Finanzen

Rechenzentren: Warum Energieaktien zur Nebenwette auf künstliche Intelligenz werden

Der Energiesektor könnte zu einem der Gewinner beim Bau der Rechenzentren werden, die für künstliche Intelligenz benötigt werden.
13.06.2026 14:17
Lesezeit: 9 min
Rechenzentren: Warum Energieaktien zur Nebenwette auf künstliche Intelligenz werden
Der Stromhunger der KI könnte zwei Energieaktien einen echten Schub geben. (Foto: dpa) Foto: Rolf Vennenbernd

KI-Rechenzentren brauchen immer mehr Strom

Der Energiesektor könnte einer der Gewinner des Baus neuer Rechenzentren werden, die künstliche Intelligenz verlangt. Die These ist naheliegend: Mit dem Ausbau neuer Kapazitäten steigt die Nachfrage nach Strom, daher werden Energieaktien wieder interessanter.

Diese Überlegung sei nicht nur Börsenspekulation, so das Finanzportal Casnik Finance. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 ungefähr verdoppeln und rund 945 Terawattstunden erreichen wird. Zwischen 2024 und 2030 soll der Stromverbrauch der Rechenzentren um etwa 15 Prozent pro Jahr wachsen, mehr als viermal schneller als der Verbrauch in anderen Sektoren.

Goldman Sachs Research erwartet, dass die weltweite Stromnachfrage der Rechenzentren bis Ende des Jahrzehnts um 165 Prozent gegenüber 2023 steigen wird.

Sollten diese Prognosen eintreffen, dürften vor allem Stromerzeuger profitieren, die bereits heute bestehende Kapazitäten besitzen und diese relativ schnell neuen Rechenzentren anbieten können. Entscheidend bleibt aber, welche Unternehmen dieses Wachstum tatsächlich in höhere Umsätze und Gewinne umwandeln können.

Warum Stromaktien trotzdem fallen

Bereits zu Jahresbeginn wurden Energieunternehmen näher betrachtet, die vom Investitionsboom bei Rechenzentren profitieren könnten. Im Januar rückte Constellation Energy in den Blick, ein großer amerikanischer Stromerzeuger. Damals wirkte die Aktie allerdings ziemlich teuer.

Die Bewertung von Constellation ähnelte eher einem schnell wachsenden Technologieunternehmen als einem klassischen Energieunternehmen. Das damalige Kurs-Gewinn-Verhältnis lag bei 38, das erwartete KGV bei 28.

Seit Jahresbeginn verlor die Aktie rund 30 Prozent. Dadurch haben sich die Kennzahlen etwas abgekühlt. Der Verzicht auf einen damaligen Kauf erwies sich damit als richtig.

Der Grund liegt nicht darin, dass die Stromgeschichte rund um Rechenzentren zusammengebrochen wäre. Heiße Aktien haben sich nach den starken Kursanstiegen der vergangenen Jahre schlicht abgekühlt. Ein Teil des Rückgangs dürfte auch auf die sehr hohe Bewertung und Gewinnmitnahmen nach der außergewöhnlichen Rally zurückgehen.

Vistra ist kein klassischer Versorger

Obwohl die Aktie von Constellation weiterhin relativ teuer wirkt, richtet sich der Blick nun stärker auf Vistra Energy. Dabei handelt es sich um einen unabhängigen Stromproduzenten, der Elektrizität vor allem in Gas- und Kernkraftwerken erzeugt.

Vistra ist kein typisches Utility, also kein klassisches Versorgungs- oder Stromverteilungsunternehmen. Es ist ein unabhängiger Stromerzeuger, der Strom am Markt verkauft, nicht ein klassischer Netzbetreiber mit eigenem Verteilnetz und eigenen Endkunden.

Vistra verfügt über rund 44 Gigawatt Erzeugungskapazität. Davon stammen 62 Prozent aus Erdgas, 20 Prozent aus Kernenergie, etwa 15 Prozent aus Kohle und drei Prozent aus erneuerbaren Energien. Zugleich baut das Unternehmen Gaskraftwerke aus und wandelt Kohlekraftwerke in Gaskraftwerke um. Dadurch sollen die Produktionskapazitäten in den kommenden Jahren um weitere 4,5 Gigawatt steigen.

Zusätzliche Kapazitäten erhält Vistra durch eine Übernahme. Das Unternehmen befindet sich im Prozess zum Kauf von Gaskraftwerken der Gesellschaft Cogentrix. Dadurch steigen die Erzeugungskapazitäten um weitere 5,5 Gigawatt. Der Abschluss des Geschäfts wird in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Nach der Übernahme könnte Vistra zu einem der größten Stromerzeuger der USA werden.

Analysten erwarten schnelles Wachstum

Die Aktie liegt seit Jahresbeginn fast zehn Prozent im Minus. Mitte Mai betrug das Minus seit Jahresbeginn sogar 20 Prozent. Seitdem erholte sich der Kurs rasch, zuletzt mieden Anleger die Aktie aber wieder stärker.

In den vergangenen zwölf Monaten erzielte das Unternehmen 19,8 Milliarden Dollar Umsatz. Das waren zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Für dieses Jahr erwarten Analysten 23,8 Milliarden Dollar Umsatz, was einem Wachstum von 32,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprechen würde.

