyar bezeichnete den Wahlausgang in seiner Rede als Zeichen dafür, dass "die Ungarn ihren Platz in Europa sehen". Ungarn werde wieder ein verlässlicher Partner in EU und Nato sein, kündigte er an. Ein Land, das in der Ukraine-Frage nicht mehr blockiert, würde der EU wieder mehr Handlungsspielraum verschaffen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf der Plattform X erfreut: "Ein Land findet zurück auf seinen europäischen Weg." Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte Magyar auf X: "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit für ein starkes, sicheres und vor allem geeintes Europa."

Budapest feiert ausgelassen

In der Hauptstadt Budapest löste die Abwahl Orbans eine bislang beispiellose Euphorie aus. Rund um den Batthyany-Platz, wo Magyar auftrat, und entlang der Großen Ringstraße auf der Pester Seite feierten und sangen vor allem zahlreiche junge Menschen bis in die frühen Morgenstunden. Auch der "Budapest-Karneval" könnte als Teil dieser historischen Entwicklung in die Geschichtsbücher eingehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die Firmen hinter den Casino-Webseiten: Wie groß ist das Netzwerk wirklich?

Wer ein Online Casino besucht, sieht zunächst eine eigenständige Marke. Eigener Name, eigene Webseite, andere Bonusangebote und teilweise...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Indizes legen bei geringem Handelsvolumen leicht zu und Krypto feiert Comeback
21.08.2026

Ein scheinbar ruhiger Handelstag bringt überraschende Dynamik an die Finanzmärkte.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg bei chinesischen Autos wird zur Milliardenfalle
21.08.2026

China verkauft immer bessere Elektroautos zu immer niedrigeren Preisen. Was Käufer freut, frisst die Margen der Hersteller, drückt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Gasspeicher unter Druck: Wann steuert Deutschland gegen?
21.08.2026

Europas Gasspeicher sind deutlich leerer als in den vergangenen Jahren. Dahinter steckt kein bloßes Versäumnis, sondern ein Gasmarkt, der...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Velico Medical: Trockenplasma für die NATO – was hinter dem Erfolg steckt
21.08.2026

Velico Medical stellt Trockenplasma in mobilen Containern her, die weltweit eingesetzt werden können. Nach einem Millionenvertrag mit dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota RAV4 im Test: Weniger PS, mehr Argumente
21.08.2026

Der Toyota RAV4 bleibt ein äußerst vernünftiger Familien-SUV mit sparsamem Hybridantrieb, viel Platz und guter Alltagstauglichkeit. Die...

DWN
Technologie
Technologie Fußball mit KI: Roboter erzielt Tore gegen Menschen
21.08.2026

Ein humanoider Roboter aus China lernt Fußball nicht auf dem Rasen, sondern zunächst in einer Simulation. Anschließend tritt er gegen...

DWN
Politik
Politik Analyse: Das ist Russlands Raketenbedrohung für die Ukraine
21.08.2026

Russland produziert inzwischen so viel mehr ballistische Raketen, dass im Winter mehrere Großangriffe mit bis zu 200 Raketen auf einmal...

DWN
Politik
Politik Wahlumfrage Sachsen-Anhalt: Steht die AfD vor einem Wahlsieg? So blickt das Ausland auf Sachsen-Anhalt
21.08.2026

Was bedeutet ein möglicher AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt für Deutschland und Europa? Kommentatoren aus mehreren Nachbarländern sehen...