Wirtschaft

Lohnt es sich noch, Informatik zu studieren?

KI verändert den Einstieg in die IT-Branche schneller als viele erwartet haben. Informatik bleibt gefragt, doch der sichere Weg zum gut bezahlten Job führt künftig nicht mehr über reines Codieren.
24.06.2026 12:01
Lesezeit: 9 min
Lohnt es sich noch, Informatik zu studieren?
Programmierer der Zukunft: Wer nur Code schreibt, verliert an Wert. (Illustration: ChatGPT)

KI verändert den Einstieg in die IT-Branche

Hunderte Softwareentwickler reisten im Mai nach San Francisco zur Entwicklerkonferenz von Anthropic, einem der führenden Labore für künstliche Intelligenz. Sie kamen, um zu hören, was die Entwickler von Claude vorbereiten. Doch viele interessierte laut Semafor auch, wie nah das Verschwinden ihrer eigenen Jobs bereits ist, berichtet das slowenische Blatt Casnik Finance unter Berufung auf Semafor.

Ein Entwickler sagte Semafor, er rate seinem Sohn, der ein Informatikstudium begonnen hat, parallel auch Philosophie zu studieren, falls die „Informatikgeschichte“ nicht aufgehe. Die Frage lautet nicht, ob Informatik stirbt. Software wird es fast sicher mehr geben, nicht weniger. Die Frage ist, welches Informatikwissen in den kommenden Jahren noch Wert haben wird und ob ein Informatikstudium weiterhin einen relativ sicheren Weg zu einem gut bezahlten Job bietet.

Zuerst traf es die Anfänger

Erste Daten zeigen, dass besonders der Einstieg in den Beruf unter Druck steht. Der Economist analysierte eine zehnjährige Reihe von Befragungen frischer Absolventen in den USA und stellte fest, dass sich nach der kommerziellen Einführung großer Sprachmodelle die Arbeitsmarktergebnisse besonders für Absolventen jener Fächer verschlechterten, die KI stärker ausgesetzt sind.

Zwischen 2022 und 2024 sank die durchschnittliche Vollzeitbeschäftigung bei Absolventen weniger betroffener Fächer wie Pädagogik, Philosophie und Bauingenieurwesen um 1,5 Prozentpunkte. Bei besonders betroffenen Fächern wie Informatik, Computer Engineering und Informationswissenschaften ging sie um 6,6 Prozentpunkte zurück.

Der Economist ergänzte die Daten um eine Stichprobe von 13 Universitäten und stellte fest, dass sich der Trend auch bei der Generation 2025 fortsetzte. Die Vollzeitbeschäftigungsquote nach Studienende fiel innerhalb von drei Jahren von fast 70 auf 55 Prozent, genau in der Zeit nach der öffentlichen Verfügbarkeit von ChatGPT Ende 2022.

Gleichzeitig zeigten Daten der National Student Clearinghouse Research Center, dass die Einschreibungen in Informatik-Bachelorprogramme in den USA 2025 um 11 Prozent zurückgingen. Beim stärker auf Codierung ausgerichteten Computer Programming lag der Rückgang sogar bei 26 Prozent.

Wer KI steuern kann, bleibt gefragt

Der europäische Arbeitsmarkt unterscheidet bereits deutlich zwischen verschiedenen Profilen. Die Personalagentur Manpower Slovenija beobachtet, dass es vor allem bei Junior- und Mid-Level-Positionen mehr Kandidaten gibt. Die Nachfrage nach Senior-Profilen bleibt dagegen stabil und weiterhin ausgeprägt.

„Unternehmen haben geringeren Bedarf gerade an Junior-Kandidaten, da einige grundlegende Aufgaben heute bereits teilweise durch KI-Tools unterstützt werden“, heißt es bei Manpower. Bei Einstiegsprofilen werden deshalb zunehmend ein breiteres Technologieverständnis, Lernfähigkeit, Selbstständigkeit und praktisch nutzbares Wissen gesucht.

Der selbstständige Informatikingenieur und Programmierer Denis beschreibt diesen Unterschied aus der Praxis. Er arbeitet fünf bis sechs Stunden am Tag und erzielt gut 100.000 Euro Umsatz im Jahr. KI nutzt er bei fast allen Aufgaben, beim Schreiben von Code, bei der Fehlersuche, bei Dokumentation, Tests und auch bei komplexerer Planung.

