Wirtschaft

39 Billionen Dollar Schulden: Amerikas größter Gläubiger heißt Amerika

Die USA häufen alle drei Monate eine Billion US-Dollar Schulden an und zahlen inzwischen mehr als eine Billion Dollar Zinsen pro Jahr. Wer glaubt, die größten Einzelgläubiger säßen in Peking, London oder Tokio, irrt.
23.05.2026 16:00
Lesezeit: 4 min

Pensionsfonds, Notenbank und Sozialversicherungsfonds als Gläubiger

Am 17. März 2026 überschritt die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten die Marke von 39 Billionen Dollar. Die US-Datenplattform Visual Capitalist hat diese Summe auf Basis von Daten des Finanzministeriums, der Federal Reserve (Fed) und des gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des Kongresses aufgeschlüsselt.

Danach halten Japan, Großbritannien und China zwar die größten ausländischen Einzelpositionen in US-Staatsanleihen. Der mit Abstand größte Gläubiger Amerikas aber ist Amerika selbst: Pensionsfonds, Notenbank und Sozialversicherungsfonds zusammen überwiegen jeden ausländischen Gläubiger bei weitem.

Washington ist der größte Gläubiger Washingtons

Von den rund 39 Billionen US-Dollar an Verbindlichkeiten entfallen laut Visual Capitalist etwa 30 Billionen auf inländische Investoren und öffentliche Institutionen. Japan, Großbritannien und China halten gut neun Billionen Dollar, weniger als ein Viertel der Gesamtsumme.

Innerhalb dieser Struktur fällt die Rolle der Fed besonders ins Auge. Die US-Notenbank hält 4,4 Billionen Dollar in Staatsanleihen auf ihrer Bilanz, mehr als Japan, Großbritannien und China zusammen. Investmentfonds und Pensionskassen sind mit 6,6 Billionen Dollar der größte einzelne öffentliche Halter. Rund 7,6 Billionen Dollar sind sogenannte Intragovernmental Debt, also Schulden, die der Staat sich selbst schuldet, vor allem gegenüber dem Sozialversicherungsfonds.

Auch Investmentlegende Warren Buffett gehört über seine Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway zu den Gläubigern: Im vierten Quartal 2025 hielt er 339 Milliarden Dollar in US-Staatspapieren, womit er nach Angaben von Visual Capitalist der größte private Einzelhalter ist.

Die Peter G. Peterson Foundation, eine New Yorker Denkfabrik für US-Haushaltsfragen, hält in ihrer Analyse vom März 2026 fest: Solange der Großteil der Schulden im Inland gehalten wird, ist die unmittelbare externe Abhängigkeit begrenzt. Der ausländische Anteil an der öffentlich gehaltenen Schuld ist seit 2011 von 49 auf 32 Prozent gesunken, weil inländische Institutionen, allen voran die US-Notenbank während der Pandemie, massiv zugekauft haben.

Alle 90 Tage eine Billion mehr

Die Wachstumsrate der US-Schulden ist das eigentlich Beunruhigende. Laut Visual Capitalist steigen sie derzeit um eine Billion US-Dollar alle drei Monate. Zum Vergleich: 1986 lag die Gesamtverschuldung der USA bei rund 907 Milliarden Dollar, also weniger als eine heutige Quartalszunahme.

Besonders aufschlussreich ist ein Blick auf die US-Präsidenten. Die Schulden stiegen unter jedem von ihnen, unabhängig von der Parteifarbe.

  • Unter Trumps erstem Mandat von 2017 bis 2021 wuchs die Staatsverschuldung laut Visual Capitalist um mehr als acht Billionen Dollar, ein Plus von rund 40 Prozent. In seiner zweiten Amtszeit kamen allein 2025 rund 2,25 Billionen Dollar hinzu.
  • Joe Biden erhöhte die Schulden um rund sieben Billionen Dollar.
  • Barack Obama hatte nach zwei Amtszeiten mehr als acht Billionen Dollar angehäuft.
  • Sein Vorgänger George W. Bush kam auf rund sechs Billionen Schulden.

Das Congressional Budget Office (CBO) hat diese Dynamik im Mai 2026 in Zahlen gefasst: Das US-Finanzministerium zahlt derzeit rund drei Milliarden Dollar pro Tag allein an Zinsen, berichtet das US-Wirtschaftsmagazin Fortune auf Basis der jüngsten CBO-Monatsdaten.

Im laufenden Haushaltsjahr, welches im Oktober 2025 begann, belaufen sich die Nettozinsausgaben bereits auf 628 Milliarden Dollar, sieben Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, weil die Schulden größer geworden sind und die langfristigen Zinsen gestiegen sind, wie das CBO schreibt.

