Politik

Russland-Sanktionen bröckeln, sobald Energie knapp wird

Erst sollte russisches Öl vom Westen ferngehalten werden, nun öffnet London eine Ausnahme für raffinierte Kraftstoffe. Die Entscheidung zeigt, wie schnell Sanktionspolitik ins Wanken gerät, sobald Krieg, Energiepreise und Versorgungssicherheit aufeinanderprallen. Für Europas Wirtschaft wird daraus eine unbequeme Frage nach Prinzipien, Abhängigkeiten und den Kosten geopolitischer Härte.
22.05.2026 10:55
Lesezeit: 2 min
Russland-Sanktionen bröckeln, sobald Energie knapp wird
London lockert Regeln für Ölprodukte und zeigt, wie fragil Europas Energiepolitik nach dem Iran-Krieg geworden ist. (Foto: dpa | Robert Michael) Foto: Robert Michael

Russland-Sanktionen geraten durch den Iran-Krieg unter Druck

Die britische Regierung hat die gegen Russland verhängten Öl- und Gassanktionen mit Wirkung ab 20. Mai gelockert. Damit will London Versorgungsprobleme abfedern, die nach dem Iran-Krieg entstanden sind. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev. Die am Dienstagabend bekannt gegebene Entscheidung betrifft Öl russischer Herkunft, das in Drittstaaten zu Flugzeugtreibstoff und Diesel raffiniert wird, wie die Financial Times berichtete. Die neuen Regeln gelten bereits ab 20. Mai. Sie sind unbefristet, sollen jedoch regelmäßig überprüft werden und können geändert oder aufgehoben werden, teilte die britische Regierung mit.

Ziel der Ausnahme ist es, Engpässe bei Kraftstoffen zu entschärfen. Diese seien durch die Blockade der Wasserstraße von Hormus seit Beginn des USA-Iran-Kriegs ausgelöst worden. Die Vorsitzende der Konservativen, Kemi Badenoch, nannte die Ausnahme "wahnsinnig". Badenoch schrieb am Mittwoch auf X: "Nach 18 Monaten Widerstand gegen Putin hat die Labour-Regierung still und leise eine Lizenz erteilt, die den Import von russischem Öl erlaubt, das in Drittstaaten raffiniert wurde. Gestern stimmten Labour-Abgeordnete gegen britische Öl- und Gaslizenzen. Jetzt importieren wir aus Russland, statt in der Nordsee zu bohren. Wahnsinn."

Finanzminister Dan Tomlinson erklärte am Donnerstag: "Wir müssen sicherstellen, dass wir Putins Aggression entgegentreten und die Ukraine schützen. Zugleich müssen wir in einem sehr wichtigen internationalen Konflikt Sicherheit und Versorgung weltweit gewährleisten. Deshalb prüfen wir zeitlich begrenzte Änderungen in einigen sehr spezifischen Bereichen."

Großbritannien folgt den USA bei Energieausnahmen

Das Vereinigte Königreich hatte den Import raffinierter Kraftstoffe aus russischem Rohöl, darunter Diesel und Flugzeugtreibstoff, im Oktober 2025 verboten. Damit wurden Beschränkungen ausgeweitet, die seit Dezember 2022 direkte Importe von in Russland produziertem Öl und Kraftstoffen verhinderten. Nun hob London auch Beschränkungen für den Transport von Flüssigerdgas aus zwei russischen Terminals in andere Länder auf.

Der britische Schritt folgt einem ähnlichen Vorgehen der USA. Washington verlängerte am Montag eine Ausnahme von den Sanktionen und erlaubte den Kauf russischen Öls, das auf dem Seeweg importiert wurde. Ziel sei es, energiepolitisch besonders verwundbare Länder zu unterstützen. US-Finanzminister Scott Bessent sagte am Montag, sein Ministerium stelle eine neue 30-Tage-Lizenz aus. Damit sollten die am stärksten gefährdeten Länder vorübergehend Zugang zu russischem Öl erhalten, das derzeit auf See festsitze. Es handelt sich um die zweite Verlängerung einer Ausnahme, welche die Trump-Regierung im März eingeführt hatte. Sie erlaubte, dass sanktioniertes russisches Öl weiter auf die Weltmärkte gelangt. Washington wollte damit einen sprunghaften Anstieg der Ölpreise verhindern.