„Sehr schnell kann sie ausreichend gute Codeentwürfe, Fehlerdiagnosen und Dokumentationsvorschläge liefern. Natürlich liegt es am Fachmann, KI-Assistenten richtig zu steuern, ihre Arbeit zu prüfen und zu beurteilen, wo Korrekturen nötig sind“, sagt er.

Besonders gefährdet sind nach seiner Einschätzung gut definierte und mechanische Aufgaben, etwa das Umorganisieren von Code in bekannten Strukturen, das Sammeln und Zusammenfassen von Daten oder das Schreiben von Testszenarien. Auch bei anspruchsvolleren Aufgaben wie der Planung von Funktionen ist KI ein nützliches Hilfsmittel. Entscheidend bleibt aber der Mensch, der das Gesamtbild, Geschäftsziele, rechtliche Fragen und Systemgrenzen versteht.

Auf die Frage, ob er heute für Routineaufgaben noch einen zusätzlichen Anfänger einstellen würde, antwortet Denis: „Sehr wahrscheinlich nicht. Ich würde vor allem jemanden suchen, der in der Lage ist, KI zu gewünschten Ergebnissen zu steuern und die von KI generierte Codebasis zu verstehen und zu beurteilen.“

Ohne Juniors gibt es keine Seniors

Blaž Zupan, Leiter des Labors für Bioinformatik an der Fakultät in Ljubljana, sagte 2023, Chatbots könnten noch nichts bauen, was ein Innovator bauen kann. Heute sagt er, diese Antwort gelte weiterhin, wobei das Wort „noch“ wichtig sei.

„Ein erfahrener Programmierer stellt sich in die Rolle eines Dirigenten und dirigiert vielleicht einige grundlegende Programmieraufgaben nur noch, aber um die Gesamtstruktur kümmert er sich selbst. KI verliert sich weiterhin bei komplexeren Aufgaben“, sagt er.

Einige Konzerne hätten zunächst junge, unerfahrene Programmierer entlassen, die KI ersetzen könne. Danach hätten sie jedoch festgestellt, dass ihnen langfristig die Dirigenten ausgehen. „Stellen Sie sich einen Dirigenten vor, der in seiner Karriere kein einziges Instrument gespielt hat!“

Wenn Anfänger nicht mehr genügend Gelegenheiten bekommen, sich durch routinemäßige, langsame und manchmal langweilige Arbeit das Instrument anzueignen, werden sie schwer zu jenen Menschen, die später das Orchester führen.

Auch in Schulen ist der Wandel sichtbar. Uroš Ocepek, Informatiklehrer an der Technischen und Berufsschule Trbovlje, führt KI seit 2013 in den regulären Unterricht ein. Damals war KI für Schüler noch etwas Fernes, fast Science-Fiction. Heute ist sie Alltag. Der Umgang habe sich „von Neugier zu Selbstverständlichkeit und auch zu digitaler Naivität“ verschoben.

„Meine Rolle als Lehrer und Mentor bei Projekten ist genau das, nämlich Neugier zu bewahren und sie in Verständnis, vertieftes Wissen und nicht nur in hyperproduktive Nutzung zu lenken“, sagt Ocepek.

Entwickler Denis sieht in der Praxis Ähnliches. „KI-Tools sind eine Art Verstärker oder Hebel. Gute Fachleute können viel schneller viel mehr hochwertige Software liefern, weniger Erfahrene produzieren viel schneller Berge von Ergebnissen voller Fehler und Sicherheitslücken“, sagt er. Die Unterschiede würden größer werden, und die Einstiegsschwelle des nötigen Wissens werde vermutlich steigen.

Informatiker der Zukunft als Schweizer Messer

An den Unis erwartet man, dass KI die Entwicklung von Software deutlich verbilligt. Das könnte die Nachfrage nach neuen Softwarelösungen erhöhen und damit auch nach Beschäftigung. Diese Jobs würden allerdings anspruchsvolleres Fachwissen sowie Verständnis für Geschäftsbedürfnisse und Möglichkeiten neuer Technologien verlangen.

Denis erklärt dies mit dem Jevons-Paradoxon: Wenn Softwareentwicklung schneller und günstiger wird, wird sie zugänglicher, weshalb die Nachfrage danach sogar steigen kann.

