Wirtschaft

Teure Quittung an der Zapfsäule: Energiekrise belastet Familienbudget

Der anhaltende Iran-Krieg entwickelt sich zunehmend zu einer sozialen Zerreißprobe für Deutschland. Während die Ölpreise auf den Weltmärkten Rekordhöhen erreichen, zeigt eine neue Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), dass die Lasten extrem ungleich verteilt sind. Besonders Familien und Alleinerziehende geraten durch die explodierenden Spritpreise unter massiven finanziellen Druck, während andere Bevölkerungsgruppen die Teuerung deutlich glimpflicher überstehen.
17.04.2026 14:00
Lesezeit: 2 min

Falle Kraftstoffkosten: Warum das Auto zum Armutsrisiko wird

Ausgaben für Kraftstoffe machen in diesen Haushaltsbudgets einen vergleichsweise großen Anteil aus, sagte Inflationsexpertin Silke Tober. Die Inflationsrate von Paarfamilien mit geringen Einkommen und von Alleinerziehenden mit mittleren Einkommen legte demnach zuletzt um jeweils 1,2 Prozentpunkte zu, bei Paarfamilien mit mittleren Einkommen um 1,1 Punkte. Bei Alleinlebenden mit niedrigen oder sehr hohen Einkommen stieg sie weniger stark.

IMK-Forscherin Tober erklärt die Unterschiede so: Während einkommensstarke Singles viele verschiedene Güter und Dienstleistungen konsumierten, deren Preise aktuell weniger stark angezogen hätten, besäßen ärmere Alleinlebende oft kein Auto. Diese Gruppe verzeichnete der Analyse zufolge im März mit 2,1 Prozent die niedrigste Inflationsrate. Bei allen anderen betrachteten Haushaltstypen lag diese hingegen bei 2,6 bis 2,8 Prozent.

Expertin: „Anhaltender Krieg könnte soziale Kluft erhöhen“

Die massiv gestiegenen Energiepreise im Zuge des Iran-Kriegs haben die Inflation in Deutschland im März nach oben katapultiert. Mit 2,7 Prozent kletterte die Teuerungsrate auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Im Februar lag sie noch bei 1,9 Prozent.

Inflationsforscherin Tober erwartet, dass sich der hohe Ölpreis auch auf die Preise anderer Güter auswirkt - etwa für Transport und Erdgas. Wie groß dieser Effekt ausfalle, hänge von der Dauer des Krieges ab. „Ein anhaltender Krieg zwischen den USA und dem Iran würde sich in den Preisen für Nahrungsmittel und Haushaltsenergie niederschlagen und nicht nur deutlich höhere Inflationsraten bewirken, sondern auch die soziale Kluft erneut erhöhen.“

Haushalte mit niedrigen bis mittleren Einkommen geben laut Tober einen vergleichsweise großen Anteil ihres Budgets für Güter des Grundbedarfs aus. Stiegen diese Preise, müssten insbesondere ärmere Haushalte deutlich höhere Belastungen schultern als einkommensstarke Haushalte, prognostiziert sie.

Mehrheit fürchtet steigende Preise durch Nahost-Krieg

Viele Menschen in Deutschland fürchten, dass die Preise weiter steigen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Institut Forsa im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) durchgeführt hat. 58 Prozent der Befragten haben demnach „sehr große“ oder „eher große“ Sorgen, dass die Preise durch den Krieg so stark steigen, dass sie sich im Alltag finanziell einschränken müssen. Bei Menschen mit niedrigem Einkommen ist der Anteil höher (66 Prozent). Befragt wurden dazu zwischen dem 9. und dem 13. April rund 1.000 Menschen.

Mittelstand unter Druck: Logistikbranche schlägt Alarm

Die nackten Zahlen der Inflationsstatistik finden ihre Entsprechung in der wachsenden Wut auf der Straße. In Leipzig und anderen Teilen Sachsens protestierten zuletzt zahlreiche Lkw-Fahrer und mittelständische Unternehmer gegen die Kostenexplosion. Für Spediteure wie Michael Berger ist der Dieselpreis längst zur Existenzfrage geworden: Neben den gestiegenen Kraftstoffkosten belasten höhere Sozialabgaben, die CO₂-Bepreisung und eine ausufernde Bürokratie die Betriebe. „Die Belastungen werden von Jahr zu Jahr größer“, warnt Berger. Die Fuhrunternehmer fordern daher eine sofortige Senkung der Mineralöl- und Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe, um den drohenden Kollaps vieler Betriebe abzuwenden.

Protestwelle rollt auf die Hauptstadt zu

Der Frust über die Energiepolitik der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz beschränkt sich längst nicht mehr auf regionale Autokorsos. Unter dem Motto „Generalstreik“ formieren sich bundesweit Konvois, die am Freitag den Bundestag in Berlin ansteuern. Initiativen wie „Berggeschrey Erzgebirge“ oder Logistiker aus Ostfriesland wollen mit ihren Fahrten durch das Bundesgebiet ein deutliches Zeichen setzen. Die Demonstranten kritisieren dabei nicht nur die hohen Preise, sondern auch neue Belastungen wie die diskutierten steuerfreien Boni für Angestellte, die viele kleine Betriebe finanziell schlicht nicht leisten können. Damit droht der Bundesregierung eine Protestwelle, die in ihrer Intensität bereits jetzt an die Bauernunruhen von 2024 erinnert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Diese Branchen könnten den KI-Hype schlagen
24.10.2026

Die Börsen brechen Rekorde, doch der Höhenflug steht auf wackligen Beinen. Wenige Technologiekonzerne treiben die Kurse, während...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien im Fokus, während die Wall Street im Minus bleibt
23.10.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Warum Technologiewerte und Rohstoffe die Anleger derzeit in Atem halten.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Erfolgreich mit Bio-Erdnüssen: Zwei Bauern sparen mit KI 90 Prozent der Arbeitskosten
23.10.2026

Trockenheit wird für Europas Landwirtschaft zum immer größeren Problem. Zwei Brüder aus Österreich reagieren darauf mit einer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
23.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Größter Verkauf russischen Goldes seit der Finanzkrise 1998: Weitere Tonnen verschwinden aus den Tresoren
23.10.2026

Die neuesten Daten der russischen Zentralbank zeigen, dass die Verkäufe aus den Goldreserven seit Jahresbeginn bereits 62 Tonnen erreicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum Frankreich weniger Schulden hat als die USA, dafür aber härter bestraft wird
23.10.2026

Die neuesten Eurostat-Daten für das zweite Quartal zeigen, dass die französische Staatsverschuldung im Verhältnis zur...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr: Wehrdienst-Fragebogen ignoriert? Dann droht ein Bußgeld
23.10.2026

Seit Januar werden in Deutschland junge Menschen ab 18 von der Bundeswehr zu ihrer Bereitschaft eines möglichen Wehrdiensts angeschrieben....