EasyJet-Übernahme rückt Europas Luftfahrtkonsolidierung näher
Seit einiger Zeit sagen führende Manager der Luftfahrtbranche, dass eine weitere Konsolidierung in Europa unvermeidlich sei. Besonders laut äußert sich dazu Ryanair-Chef Michael O’Leary. Das berichten unsere Kollegen von der Business Post.
Im März sagte er der Business Post, nach dem Verkauf der portugiesischen Fluggesellschaft TAP werde "jemand Wizz kaufen, jemand EasyJet kaufen und Europa wird vier große Fluggesellschaften haben: BA [IAG], Air France-KLM, Lufthansa und Ryanair". Air France-KLM und Lufthansa haben bereits Angebote für TAP vorgelegt. Nach Berichten, wonach der US-Anbieter für private Kredite Castlelake in einem frühen Stadium ein Angebot für die britische Fluggesellschaft EasyJet prüft, scheint die Konsolidierung in der europäischen Luftfahrt an Tempo zu gewinnen. Castlelake ist ein weltweit tätiger alternativer Vermögensverwalter mit verwaltetem Vermögen von rund 37 Milliarden Dollar. Die Details eines möglichen Angebots sind bislang unklar. Dennoch gibt es mehrere Gründe, aus denen EasyJet für Castlelake attraktiv sein könnte.
Ende März bestand die Flotte der Fluggesellschaft aus 356 Flugzeugen. Davon waren 148 geleast und 208 im Eigentum des Unternehmens. Hinzu kommt ein Auftragsbestand bei Airbus über 287 fest bestellte Flugzeuge, die bis 2034 ausgeliefert werden sollen. Der Nettobuchwert der eigenen Vermögenswerte liegt bei rund 5,78 Milliarden Euro. Die Fluggesellschaft erwartet, dass der Buchwert ihrer eigenen Vermögenswerte bis zum Geschäftsjahr 2028 auf mehr als 8,67 Milliarden Euro steigt. All das geschieht in einer Phase, in der Kapazitätsengpässe bei Flugzeugen die Branche weiterhin belasten.
EasyJet-Übernahme macht Flotte, Slots und Auftragsbuch wertvoll
"Anfang dieses Jahres führte Castlelake laut Medienberichten Gespräche über eine mögliche Übernahme von Spirit Airlines."
"Angesichts des Flugzeugleasinggeschäfts von Castlelake gehen wir davon aus, dass das Unternehmen an der Flotte von EasyJet interessiert sein könnte", erklärten Analysten der Bank of America vor einigen Tagen. Neben den Flugzeugen verfügt EasyJet über ein Portfolio von Slots an Flughäfen mit begrenzten Start- und Landerechten. Diese Slots sind in der Luftfahrt eine Art Immobilienbesitz. Andere Fluggesellschaften hätten mit Sicherheit Interesse daran, solche Rechte zu erhalten. "Wir sehen in dem Deal Sinn, gestützt durch attraktive Vermögenswerte: Flugzeuge, Auftragsbuch und Slots. Diese könnten bei einem Verkauf durchaus höhere Erträge erzielen, als wenn sie Teil von EasyJet bleiben."
"Bei einer Aufspaltung des Unternehmens könnten wir einen Wert von sieben bis acht Pfund je Aktie sehen", sagte Alex Irving, Analyst bei Bernstein, am Dienstag. Das entspricht umgerechnet rund 8,10 bis 9,25 Euro je Aktie. "Die Erfahrung von Castlelake im Flugzeugleasing könnte darauf hindeuten, dass dies der Plan sein könnte", sagte Irving. "Angesichts des umfangreichen Hintergrunds von Castlelake im Flugzeugleasing vermuten wir, dass eine Analyse der Vermögenswerte von EasyJet der Auslöser für das mögliche Gebot gewesen sein könnte", fügte er hinzu.
Die Airline-Sparte von EasyJet habe "seit Langem" keine Renditen erzielt, die mit denen von Ryanair vergleichbar seien, sagte Irving. "Die zugrunde liegenden Vermögenswerte könnten anderswo besser eingesetzt werden: Die überwiegend eigene Flotte aus A320- und A321neo-Flugzeugen ist hochbegehrt, das Auftragsbuch für A320- und A321neo-Flugzeuge dürfte zu attraktiven Preisen gesichert sein, und die Slots in Gatwick und anderswo dürften für Netzwerkfluggesellschaften wertvoller sein", sagte Irving. Ein unmittelbarer Deal für den Billigflieger ist dennoch keineswegs sicher.
