Politik

Ukraine-Krieg zeigt neue Gefahr aus Russland

Putin wirkt geschwächt, doch genau das könnte Europa gefährlich werden. In Russland wächst der Druck auf den Kreml, ukrainische Drohnen erreichen Moskau, und selbst Teile der Elite sprechen von einer Katastrophe. Doch ein bedrängter Diktator kann unkalkulierbar reagieren. Für Deutschland und die Nato wird der Ukraine-Krieg damit zur Frage, ob Abschreckung noch glaubwürdig genug ist.
08.06.2026 13:20
Lesezeit: 4 min
Ukraine-Krieg zeigt neue Gefahr aus Russland
Wladimir Putin steht im Ukraine-Krieg unter wachsendem Druck und könnte gerade deshalb für Europa noch gefährlicher werden. (Foto: dpa/Pool Sputnik Kremlin | Ramil Sitdikov) Foto: Ramil Sitdikov

Ukraine-Krieg bringt Putin in eine gefährliche Lage

Es gibt Augenblicke, die sich in die Erinnerung einbrennen. Momente, in denen sich selbst viele Jahre später kleine Details abrufen lassen. Wo man war, wie das Wetter war, wie man sich fühlte. Der Krieg in der Ukraine hat mehrere solcher Augenblicke geschaffen. Das berichten unsere Kollegen von Børsen. Besonders in Erinnerung bleibt eine Nacht kurz nach Kriegsbeginn. Damals wurde auf dem Telefon ununterbrochen gescrollt, da schwere Angriffe auf die Hauptstadt Kiew angekündigt waren und internationale Beobachter ernsthaft daran zweifelten, ob die Ukrainer die Nacht über standhalten würden. Es fühlte sich an, als würde das Blut zu Eis gefrieren, während die Gedanken rasten. Gibt es noch etwas, das Ukraine heißt, wenn der Morgen kommt? Wie viele unschuldige Seelen sterben, während Europa schläft? Ist Wolodymyr Selenskyj bei Sonnenaufgang von russischen Elitesoldaten getötet worden?

Daran ließ sich kürzlich wieder denken, als erneut auf dem Telefon Berichte über all die äußerst bemerkenswerten Dinge gelesen wurden, die derzeit in Russland geschehen. Einflussreiche Militärblogger stellen den Krieg offen infrage und fordern Wladimir Putin auf, Frieden zu schließen. Ukrainische Drohnen durchdringen die Luftverteidigung in Moskau. Die Russen können kaum noch eine Militärparade in ihrer eigenen Hauptstadt abhalten. Die ukrainischen Soldaten scheinen auf dem Schlachtfeld an Dynamik gewonnen zu haben. Hinzu kommt, dass einflussreiche Medien plötzlich Spaltungen in den obersten Schichten Russlands beschreiben können. Ein Beispiel ist ein hochrangiger russischer Geschäftsmann, der sich vor Kurzem, wenn auch anonym, in der "Financial Times" so zitieren ließ. "Alle sind wütend. Die Menschen in der russischen Elite sind sich völlig einig, dass das hier eine Katastrophe ist", sagt die Person, die Putin außerdem als "überwältigend unpopulär" sowie als "alt und stur" bezeichnet.

Was macht Putin jetzt?

Das ist wirklich sensationell. Es ist ein Szenario, das in jener Nacht des Jahres 2022 wie ein völliger Fiebertraum gewirkt hätte. Es gibt Grund zu Optimismus. Es gibt aber auch Grund zur Sorge. Denn wie reagiert Putin auf eine Lage, in der das, was als sein Lebenswerk gelten muss, unter Druck steht und in der seine eigene Macht und am Ende sein Leben bedroht sein könnten? Wird er, wie der weltberühmte General David Petraeus in "Børsen" vorhergesagt hat, einfach anerkennen, dass er seine maximalistischen Ziele eines russischen Ukraine nicht erreicht hat, und seine Macht nutzen, um die Erzählung in Russland zu steuern? Oder wird er, wie unter anderem der ebenfalls weltberühmte Professor für internationale Politik John Mearsheimer vorausgesagt hat, eskalieren und ein europäisches Nato-Land wie Lettland angreifen? Niemand kann das mit Sicherheit wissen. Doch man muss ungewöhnlich optimistisch sein, um nicht zu erkennen, dass das Risiko einer russischen Aggression gestiegen ist.

