Adobe-Aktie lockt mit niedriger Bewertung
Trotzdem lohnt ein nüchterner Blick. Nicht jede stark gefallene Aktie ist automatisch ein Kauf. Entscheidend ist, ob die Bewertung tatsächlich zu niedrig ist oder ob der Markt bereits strukturelle Risiken einpreist, die sich erst in den kommenden Jahren vollständig zeigen, so das estnische DWN-Partnerportal Äripäev.
Die Adobe-Aktie tendierte in den vergangenen Tagen um 200 Dollar. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt bei etwa 80 Milliarden Dollar. Das laufende KGV, also der Preis, den Anleger für einen Dollar Gewinn der vergangenen zwölf Monate zahlen, beträgt 11,2. Das wirkt für ein großes Softwareunternehmen auffällig niedrig.
Verglichen mit anderen Technologieaktien erscheint Adobe günstig. Meta kommt auf ein KGV von fast 20, Nvidia auf 31 und Apple auf 35. Zudem sehen die Analysten von Morningstar den fairen Wert von Adobe bei 380 Dollar. In dieser Region bewegte sich die Aktie vor rund einem Jahr auch tatsächlich.
Genau dieser Abstand zwischen aktueller Bewertung und früherem Kursniveau macht die Adobe-Aktie reizvoll. Doch der niedrige Preis allein beantwortet nicht die entscheidende Frage. Ist Adobe unterbewertet oder hat der Markt gute Gründe, dem Geschäftsmodell weniger zuzutrauen als früher?
Adobe verdient weiterhin gut
Ein Blick auf die jüngsten Geschäftszahlen zeigt, dass Adobe operativ weiterhin stark arbeitet. Im zweiten Quartal dieses Jahres erreichte der Umsatz 6,62 Milliarden Dollar. Das entsprach einem Wachstum von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für ein Softwareunternehmen dieser Größe ist ein zweistelliges Umsatzwachstum weiterhin ein solides Signal. Das gilt besonders in einer Phase, in der der Markt befürchtet, dass KI und neue Wettbewerber das Geschäftsmodell von Adobe schwächen könnten.
Hinzu kam ein operativer Cashflow von 2,17 Milliarden Dollar im Quartal. Diese Kennzahl ist wichtig, da sie zeigt, wie viel echtes Geld ein Unternehmen aus seinem laufenden Geschäft erzeugt. Ein starker Cashflow gibt Adobe die Möglichkeit, in KI-Entwicklung zu investieren, Unternehmen zu übernehmen, Schulden zurückzuzahlen oder eigene Aktien zurückzukaufen.
Adobe kaufte im Quartal rund 8,5 Millionen eigene Aktien zurück. Für Anleger kann ein solcher Rückkauf positiv sein, da er die Zahl der umlaufenden Aktien verringert. Wenn der Gewinn stabil bleibt oder wächst, kann ein geringerer Aktienbestand den Gewinn je Aktie erhöhen.
Allerdings sind Aktienrückkäufe nur dann sinnvoll, wenn sie zu vernünftigen Preisen erfolgen. Bei der aktuellen niedrigen Bewertung könnte dies für Aktionäre vorteilhaft sein.
Warum der Markt der Adobe-Aktie misstraut
Die Sorgen des Marktes hängen vor allem mit KI zusammen. Anleger fürchten, dass KI die Preissetzungsmacht von Adobe schwächen könnte. Canva, Figma und KI-basierte Kreativwerkzeuge setzen die historische „Must-have“-Position des Unternehmens unter Druck. Reuters berichtete, dass der KI-first-ARR von Adobe sich verdreifacht und mehr als 500 Millionen Dollar erreicht hat. Dennoch bleibt die Angst, dass Konkurrenz künftiges Wachstum auffrisst.
ARR steht für Annual Recurring Revenue, also wiederkehrende jährliche Einnahmen. Die Kennzahl zeigt, wie viel Umsatz ein Unternehmen auf Jahresbasis aus bestehenden Abonnements erzielen könnte. Das Geschäftsmodell von Adobe basiert stark auf Abos, etwa bei Creative Cloud, Document Cloud und Experience Cloud.
Ein hoher ARR ist daher ein Hinweis darauf, dass Kunden nicht massenhaft verschwinden und die Einnahmen vergleichsweise planbar bleiben. Für die Adobe-Aktie ist diese Stabilität ein wichtiger Faktor.
Ein zweites Risiko betrifft das Management. Adobe-Chef Shantanu Narayen hat angekündigt, nach der Suche nach einem Nachfolger aus dem Amt auszuscheiden. Finanzchef Dan Durn verließ das Unternehmen bereits am 15. Juni. Ein solcher doppelter Führungswechsel mitten in der Umstellung auf KI erhöht die Unsicherheit deutlich. Gerade in einer Phase, in der der Markt wissen will, wie Adobe seine Produkte, Preise und Plattformen gegen neue KI-Wettbewerber verteidigt, wiegt Stabilität an der Spitze besonders schwer.
Die Frage lautet daher nicht nur, ob Adobe heute profitabel ist. Das ist das Unternehmen eindeutig. Die Frage lautet, ob Adobe auch in der nächsten Produktgeneration die zentrale Infrastruktur für Kreative, Designer, Agenturen und Unternehmen bleibt.
Adobe-Aktie braucht ein technisches Signal
Insgesamt vermitteln die Zahlen nicht den Eindruck eines Unternehmens, dessen Geschäft zusammenbricht. Im Gegenteil. Adobe wächst weiter, verdient stark und erzeugt viel freie Liquidität.
Das Problem liegt weniger in den aktuellen Ergebnissen als in der Zukunftsangst des Marktes. Kann Adobe im KI-Zeitalter seine Preissetzungsmacht behalten? Bleiben Kunden im Ökosystem? Werden neue Wettbewerber wie Canva, Figma und KI-basierte Designwerkzeuge Marktanteile abnehmen?
Die Einschätzung, dass Adobe attraktiv bewertet ist, hat daher eine nachvollziehbare Grundlage. Die Adobe-Aktie wirkt für viele Anleger interessant, allerdings befindet sie sich in einer Marktphase, in der der Fokus stärker auf größeren KI-Gewinnern liegt. Deshalb bleibt Geduld wichtig. Ein Einstieg erscheint erst dann überzeugender, wenn die Adobe-Aktie erkennbar in einen Aufwärtstrend zurückkehrt. Andernfalls besteht das Risiko, in einem Titel festzustecken, der über längere Zeit seitwärts läuft.

