Arbeiten, zahlen, verzichten: Wenn der Aufstieg für Familien immer schwerer wird
Was muss eine Familie in Deutschland heute verdienen, um zur stabilen Mitte zu gehören? Nicht reich. Nicht luxuriös. Nur solide: Eine ausreichend große Wohnung, vielleicht ein Eigenheim, gesunde Lebensmittel, Mobilität, Kleidung, Klassenfahrten, Sportverein, Rücklagen, Altersvorsorge und einmal im Jahr Urlaub.
Es geht nicht um ein Existenzminimum. Es geht um jenen Lebensstandard, den die soziale Marktwirtschaft früher vielen Familien versprach: Wer arbeitet, Verantwortung übernimmt und Kinder großzieht, soll vorankommen können. Doch genau dieses Versprechen bröckelt. Denn bevor die Familie ihre Miete, Nebenkosten, Kita-Beiträge, Versicherungen und Einkäufe bezahlt, hat der Staat bereits zugegriffen: Über Lohnsteuer, Sozialabgaben, Mehrwertsteuer, Energieabgaben, Gebühren und kommunale Kosten. Wer zusätzlich ein Unternehmen führt, trägt Arbeitgeberanteile, Gewerbesteuer, Bürokratiekosten und Investitionsrisiken.
Deutschland wird damit ausgerechnet für diejenigen zur Belastungsprobe, die das Land am Laufen halten.
Wenn Normalität zum Kraftakt wird
Inflation, hohe Mieten sowie gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise haben dazu geführt, dass Haushalte heute Einkommen brauchen, die früher als sehr komfortabel galten.
Für eine Familie mit drei Kindern kann ein stabiler Mittelstandslebensstil in einer Großstadt oder einem angespannten Umland schnell 5.000 bis 8.000 Euro netto im Monat erfordern. Das ist kein statistischer Durchschnittswert und kein Existenzminimum, sondern eine Plausibilitätsrechnung für Menschen, die laufende Ausgaben decken, Rücklagen bilden, vorsorgen und ihren Kindern normale Teilhabe ermöglichen wollen.
Die Größenordnung ist nicht aus der Luft gegriffen: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) lag das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen von Paaren mit drei Kindern bereits 2018 bei 6.062 Euro im Monat; die privaten Konsumausgaben betrugen damals im Schnitt 4.276 Euro. Seitdem sind Mieten, Energie, Lebensmittel und Mobilität deutlich teurer geworden.
Eine fünfköpfige Familie benötigt häufig 100 bis 120 Quadratmeter Wohnfläche. In angespannten Märkten können allein dafür schnell 1.800 bis 2.400 Euro monatliche Wohnkosten anfallen – ob als Warmmiete oder als laufende Belastung für ein finanziertes Eigenheim. Hinzu kommen Lebensmittel, Drogerie, Mobilität, Versicherungen, Schule, Kleidung, Vereine, Freizeit und Alltag. Wer außerdem Urlaub, Reparaturen, Altersvorsorge und Rücklagen einplant, landet nicht selten bei einem Monatsbudget im oberen vierstelligen Bereich. Das ist kein Luxus. Es ist der Versuch, nicht nur von Monat zu Monat zu leben.
Bei drei Kindern kommen monatlich 777 Euro Kindergeld hinzu. Doch selbst nach dieser Entlastung müsste der Haushalt je nach Region und Kostenstruktur ein hohes vierstelliges Nettoeinkommen aus eigener Erwerbsarbeit erzielen, wenn ein Elternteil wegen der Kinder nur eingeschränkt arbeiten kann. Das entspricht einer Einkommenshöhe, die viele Angestellte kaum erreichen.
Unternehmer zwischen Risiko und Pflichtverwaltung
Für Unternehmer ist die Lage noch härter. Sie finanzieren nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch Arbeitsplätze, Investitionen, Vorleistungen, Mieten, Energie, Steuerberatung, Versicherungen und Bürokratie. Hinzu kommen Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung, Kammerbeiträge, Gebühren und laufende Betriebskosten.
Dazu kommen die administrativen Fixkosten der Existenz: Dokumentationspflichten, Meldepflichten, Nachweispflichten, Datenschutzvorgaben, Statistikpflichten, Prüfungen, Fristen und immer neue Berichtspflichten. Ein großer Konzern kann dafür Abteilungen beschäftigen. Ein Handwerksbetrieb, ein Händler, ein Gastronom oder ein kleiner Industriezulieferer muss diese Last zusätzlich zum Tagesgeschäft schultern.
Der Unternehmer soll investieren, ausbilden, Arbeitsplätze schaffen und Risiken tragen, die der Angestellte nicht trägt. Gleichzeitig behandelt ihn der Staat fiskalisch oft wie eine unerschöpfliche Einnahmequelle. Läuft es gut, greift der Staat sofort in die Tasche. Läuft es schlecht, gibt es keinen automatischen Schutzschirm. Dabei ist auch der Unternehmer Familienvater, Mieter, Kreditnehmer oder Eigentümer.
Ziehen Steuern und Sozialabgaben zu viel vom Gehalt ab?
Die Antwort lautet: Ja. In kaum einem anderen OECD-Land bleibt Arbeitnehmern vom Bruttogehalt so wenig Netto wie in Deutschland. Nach OECD-Daten lag die Steuer- und Abgabenbelastung auf Arbeit für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener zuletzt bei 49,3-Prozent. Deutschland zählt damit weiterhin zu den Industrieländern, in denen Arbeitseinkommen besonders stark belastet werden.