Der Gewinn je Aktie lag in den vergangenen zwölf Monaten bei 5,87 Dollar und damit sieben Prozent unter dem Vorjahreswert. In diesem Jahr soll der Gewinn je Aktie auf 8,93 Dollar steigen, was einem Wachstum von 309 Prozent entspricht. Für das kommende Jahr erwarten Analysten zusätzlich 25 Prozent Wachstum.

Für einen Stromerzeuger verfügt Vistra über sehr ordentliche Margen. Die Bruttomarge lag in den vergangenen vier Quartalen bei 49 Prozent und soll in den kommenden Jahren über 40 Prozent bleiben.

Strom ist größtenteils bereits im Voraus verkauft

Nicht vergessen werden darf der Gaspreis beziehungsweise die Entwicklung der Eingangskosten. Ein großer Teil der Stromproduktion ist bereits im Voraus verkauft. Das bringt dem Unternehmen einerseits Stabilität, setzt ihm andererseits aber eine Art Glasdecke. Sollte der Strompreis stark steigen, könnte Vistra einen Teil der Produktion nicht zu neuen, höheren Preisen verkaufen, da die Lieferung zu früher vereinbarten Preisen erfolgen muss.

Das Unternehmen hat 98 Prozent der diesjährigen Produktion, 89 Prozent der Produktion für das kommende Jahr und rund 65 Prozent der Produktion für 2028 bereits im Voraus verkauft. Das bedeutet, dass sich mögliche höhere Marktpreise für Strom nicht sofort vollständig in den Geschäftszahlen zeigen, sondern schrittweise in den kommenden Jahren.

Genau hier liegt das größte Risiko dieser Geschichte. Aktienkurs und Bewertung spiegeln bereits viel Begeisterung für künstliche Intelligenz und Rechenzentren wider. Die geschäftlichen Effekte könnten sich jedoch langsamer zeigen.

Natürlich hat Vistra weitere Wege zum Wachstum. Die Produktionsmengen können durch die Modernisierung von Gaskraftwerken und die Umwandlung von Kohlekraftwerken in Gaskraftwerke steigen. Außerdem soll das Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte durch die Übernahme der Cogentrix-Gaskraftwerke weitere 5,5 Gigawatt Erzeugungskapazität erhalten.

Ein positives Signal ist zudem, dass Vistra bereits große Verträge mit Technologiekonzernen abschließt. Mit Meta unterzeichnete das Unternehmen einen 20-Jahres-Vertrag über den Kauf von 2,6 Gigawatt Strom. Mit Amazon besteht ein 20-Jahres-Vertrag über den Kauf von bis zu 1,2 Gigawatt Strom.

Constellation oder Vistra?

Nach Marktkapitalisierung ist Constellation mit 92 Milliarden Dollar größer als Vistra mit 50 Milliarden Dollar. Derzeit weisen beide Aktien ein recht ähnliches KGV auf. Die bloße KGV-Zahl sagt jedoch nicht genug, da die Geschäftsmodelle deutlich unterschiedlich sind. Gemessen am erwarteten Gewinn ist Vistra mit dem 16-Fachen günstiger, während Constellation beim 21-Fachen liegt.

Auch die Kennzahl PEG deutet darauf hin, dass Vistra unterbewertet sein könnte. Das erwartete Gewinnwachstum ist deutlich höher, als es allein aus dem KGV hervorgeht. Nach Analystenprognosen liegt Vistras PEG für dieses Jahr bei 0,18, während Constellation auf 1 kommt.

Ein PEG von 0,18 zeigt, dass die Aktie gemessen am erwarteten Gewinnwachstum auf dem Papier sehr günstig bewertet ist. Ein derart niedriger Wert muss aber vorsichtig gelesen werden, da er auch einen vorübergehenden Gewinnsprung widerspiegeln kann, nicht zwingend dauerhaft höheres Unternehmenswachstum.

Der Unterschied zwischen Vistra und Constellation liegt nicht nur in der Bewertung. Constellation ist stärker eine reine Kernenergiewette und näher an einer Aktie für Anleger, die eine ruhigere Beteiligung am steigenden Stromverbrauch und mehr Stabilität suchen.

Vistra ist zyklischer, stärker abhängig von den Bedingungen auf den Strom- und Gasmärkten und schwankungsanfälliger. Gerade deshalb kann die Aktie mehr Wachstumspotenzial bieten, falls sich die These von Rechenzentren und dem Energiehunger künstlicher Intelligenz erfüllt. Im Gegenzug übernimmt der Anleger aber auch mehr Risiko.

Keine schnelle Wette, sondern eine langfristige Energiestory

Bei einer Anlage in Vistra muss der Zeithorizont länger sein. Nach 2027 wird das Unternehmen stärker gegenüber Marktpreisen für Strom exponiert sein, da ein geringerer Anteil der Produktion zu vorab vereinbarten Preisen festgeschrieben ist.

Die Aktie wirkt zum aktuellen Kurs etwas attraktiver, doch Risiken fehlen nicht. Die wichtigste Frage lautet, ob der Markt den tatsächlichen geschäftlichen Nutzen künstlicher Intelligenz und des Baus neuer Rechenzentren bereits zu stark vorwegnimmt. Andererseits besteht auch das umgekehrte Risiko: Wer zu lange wartet, könnte erleben, dass der Markt bessere Ergebnisse bereits früher einpreist und die Aktie dann teurer ist.

Die Idee bleibt deshalb eine langfristige Überlegung. Die These steht weiter, dass amerikanische Energieunternehmen eine der interessanteren Nebenwetten auf den weiteren Aufstieg künstlicher Intelligenz werden könnten.

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