Wirtschaft

EU-Fusionsregeln: Wie Brüssel Europas Wirtschaft stärken will

Brüssel will die Fusionsregeln neu ausrichten und Europas Unternehmen mehr Spielraum im globalen Wettbewerb geben. Kann die EU ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, ohne den Schutz funktionierender Märkte zu schwächen?
12.05.2026 16:03
Lesezeit: 2 min
EU-Fusionsregeln: Wie Brüssel Europas Wirtschaft stärken will
Die geplante Reform der Fusionsregeln zeigt, wie die EU ihre Wettbewerbsfähigkeit künftig stärker mit Marktaufsicht, Innovation und europäischen Großunternehmen verbinden will (Foto: dpa) Foto: Philipp von Ditfurth

Wie die EU Fusionsregeln lockern und wettbewerbsfähiger werden will

Die Kommission unter Ursula von der Leyen will die Wettbewerbsfähigkeit der EU mit neuen Leitlinien wieder stärken. Im Zentrum steht die Frage, ob Europa größere Unternehmen zulassen muss, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Die Europäische Kommission setzt schrittweise jene Vorschläge um, die Mario Draghi ihr 2024 in seinem Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU vorgelegt hatte. Nun nimmt Brüssel die Regeln für Unternehmensfusionen in Angriff und will die bisherigen Leitlinien zur Fusionskontrolle überarbeiten.

Dazu hat die Kommission eine öffentliche Konsultation eröffnet. In diesem Verfahren sammelt sie Stellungnahmen zu einem rund hundert Seiten langen Entwurf neuer EU-Leitlinien für Fusionen. Diese sollen die bisherigen Regeln ersetzen.

Nach Angaben der Kommission handelt es sich um "die wichtigste Reform der EU-Fusionskontrolle in den vergangenen zwei Jahrzehnten". Stellungnahmen können bis zum 26. Juni 2026 über einen Fragebogen eingereicht werden, der auf der entsprechenden Seite der Kommission verfügbar ist.

Was die Kommission vorschlägt

Ein Grund für die geplante Reform ist der Wunsch, europäische Großunternehmen zu ermöglichen. Die Kommission hatte in der Vergangenheit Fusionen großer Konzerne häufig blockiert, um zu verhindern, dass einzelne Unternehmen eine zu dominante Marktstellung erreichen.

Als Beispiel gilt das Verbot der Fusion zwischen dem deutschen Siemens-Konzern und dem französischen Unternehmen Alstom. Nach Einschätzung einiger Beobachter hat diese Entscheidung europäischen Unternehmen den Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten erschwert.

Mit dem Entwurf der Leitlinien will die Kommission die globale Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken. Innovationen und Investitionen sollen künftig stärker in die Prüfung von Fusionen einfließen. Vereinfacht gesagt soll Brüssel weiterhin feindliche Übernahmen verhindern, zugleich aber mehr Spielraum für Zusammenschlüsse schaffen, die europäischen Unternehmen mehr Innovationskraft geben.

Dazu soll eine Art Schutzschild für unproblematische Fusionen eingeführt werden. Gemeint sind Zusammenschlüsse, an denen kleine innovative Unternehmen beteiligt sind, darunter Start-ups sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Solche Vorhaben sollen nicht automatisch unter denselben Druck geraten wie Fusionen etablierter Großkonzerne.

Wettbewerb, Nachhaltigkeit und staatliche Eingriffe

Auch Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit bleiben aus Sicht Brüssels zentrale Kriterien. Die Kommission will, dass die neuen Leitlinien beide Aspekte als "wichtige Schlüsselfaktoren" anerkennen.

Darüber hinaus sollen die Vorgaben zur Analyse von Marktmacht, Ausschlusswirkungen und Koordinierung modernisiert und präzisiert werden. Zugleich sollen detaillierte Hinweise festlegen, wie Fusionen künftig bewertet werden.

Dazu gehören auch die möglichen Vorteile und Effizienzgewinne solcher Zusammenschlüsse. Außerdem sind neue Regeln vorgesehen, nach denen Mitgliedstaaten in Verfahren eingreifen können.

Politico sieht Differenzen zwischen von der Leyen und Ribera

Bei der Vorstellung der Leitlinien war laut Politico ein Spannungsverhältnis zwischen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Teresa Ribera zu erkennen. Ribera ist Vizepräsidentin der Kommission und zuständig für den sauberen, fairen und wettbewerbsfähigen Übergang.

Von der Leyen betonte vor allem Vorteile wie Wachstum, Erfolg und Innovation. Ribera stellte dagegen stärker den Schutz der Märkte in den Vordergrund, "ohne die Anhäufung von Macht zuzulassen, die missbraucht werden könnte."

Ein öffentlicher Konflikt ist daraus bislang nicht entstanden. Abgesehen von unterschiedlichen Akzenten haben die Fusionsleitlinien zwischen beiden Politikerinnen noch keine offene Auseinandersetzung ausgelöst.

Dennoch bemüht sich von der Leyen in ihrer zweiten Amtszeit darum, die politische Verantwortung für dieses Projekt zu übernehmen. Das ist bemerkenswert, da die Reform zumindest offiziell in Riberas Zuständigkeitsbereich fällt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Špela Mikuš

Špela Mikuš ist Journalistin bei Finance.si, einem slowenischen Wirtschaftsmedium aus dem Bonnier-Konzern.
DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien unter Druck und Renditen steigen an turbulentem Handelstag
09.09.2026

Erfahren Sie, welche geopolitischen Ereignisse und überraschenden Kursbewegungen die Wall Street heute in Atem hielten.

DWN
Politik
Politik Chinas plötzliche Ölwende nach ungewöhnlichem Preisgefälle
09.09.2026

Der Ölpreis steigt nach neuen Spannungen am Persischen Golf. Gleichzeitig erhöht China wieder seine Rohölimporte und exportiert mehr...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzins-Prognose: Lagarde droht der Fehler von 2011
09.09.2026

Die nächste Zinserhöhung der EZB gilt beinahe als ausgemacht. Doch ausgerechnet die Erfahrung von 2011 zeigt, wie riskant ein solcher...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ist Axelera AI Europas Antwort auf Nvidia? Gründer Fabrizio Del Maffeo fürchtet, dass der Kontinent wieder denselben Fehler macht
09.09.2026

Europa mangelt es weder an Forschern, Ingenieuren noch an guten Ideen, meint Fabrizio Del Maffeo. Das Problem entsteht, wenn daraus große...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Carlsberg setzt auf Pepsi: Bier allein reicht nicht mehr
09.09.2026

Bei Carlsberg steht ausgerechnet eine amerikanische Limonade inzwischen vor der eigenen Kernmarke. Pepsi ist zum zweitgrößten Brand des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zollstreit zwischen USA und Kanada eröffnet deutschen Firmen neue Chancen
09.09.2026

Der Zollstreit zwischen den USA und Kanada spitzt sich zu und zwingt Ottawa zur wirtschaftlichen Neuorientierung. Deutsche Unternehmen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gefährliche Mängel: Rund 20 Prozent der Nutzfahrzeuge fallen beim TÜV durch
09.09.2026

Fast 3,9 Millionen Nutzfahrzeuge sind in Deutschland angemeldet. Das Durchschnittsalter ist in den vergangenen Jahren gestiegen – mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Salus-Aktie: Dieser Börsenstar muss sein Wachstum erst beweisen
09.09.2026

Mehr als 2.000 Prozent Rendite in zehn Jahren, stark steigende Gewinne und eine beeindruckende Übernahmebilanz: Die Salus-Aktie gehört zu...