Datenschutz-Streit: Apple erhebt schwere Vorwürfe
Apple wirft der EU-Kommission vor, mit ihren Forderungen nach einer vollständigen Öffnung von iPhones und iPads für KI-Assistenten anderer Anbieter die Privatsphäre europäischer Nutzer zu gefährden. Der Konzern entschied deshalb, die neue Version seiner Assistenzsoftware Siri mit Künstlicher Intelligenz auf iPhone und iPad in der Europäischen Union nicht verfügbar zu machen. Auf Mac-Computern und der Computer-Brille Vision Pro werden auch europäische Nutzer darauf zugreifen können, weil Apple in diesen Segmenten nicht als "Gatekeeper" mit großer Marktmacht eingestuft wurde.
Apple habe der Kommission die Risiken eines "wirklich uneingeschränkten" Zugangs von Assistenten anderer Anbieter zum gesamten Betriebssystem und allen Informationen erläutert, sagte Marketingchef Greg Jozwiak. "Aber sie haben unsere Bedenken komplett zurückgewiesen." Apple habe zudem bereits im vergangenen Jahr einen konkreten Vorschlag für eine technische Lösung vorgelegt, mit der aus Sicht des Konzerns die Zugangsanforderungen erfüllt und zugleich der Datenschutz gewahrt geblieben wäre. Die Kommission habe diesen jedoch abgelehnt, ohne sich damit auseinanderzusetzen.
EU-Kommission weist Vorwürfe scharf zurück
Ein Sprecher der Brüsseler Behörde widersprach deutlich: Anstatt nach einer Lösung zur Einhaltung der Vorschriften zu suchen, habe Apple die Europäische Kommission lediglich gebeten, das Unternehmen für mindestens 18 Monate von seinen Verpflichtungen zu befreien. "Das ist keine Option, denn es würde bedeuten, dass kein anderer KI-Assistent als Siri – der übrigens von Google betrieben wird – die gleiche Chance hätte, von iPhone-Nutzern ausgewählt zu werden", sagte der EU-Kommissionssprecher. "EU-Recht ist nicht verhandelbar", fügte er hinzu.
Das EU-Digitalgesetz DMA (Digital Markets Act) schreibt unter anderem vor, dass als Gatekeeper eingestufte Unternehmen Konkurrenten den gleichen Zugang zu ihren Plattformen gewähren müssen wie ihren eigenen Diensten. Apple argumentiert, die neue KI-Siri sei so datenschutzfreundlich umgesetzt, dass der Konzern selbst keinen Zugriff auf die Informationen der Nutzer erhalte. Der Apple-Vorschlag für andere Anbieter sieht demnach vor, dass deren KI-Modelle nach einem ähnlichen Muster zwar Anfragen der Nutzer erfüllen könnten, die Daten jedoch nicht speichern. Dieser Plan liege weiterhin auf dem Tisch.
Personalisierung: KI soll den Alltag erleichtern
Apple stellte die neue Siri mit Künstlicher Intelligenz am Montag auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC vor. Die Software soll sich von anderen KI-Angeboten dadurch abheben, dass sie besonders tief in das Leben der Nutzer eingebunden ist.
Als Beispiel für eine Frage, die man der neuen Siri stellen könne, nennt Apple: "Wie hieß der Podcast, den mir meine Schwester neulich empfohlen hat?" Um dies zu beantworten, muss die Software unter anderem die E-Mail oder Textnachricht kennen, in der der Name des Podcasts gefallen sein könnte, die Unterhaltung richtig verstehen – und zunächst wissen, wer in den Kontakten die Schwester ist. Ein weiterer Vorteil vieler Angebote aus einer Hand: Danach kann man Siri auch direkt bitten, den Podcast abzuspielen.
Apple schürt hohe Nutzer-Erwartungen
"Wenn das alles funktioniert, ist es die KI, die die Leute wollen", sagt Branchenexperte Avi Greengart von der Analysefirma Techsponential. Die Vorsicht ist nicht unbegründet: Ursprünglich kündigte Apple eine Siri mit ähnlichen Fähigkeiten bereits auf der WWDC vor zwei Jahren an. Doch im Jahr darauf musste der Konzern einräumen, dass die Software nicht verlässlich genug sei. Anschließend baute Apple die technische Basis um – unter anderem unter Verwendung von KI-Modellen des Rivalen Google. Apple betont jedoch, dass der Internet-Riese dabei keinen Zugang zu Nutzerdaten erhalte.
Analyst Francisco Jeronimo von der Marktforschungsfirma IDC sieht in der neuen KI-Siri eine strategische Weichenstellung für Apple: Sie könne zum neuen Weg werden, über den Nutzer mit iPhones und künftigen Gerätekategorien des Konzerns interagieren. Zugleich müsse Apple nun aber auch die Erwartungen der Nutzer erfüllen: Kunden werden Siri danach bewerten, ob sie sie verstehe und ob sich die Personalisierung nützlich statt aufdringlich anfühle.
Eigenständige App: Siri wird unabhängiger
Erstmals erhält Siri, die vor rund 15 Jahren als Sprachassistentin auf iPhones eingeführt wurde, eine eigenständige App. Apple-Manager Mike Rockwell zeigte in einer aufgezeichneten Demonstration, wie die neue Siri den Termin des nächsten Konzerts einer Musikerin in der Nähe sowie Informationen zum Ticketverkauf heraussuchen, eine Erinnerung erstellen und anschließend auf Wunsch einen ihrer neuen Songs abspielen kann.
Zunächst wird die neue KI-Siri nur auf Englisch angeboten. Weitere Sprachen sollen "schnell" folgen, sagte Software-Chef Craig Federighi. Zunächst gibt es eine Testversion der neuen Software für Entwickler. Allgemein eingeführt werden die neuen Programme und Funktionen traditionell ab Herbst.
KI-Rennen: Kunden bleiben Apple treu
Während Apple mit den Siri-Problemen kämpfte, überboten sich Google als Entwickler des konkurrierenden Mobil-Betriebssystems Android und der große iPhone-Rivale Samsung mit Ankündigungen immer neuer KI-Assistenzfunktionen. Gemessen daran wirkte Apple im Rückstand – den Kunden schien das jedoch egal zu sein. Die Verkäufe der Apple-Geräte stiegen weiter, und das iPhone verdrängte nach Berechnungen von Marktforschern Samsung nach vielen Jahren vom Smartphone-Thron. Federighi erlaubte sich zugleich einen Seitenhieb gegen Unternehmen, die in einem Wettlauf "KI im Namen von KI" verfolgten und dabei nicht die Interessen der Nutzer beachteten.
Abschied: Letzte WWDC für Cook
Es ist die letzte WWDC für Tim Cook als Konzernchef. Im September soll der bisher für Geräte zuständige Top-Manager John Ternus die Führung übernehmen.
