China kauft sich in Europas Industrie ein
Früher gingen westliche Unternehmen wegen billiger Arbeitskräfte und des riesigen Marktes nach China. Chinesische Firmen produzierten für sie. Heute kommen chinesische Unternehmen nach Europa, nicht nur als Exporteure, sondern auch als Käufer europäischer Unternehmen.
Vom dem Portal Casnik Finance wurden ein halbes Dutzend chinesischer Übernahmen europäischer Ziele ausgewählt: typische, auffällige, kontroverse, ikonische und solche, die inzwischen von Brüssel geprüft werden.
Der Hintergrund ist klar: China hat in den vergangenen Jahrzehnten einen der größten und schnellsten wirtschaftlich-technologischen Umbrüche vollzogen.
- In der Phase „assembled in China“ band sich das Land über Fertigungsaufträge in globale Lieferketten ein.
- In der Phase „made in China“ baute es über Gemeinschaftsinvestitionen mit westlichen Unternehmen und Technologietransfer seine industrielle Basis auf.
- Nun wandelt sich China in der Phase „created in China“ vom Nachzügler zum Innovationsführer. Statt Massenproduktion stehen Forschung, Entwicklung, Design und geistiges Eigentum stärker im Vordergrund.
Nach einem Bericht von Rhodium Group und MERICS stiegen die Portfolioinvestitionen chinesischer Investoren im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um 89 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro. Direkte Neuinvestitionen legten um 51 Prozent auf den Rekordwert von 8,9 Milliarden Euro zu. Ein Viertel aller chinesischen Investitionen floss im vergangenen Jahr nach Europa.
Es gibt einige große Verkäufe
Syngenta: Der größte Deal
- Wert des Geschäfts: $ 43 Milliarden (ca. 39 Milliarden Euro)
- Jahr: 2017
- Branche: Agrochemie
Der größte chinesische Kauf eines europäischen Unternehmens bleibt die Übernahme des Schweizer Agrarkonzerns Syngenta durch ChemChina.
Der Wert des Geschäfts lag bei 43 Milliarden Dollar, also rund 39 Milliarden Euro. Der Deal wurde 2017 abgeschlossen. Syngenta gehörte zu den vier größten Unternehmen weltweit bei Saatgut, Pestiziden und landwirtschaftlicher Biotechnologie.
Für ChemChina bedeutete der Kauf Zugang zu fortschrittlichen Agrartechnologien, Patenten, Forschungszentren und einem globalen Vertriebsnetz. Der Deal war Teil einer breiteren Strategie zur Steigerung der Produktivität der chinesischen Landwirtschaft.
Kuka: Der politisch folgenreichste Fall
- Wert des Geschäfts: 4,5 Milliarden Euro
- Jahr: 2016
- Branche: Robotik
Besonders politisch wirkte die Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch Midea im Jahr 2016. Der Kaufpreis lag bei 4,5 Milliarden Euro.
Kuka gehört zu den führenden Herstellern von Industrierobotern und Automatisierungssystemen, etwa für Autoindustrie und Logistik. Als der chinesische Haushaltsgerätehersteller Midea den Kauf ankündigte, löste das in Deutschland eine breite Debatte über den Schutz strategischer Technologien aus.
Im Zentrum stand die Frage, ob der Staat Übernahmen von Unternehmen verhindern sollte, die für die technologische Entwicklung wichtig sind. Kuka galt als Pionier der Industrie 4.0. Die Bundesregierung versuchte sogar, einen europäischen Käufer zu finden, jedoch ohne Erfolg.
Der Fall trug nach Einschätzung von Analysten erheblich dazu bei, dass europäische Regeln zur Prüfung ausländischer Investitionen später verschärft wurden.
Ceconomy: Brüssel prüft Subventionen
- Wert der Transaktion: 2,2 Milliarden Euro (Angebot)
- Jahr: 2025 (Angebot)
- Industrie: Einzelhandel mit Unterhaltungselektronik
Ein aktueller Fall ist JD.com und die geplante Übernahme des deutschen Elektronikhändlers Ceconomy, zu dem MediaMarkt und Saturn gehören. Der Wert des Angebots liegt bei 2,2 Milliarden Euro.
JD.com ist einer der größten chinesischen Onlinehändler und ein wichtiger Konkurrent von Alibaba. Ceconomy ist Europas größter klassischer Elektronikhändler mit mehr als tausend Filialen und starken Online-Shops.
JD.com will sich mit der Übernahme einen direkten Zugang zu europäischen Kunden sichern. Das chinesische Unternehmen bringt niedrigere Einkaufspreise, Logistikoptimierung und E-Commerce-Technologie ein. Von Ceconomy bekommt es ein riesiges Netz an Geschäften, Abholpunkten, Servicestellen und Kundenzugang.