Putin könnte die Schwäche des Westens testen

Für Putin wäre das zwar riskant, da er am Ende eine sonst krisengeschüttelte Nato einen könnte. Damit würde er auch Gefahr laufen, auf eine überwältigende Gegenreaktion zu stoßen. Umgekehrt kann es aus einer rein zynischen Kalkulation Argumente dafür geben, dass Putins beste Möglichkeit zur Wende gerade darin besteht, die Uneinigkeit in der Nato, die Angst in den europäischen Bevölkerungen und Donald Trumps offenkundige Furcht vor einer Konfrontation mit seinem russischen Gegenpart zu verstärken. Es ist gut beschrieben, dass Putin die europäischen Bevölkerungen und den westlichen Kulturkreis als von Dekadenz und fehlendem Willen geprägt betrachtet, Schmerz zu ertragen.

Gleichzeitig beschuldigt der Führer der USA die Nato immer wieder, ein Papiertiger zu sein, während er selbst im Iran-Krieg feststeckt. Dieser Krieg hat in zutiefst beunruhigendem Ausmaß an den amerikanischen Waffenlagern gezehrt und damit an der Möglichkeit, China von seinen zunehmenden Aggressionen gegenüber Taiwan abzuschrecken.

Es gibt Grund zur Furcht, dass Europa Zeuge eines perfekten Sturms ist. Die USA sind überdehnt und werden zugleich von einem Mann geführt, der eine radikal andere Sicht auf Russland und Europa hat als Generationen amerikanischer Präsidenten vor ihm.

Sieht Wladimir Putin eine Möglichkeit, diese Situation auszunutzen? Das ist unbekannt. Bekannt ist jedoch, dass die Kalkulationen nationalistischer Diktatoren extrem risikobereit sein können. Bekannt ist, dass Putin zunehmend von Nachplapperern umgeben ist. Und bekannt ist, dass er es zu seiner persönlichen Mission gemacht hat, das zu reparieren, was er als größte Tragödie der Weltgeschichte betrachtet. Gemeint ist die Auflösung der Sowjetunion. Damit ist auch bekannt, dass Europa sich an einem gefährlichen Zeitpunkt befindet. Nun braucht es eine sehr ernste Debatte darüber, wie Europa zu reagieren gedenkt, falls das Feuer beginnt, sich auszubreiten. Gleichzeitig ist bekannt, dass Donald Trump nun vor seiner wichtigsten Entscheidung als Präsident steht. Entscheidend ist, dass er unbedingt, militärisch und rhetorisch, die amerikanischen Sicherheitsgarantien für seine europäischen Verbündeten schützt. Wenn Trump in den kommenden Wochen und Monaten so handelt, dass Putin davon überzeugt wird, eine Eskalation gegen die Nato führe zu einer militärischen Konfrontation mit den USA, würde das die Kalkulation im Kreml entscheidend verändern.

Vor diesem Hintergrund ist es positiv, dass der Nato-Botschafter der USA in klaren Worten gesagt hat, man werde die Verbündeten verteidigen. Positiv ist auch, dass die USA und Europa laut "Financial Times" derzeit erwägen, amerikanische Atomwaffen in weiteren europäischen Ländern zu stationieren, um die Abschreckung zu erhöhen. Doch am Ende hängt sehr viel von Donald Trump ab. Das ist nie beruhigend, wenn unglaublich viel auf dem Spiel steht.

Deutschland muss den Ukraine-Krieg als Sicherheitsfrage begreifen

Für Deutschland hat diese Entwicklung unmittelbare Bedeutung. Wenn Putin Schwäche in Nato, USA und Europa testet, betrifft das Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas, als zentrale Logistikdrehscheibe der Allianz und als Land mit erheblichem Einfluss auf die europäische Verteidigungsfähigkeit. Der Ukraine-Krieg ist damit nicht nur ein Konflikt an der östlichen Grenze Europas. Er stellt die Frage, ob Deutschland und Europa glaubwürdig abschrecken können. Für die deutsche Wirtschaft geht es um stabile Lieferketten, Energiepreise, Investitionssicherheit und die Belastbarkeit der transatlantischen Sicherheitsordnung. Jede russische Eskalation gegen ein Nato-Land würde politische, militärische und ökonomische Risiken für Deutschland massiv erhöhen.

Das Fazit ist eindeutig. Russland steht innenpolitisch und militärisch unter Druck, doch gerade dieser Druck kann Putin gefährlicher machen. Europa darf die Anzeichen der Schwäche nicht mit Entwarnung verwechseln. Deutschland muss seine Rolle in der Abschreckung ernster nehmen, seine Verteidigungsfähigkeit stärken und zugleich auf eine klare amerikanische Sicherheitszusage drängen. Im Ukraine-Krieg entscheidet sich nicht nur die Zukunft Kiews, sondern auch die Stabilität Europas.

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