Das Ende des letzten AAA-Ratings

Bereits im Mai 2025 strich Moody's Ratings den USA das letzte verbliebene Toprating. Die Agentur senkte die Bonitätsnote um eine Stufe von Aaa auf Aa1, womit sie S&P (Herabstufung 2011) und Fitch (2023) folgte. Damit haben nun alle drei großen Ratingagenturen das Urteil gefällt, dass die USA keine erstklassige Kreditwürdigkeit mehr besitzen.

In seiner Begründung schrieb Moody's, dass aufeinanderfolgende US-Regierungen und der Kongress es versäumt hätten, sich auf Maßnahmen zu einigen, um den Trend zu großen jährlichen Haushaltsdefiziten und wachsenden Zinskosten umzukehren.

Moody's prognostiziert, dass die Bundesdefizite bis 2035 auf fast neun Prozent des BIP anwachsen werden, ausgehend von 6,4 Prozent im Jahr 2024, getrieben von steigenden Zinsausgaben, wachsenden Sozialleistungen und vergleichsweise geringen Steuereinnahmen. Die Schuldenquote könnte demnach bis 2035 auf 134 Prozent des BIP steigen, verglichen mit 98 Prozent im Jahr 2024.

Joseph Brusuelas, Chefökonom der US-Beratungsgesellschaft RSM US, kommentierte die Entscheidung unmittelbar nach Bekanntgabe auf dem hauseigenen Wirtschaftsblog Real Economy: „Alles, was im öffentlichen und privaten Sektor finanziert wird, wird jetzt teurer. Das ist ein Tag, der nicht hätte eintreten müssen.” Brusuelas, von Bloomberg 2023 zum besten Zinsprognose-Ökonomen gekürt, warnte zudem vor einem sich selbst verstärkenden Mechanismus: Wenn Anleger aus Dollar-Anlagen umschichteten, stiegen die Risikoprämien am langen Ende der Zinskurve, was die Refinanzierungskosten für den Staat weiter erhöhe.

Was die Schulden für Haushalte und Märkte bedeuten

Die Folgen dieser Entwicklung spüren die US-amerikanischen Privathaushalte direkt. Da Hypothekenzinsen, Autokredite und Kreditkartenzinsen eng an den Renditen von US-Staatsanleihen hängen, schlagen steigende Refinanzierungskosten des Staates auf die Verbraucherkredite durch. Ivory Johnson, Finanzplaner und Gründer des Vermögensverwalters Delancey Wealth Management in Washington, sagte gegenüber CNBC: “Wenn unser Kreditrating sinkt, ist zu erwarten, dass die Kreditkosten steigen.”

Für den Staatshaushalt der USA ist der Effekt bereits messbar. Im ersten Quartal 2025 entfielen laut Daten der Fed 34 Prozent der US-Steuereinnahmen auf Zinszahlungen. Lediglich 66 Prozent standen für Sozialleistungen, Infrastruktur und Verteidigung zur Verfügung. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hält in einer Analyse vom Mai 2025 fest, dass die Zinsausgaben inzwischen die Verteidigungsausgaben übersteigen. Es ist das erste Mal in der US-amerikanischen Geschichte, dass dieser Schwellenwert überschritten wurde.

Der CBO-Ausblick macht dieses Dilemma deutlich sichtbar: Die Zinsen auf die US-Schulden werden laut CBO-Prognose von derzeit rund 3,1 Prozent des BIP auf 5,3 Prozent bis 2054 steigen. Jeder Dollar, der für Zinsen aufgewendet wird, fehlt an anderer Stelle im Haushalt.

Kein Ausreißer, aber auf dem Weg dorthin

Bei der absoluten Schuldensumme stehen die USA mit Abstand an der Spitze. Bei der Schuldenquote, also der Verschuldung im Verhältnis zur wirtschaftlichen Leistung, sieht das Bild differenzierter aus. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) standen die USA im Jahr 2025 bei rund 122 Prozent des BIP und belegten damit weltweit Rang elf. Japan liegt mit rund 230 Prozent deutlich höher, der Sudan sogar bei über 260 Prozent.

Deutschland war mit einer Schuldenquote von rund 63 Prozent des BIP im Jahr 2025 vergleichsweise solide aufgestellt, obwohl auch hier der Spielraum durch die Schuldenbremse und die Finanzierung des Sondervermögens für die Bundeswehr enger wird.

Das entscheidende Merkmal der US-Schuldensituation ist weniger der aktuelle Stand als die Geschwindigkeit der Veränderung. Visual Capitalist hat berrechnet, dass es in den 1940er Jahren noch 68 Jahre dauerte, um zehn Billionen Dollar Schulden anzuhäufen. Unter stabilen wirtschaftlichen Annahmen könnte dasselbe in den 2050er Jahren in ein bis zwei Jahren gelingen. Ob das politisch gewollt ist oder schlicht das Ergebnis unterlassener Korrekturen, darüber streitet Washington seit Jahrzehnten, ohne nennenswerte Einigung.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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