Auch das Bild davon, wer ein Informatiker ist, verändert sich. Was früher eine Gruppe von Menschen erreichte, könnte mit KI für Einzelne erreichbar werden. Der Informatiker der Zukunft werde eine Art Schweizer Messer sein.

Zupan warnt aus anderer Perspektive vor demselben Problem: KI ist für Informatiker ein unverzichtbarer Helfer, aber wer Wissen besitzt, nutzt sie deutlich besser. Wer Datenbanken, Datenschutz oder Authentifizierung nicht versteht, kann mit KI-Tools eine Website bauen, die auf den ersten Blick überzeugend wirkt, funktional aber schlecht oder gefährlich ist.

Universitäten reagieren schon mit neuen Inhalten und Programmen. Bereits vor dem jüngsten KI-Boom gab es ein starkes Kernangebot zu maschinellem Lernen und KI. Nun werden Datenwissenschaften, der internationale Masterstudiengang Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Inhalte zur digitalen Transformation zusätzlich gestärkt.

Ein wichtiger Teil der Antwort ist Interdisziplinarität. Es muss neue Programme und Fächer geben, von Informatik und Mathematik bis Bioinformatik, angewandter Statistik, digitaler Linguistik und Verwaltungsinformatik. Zupan ergänzt dazu eine wichtige Warnung: In interdisziplinären Teams leistet man am meisten, wenn man zuerst die eigene Disziplin wirklich gut beherrscht.

Deshalb würde er das Informatikstudium stärker in Richtung Grundlagenwissen drehen, auch Hardware und Computerarchitekturen, die in Europa nach seiner Einschätzung zu stark vernachlässigt werden. „Programmierwissen war bei der Entwicklung von Softwarelösungen nie wichtiger“, sagt Zupan. Die Unterschiede zwischen motivierten Studierenden und jenen, denen nur der Abschluss wichtig ist, würden größer werden.

Studium ja, aber nicht als Abkürzung zum sicheren Job

Auch Schulen stehen vor einem ähnlichen Dilemma. In Unternehmen ist Produktivität das Ziel. In der Schule kann das Ziel aber nicht nur ein schneller hergestelltes Produkt sein. Der Einsatz von KI kann sinnvoll sein, da Beschäftigte der Leistung verpflichtet seien. Kann. Kinder sind in der Schule jedoch dem Lernen und Denken verpflichtet.

Schüler brauchen Algorithmen und Datenstrukturen, Mathematik, Datenverständnis, ethische Sensibilität und die Fähigkeit, KI-Tools sinnvoll einzusetzen. Das bedeutet nicht nur, ein Werkzeug benutzen zu können, sondern eine gute Frage stellen und eine Antwort kritisch bewerten zu können.

Um zu der anfangs gestellten Frage zurückzukommen: Lohnt es sich also noch, Informatik zu studieren? Alle Gesprächspartner sagen ja. Aber niemand sagt, dass es sich aus denselben Gründen lohnt wie vor zehn Jahren.

An den Universitäten heißt es, Informatik bleibe perspektivreich und eigentlich noch aktueller, da Informatiker zentrale Fachkräfte bei der Digitalisierung von Prozessen in Wirtschaft und Gesellschaft seien. Nur mit Experten, die Algorithmen, Daten und Infrastruktur verstehen, lasse sich das Potenzial von KI nutzen.

Andere raten jungen Menschen zum Informatikstudium, aber mit Warnung: „Studiert Informatik nicht deshalb, weil ihr glaubt, dies sei ein sicherer und gut bezahlter Weg, denn dieses Argument verändert sich schnell.“ Sinnvoll sei Informatik, wenn einen interessiert, wie Dinge funktionieren, und wenn man Freude am Lösen von Problemen hat.

Manpower rät jungen Menschen, schon während des Studiums praktische Erfahrungen aufzubauen, Trends zu verfolgen und nicht nur mit formaler Ausbildung in den Arbeitsmarkt einzutreten, sondern mit modernen Kenntnissen und nutzbarer Erfahrung.

Der Programmierer der Zukunft wird nicht der Mensch sein, der Code effizienter schreiben kann als KI. Es wird der Mensch sein, der beurteilen kann, welcher Code überhaupt sinnvoll geschrieben werden sollte.

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