EasyJet-Übernahme stößt auf Regulierung und Eigentümerfragen
Der Vorstand von EasyJet geht in die Offensive und bezeichnet den Vorstoß von Castlelake als "zeitlich höchst opportunistisch, da der Aktienkurs von EasyJet infolge der aktuellen Lage im Nahen Osten und ihrer Auswirkungen auf das Kundenvertrauen sowie die Kerosinpreise vorübergehend gedrückt ist". Zudem berichtete die Financial Times unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, die britische Fluggesellschaft habe Simon Robey und Simon Warshaw von Evercore engagiert. Sie sollen EasyJet gemeinsam mit den Corporate Brokern bei einer Verteidigungsstrategie beraten. Nach britischem Übernahmerecht hat Castlelake bis 17 Uhr am 26. Juni Zeit, ein festes Angebot vorzulegen oder mitzuteilen, dass kein Angebot beabsichtigt ist.
Das Unternehmen hält 2,14 Prozent an EasyJet. Es müsste ein Angebot von mindestens 403,23 Pence je EasyJet-Aktie machen. Umgerechnet entspricht das rund 4,66 Euro. Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 398 Pence, also bei rund 4,60 Euro. Castlelake verfügt zwar über die finanziellen Mittel für ein Gebot auf EasyJet. Eine vollständige Übernahme gilt jedoch als nicht praktikabel, da mehrere regulatorische Hürden zu berücksichtigen sind, sagte Dudley Shanley, Leiter der Luftfahrt- und Reiseforschung bei Goodbody.
EasyJet unterliegt britischen und europäischen Eigentumsregeln. "Beide verlangen Mehrheitseigentum und effektive Kontrolle durch britische beziehungsweise EU-Staatsangehörige. Castlelake ist ein US-Unternehmen", sagte Shanley. "Um dies zu umgehen, könnte Castlelake seine Eigenkapitalbeteiligung auf unter 50 Prozent begrenzen und Wandelanleihen sowie normale Schulden einsetzen, um weiche Kontrolle und ein erhebliches wirtschaftliches Engagement zu erlangen."
"Das würde höchstwahrscheinlich bedeuten, dass Castlelake mit einem britischen institutionellen Investor oder Pensionsfonds und beziehungsweise oder einer britischen oder EU-Fluggesellschaft zusammenarbeitet." Sollte Castlelake den Weg über einen Airline-Partner wählen, könnte ein solcher Deal zusätzlich wegen möglicher Wettbewerbsfragen geprüft werden.
Zu den regulatorischen Hürden kommt hinzu, dass die Familie Haji-Ioannou weiterhin 15 Prozent der Fluggesellschaft hält. "Sie erhält jedes Jahr eine Lizenzzahlung von 0,25 Prozent der Umsätze für die Nutzung des Markennamens easy", sagte Shanley. "Der Anteil von 15 Prozent ist zwar keine Sperrminorität, reicht aber aus, um einen Squeeze-out zu verhindern", fügte er hinzu.
Aufgrund der Eigentumsregeln sei eine klassische Übernahme der Fluggesellschaft unwahrscheinlich, sagte Shanley. "Wir sehen eine geringe Wahrscheinlichkeit für ein kurzfristiges formelles Gebot in der aktuellen Form, aber eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Deal mit strategischer Partnerschaft."
"Das Interesse selbst ist jedoch wichtig, da es den zugrunde liegenden Vermögenswert innerhalb von EasyJet sichtbar macht, der in der aktuellen Aktienbewertung nicht vollständig abgebildet ist", sagte er.
Die EasyJet-Aktie notiert derzeit bei rund 4,52 Pfund, umgerechnet etwa 5,23 Euro. In den vergangenen fünf Tagen legte sie um rund 19,17 Prozent zu. Seit Jahresbeginn liegt der Kurs dennoch um rund zwölf Prozent im Minus.