Russland-Sanktionen sollen Moskaus Einnahmen begrenzen

Die Beschränkungen sollten Moskaus Einnahmen aus Rohöl verringern und zugleich die Versorgung des globalen Ölmarkts sichern. Einen großen Teil der Vorteile sicherten sich Raffinerien in Indien und der Türkei. Sie nahmen bereitwillig preisreduzierte russische Rohölbarrel ab und verkauften raffinierte Kraftstoffe anschließend zu Marktpreisen weiter. Sanktionsfachleute und Energieanalysten erklärten, dieser Mechanismus habe verhindert, dass die globalen Ölpreise zu schnell steigen. Ein solcher Preissprung hätte Russland nutzen und der westlichen Wirtschaft schaden können. Zugleich hätte er die Unterstützung für die Ukraine untergraben.

Im vergangenen Jahr spielte das Vereinigte Königreich gemeinsam mit den USA eine führende Rolle bei der Verschärfung des Sanktionsregimes. Ein Grund war das Wachstum der russischen Schattenflotte. Moskau wurde dadurch immer besser darin, westliche Beschränkungen zu umgehen. Im vergangenen Herbst war der globale Ölmarkt noch gut versorgt. Die Rohölpreise lagen deutlich niedriger. Nach dem Iran-Krieg sind die Kraftstoffpreise jedoch stark gestiegen. Das heizt die Inflation an und erhöht die Kosten weltweit, auch in Großbritannien.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue EU-Regeln und wie sie den europäischen Online-Unterhaltungsmarkt verändern

Die europäische Glücksspielbranche steht vor einer der größten Umbruchphasen ihrer Geschichte. Neue gesetzliche Regelungen innerhalb...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Russland-Sanktionen bröckeln, sobald Energie knapp wird
22.05.2026

Erst sollte russisches Öl vom Westen ferngehalten werden, nun öffnet London eine Ausnahme für raffinierte Kraftstoffe. Die Entscheidung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft startet mit Wachstum ins Jahr 2026 – Exporte sorgen für Auftrieb
22.05.2026

Die deutsche Wirtschaft ist mit einem überraschend positiven Signal ins Jahr 2026 gestartet. Trotz internationaler Unsicherheiten und der...

DWN
Immobilien
Immobilien Tiefpunkt beim Wohnungsbau: Fertigstellungen brechen auf Niveau von 2012 ein
22.05.2026

Der Wohnungsbau in Deutschland erlebt einen historischen Dämpfer. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, wurden im...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 21: Die wichtigsten Analysen der Woche
22.05.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 21 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Meilenstein in Den Haag: UN-Gericht bestätigt internationales Streikrecht
22.05.2026

Das höchste Gericht der Vereinten Nationen stärkt Beschäftigten weltweit den Rücken. In einem wegweisenden Rechtsgutachten stellte der...

DWN
Politik
Politik Drohnen-Vorfälle im Baltikum: Estland, Lettland und Litauen fordern Nato-Verstärkung
22.05.2026

Nach wiederholten Drohnen-Vorfällen in ihrem Luftraum fordern die baltischen Staaten ein entschlosseneres Eingreifen der Nato. Angesichts...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street feiert nach Nvidia-Zahlen Comeback, während Ölpreis wegen Iran-Hoffnungen nachgibt
21.05.2026

Ein turbulenter Handelstag voller unerwarteter Wendungen hält die Anleger in Atem und offenbart neue Chancen am Markt.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Düngemittelpreise explodieren und Brüssel liefert nur erste Hilfen
21.05.2026

Erst Energiekrise, dann Nahost-Krieg, jetzt die nächste Kostenwelle auf den Feldern. Europas Bauern sollen vor der kommenden Aussaat...