Der Deal stockt jedoch. Die EU-Kommission hat eine vertiefte Prüfung eingeleitet. Brüssel untersucht, ob der Käufer staatliche Subventionen erhält. Die Sorge lautet, dass chinesische Unternehmen mithilfe staatlichen Geldes europäische strategische Firmen zu Preisen kaufen, mit denen europäische Wettbewerber nicht mithalten können.
Nexperia: Halbleiter im Zentrum des Machtkampfs
- Wert des Deals: $ 3,6 Milliarden (ca. € 3,1 Milliarden)
- Jahr: 2019
- Industrie: Halbleiter
Der chinesische Kauf des niederländischen Chipunternehmens Nexperia durch Wingtech Technology wurde strategisch besonders kontrovers. Der Deal hatte einen Wert von 3,6 Milliarden Dollar, rund 3,1 Milliarden Euro, und wurde 2019 abgeschlossen.
Nexperia war aus NXP Semiconductors hervorgegangen, das historisch zu Philips gehörte. Für Wingtech war der Kauf Teil einer Strategie, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen und in die Halbleiterbranche mit höherer Technologie, höheren Margen und größerer strategischer Bedeutung einzutreten.
Der Fall eskalierte später geopolitisch. Wegen US-Exportregeln und der Verbindung Wingtechs zu chinesischen Staatsfonds geriet Nexperia in den Konflikt zwischen China, den USA und Europa. Die niederländische Regierung übernahm zeitweise die Verwaltungskontrolle, um den Abfluss geistigen Eigentums und eine Verlagerung von Produktion nach China zu verhindern. China reagierte mit Exportbeschränkungen für Chips, die in China verpackt werden. Das traf besonders europäische Autohersteller.
Pirelli: Der Kauf einer italienischen Ikone
- Wert des Geschäfts: $ 7,1 Milliarden
- Jahr: 2015
- Branche: Reifenproduktion
ChemChina kaufte bereits 2015 den italienischen Reifenhersteller Pirelli. Der Wert des Geschäfts lag bei 7,1 Milliarden Dollar.
Pirelli ist eine der bekanntesten italienischen Industriemarken und gehört zu den führenden Herstellern von Premiumreifen. China suchte damals nach Technologie und Know-how für hochwertige Reifen.
Der Deal war geschäftlich freundlich. Der langjährige Chef Marco Tronchetti Provera blieb an der Spitze des Unternehmens und behielt Einfluss auf Strategie und Führung. Später wurde Pirelli immer wieder zum Symbol der Debatte über chinesischen Einfluss in Europas Industrie.
Zugleich brachte ChemChina Kapital, Konsolidierung und Stabilität. Vor dem Deal stand sogar eine Zerschlagung im Raum, da die Eigentümer unterschiedliche Interessen und Probleme hatten.
Puma: Zugang zu europäischen Marken
- Wert der Transaktion: 1,5 Milliarden Euro (Angebot)
- Jahr: 2026 (Angebot)
- Branche: Sportausrüstung
Ein neuer Fall ist der geplante Einstieg von Anta Sports bei Puma. Der chinesische Konzern will 29,06 Prozent des deutschen Sportartikelherstellers kaufen. Der Wert des Angebots liegt bei 1,5 Milliarden Euro.
Puma entstand 1948 nach der Trennung der Brüder Dassler, von denen einer Puma und der andere Adidas gründete. Die Marke gehört zu den bekanntesten Sportmarken der Welt.
Anta Sports ist nach Nike und Adidas der drittgrößte Sportartikelhersteller weltweit. Das Unternehmen kauft seit Jahren etablierte westliche Marken. Dazu gehören etwa Fila, Salomon und Wilson.
Mit Puma erhält Anta Zugang zu einer starken europäischen Marke. Diese soll vor allem auf dem chinesischen Markt genutzt werden, wo europäische Marken hohes Ansehen genießen. Anta plant keinen vollständigen Kauf von Puma, wird aber zum größten Aktionär.
Autoindustrie als Sonderfall
Besonders brisant ist der chinesische Vorstoß auf Europas Automarkt. Chinesische Hersteller nutzen die Schwierigkeiten europäischer Konzerne wie Volkswagen, Stellantis und Renault. Nach den Brüsseler Zöllen auf chinesische Elektroautos suchen chinesische Unternehmen verstärkt nach Produktionsmöglichkeiten in unterausgelasteten europäischen Fabriken.
Analysten sprechen in diesem Zusammenhang von einem möglichen trojanischen Pferd. Europäische Hersteller könnten ihren stärksten Wettbewerbern Zugang zu Produktionsketten öffnen und damit ihre eigene Position weiter schwächen.
Der chinesische Marktanteil wächst bereits deutlich. Im ersten Quartal dieses Jahres trugen mehr als acht Prozent aller neu verkauften Autos in Europa eine chinesische Marke. Das ist viermal so viel wie vor drei Jahren. Besonders erfolgreich sind chinesische Hersteller bei Elektroautos und Plug-in-Hybriden, wo sie niedrigere Preise und bessere Ausstattung anbieten.