Gemeint sind Einkommensteuern sowie Sozialversicherungsbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Im OECD-Vergleich weist Deutschland damit die zweithöchste Belastung unter den 38 Mitgliedstaaten auf. Höher fällt die Belastung nur in Belgien aus.
Unternehmen werden anders belastet: Kapitalgesellschaften zahlen Körperschaftsteuer, Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer; bei Personenunternehmen greift die Einkommensteuer auf den Gewinn. In der Praxis bedeutet das: Wer als Mitarbeiter mehr Verantwortung übernimmt, gibt einen erheblichen Teil des zusätzlichen Einkommens ab. Wer als Unternehmer Löhne erhöht, trägt zugleich höhere Lohnnebenkosten. So frisst das System einen großen Teil dessen auf, was eigentlich Aufstieg ermöglichen soll.
Warum Entlastung kaum in Sicht ist
Prof. Dr. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts, erklärt: „Die hohen Steuern und Abgaben in Deutschland belasten vor allem die mittleren Einkommen. Dies führt zu einer Verringerung der Arbeitsanreize und könnte langfristig die Fachkräfteabwanderung verstärken.“
Trotzdem sind schnelle Steuer- oder Beitragssenkungen unwahrscheinlich. Eine IGES-Studie im Auftrag der DAK-Gesundheit warnt: Ohne Gegenmaßnahmen könnten die Beitragssätze zur Sozialversicherung bis 2035 insgesamt auf 48,6-Prozent steigen. So entsteht Frust. Nicht, weil Menschen grundsätzlich keine Steuern und Sozialabgaben zahlen wollen. Sondern weil sie den Zusammenhang zwischen Leistung und Aufstieg verlieren. Dann lautet die Frage nicht mehr nur: Warum zahle ich so viel? Sondern: Warum kommt so wenig zurück?
Der Staat nimmt viel – und liefert zu wenig
Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf die Ausgabenpolitik des Bundes. Trotz hoher Einnahmen braucht der Staat immer neue Ausgabenprogramme, Sondervermögen und Kreditspielräume. Wie groß der staatliche Zugriff geworden ist, zeigt die von Destatis ausgewiesene Staatsquote von 49,5-Prozent. Die staatlichen Ausgaben entsprachen damit rechnerisch fast der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts.
Das wäre leichter zu akzeptieren, wenn Bürger und Unternehmer dafür einen Staat bekämen, der sichtbar liefert. Doch viele erleben derzeit das Gegenteil: Langsame Verwaltungen, marode Infrastruktur, überforderte Schulen, komplizierte Verfahren, lange Genehmigungen, schlechte Digitalisierung und Finanzierungs- und Leistungsdebatten in den Sozialversicherungen.
Hohe Abgaben treffen auf schwache Leistungen – so entsteht Misstrauen. Ein Staat, der fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung beansprucht, muss erklären können, warum er trotzdem ständig mehr braucht. Nicht jede politische Idee darf automatisch zur neuen Belastung für Bürger und Betriebe werden.
Der soziale Sprengstoff: Wenn Arbeit ihren Vorsprung verliert
Politisch besonders brisant wird es dort, wo der Abstand zwischen Transferbezug und Erwerbsarbeit schrumpft. Der Sozialstaat garantiert Menschen ohne ausreichendes Einkommen das Existenzminimum. Dazu gehören Regelsätze je nach Haushaltskonstellation, Unterkunft, Heizung, Kranken- und Pflegeversicherung sowie Bildungs- und Teilhabeleistungen für Kinder. Das ist sozialpolitisch begründet und verfassungsrechtlich verankert. Ein funktionierender Staat muss Menschen in Not schützen. Kein Kind darf wegen der Einkommenslage seiner Eltern von Bildung, Betreuung oder sozialer Teilhabe ausgeschlossen werden.
Doch genau hier beginnt die Schieflage: Eine arbeitende Familie mit drei Kindern muss Vollzeitjob, Steuerlast, Miete, Betreuungskosten und Nebenkosten selbst stemmen – und steht am Ende womöglich kaum besser da als ein Haushalt, dessen Lebensunterhalt weitgehend vom Staat getragen wird. Das eigentliche Alarmzeichen ist deshalb nicht, dass Menschen über Bürgergeld diskutieren. Es ist, dass immer mehr arbeitende Bürger eine ökonomische Entwertung ihrer Erwerbsbiografie erleben: Sie arbeiten, zahlen, tragen Verantwortung – und stellen dennoch fest, dass Aufstieg, Rücklagen und Eigentum in immer weitere Ferne rücken.
Die gefährliche Erosion des Leistungsversprechens
Wenn sich daraus der Eindruck verfestigt: „Wer verdient, zahlt. Wer unterhalb der Anspruchsgrenzen bleibt, wird entlastet“, steht Deutschland an einem gefährlichen Punkt. Denn ein Sozialstaat lebt von Akzeptanz. Sie entsteht nur, wenn diejenigen, die ihn finanzieren, das System als fair empfinden. Fair ist ein Sozialstaat, der Menschen in Not schützt. Unfair wird er, wenn er den Abstand zur Erwerbsarbeit verwischt.
Dieser Abstand ist kein Neidargument. Er ist die Grundlage jeder Leistungsgesellschaft. Wird er zu klein, kippt die Stimmung: Facharbeiter fragen sich, warum sie Überstunden machen sollen. Mütter zweifeln, ob sich das Aufstocken nach der Elternzeit lohnt. Unternehmer verschieben Einstellungen und Investitionen. Familien verlieren den Glauben daran, dass Verzicht, Vorsorge und langfristige Planung noch verlässlich belohnt werden.
Ein System, das immer mehr verteilt, aber seine Produktivitätsbasis immer stärker belastet, sägt an der eigenen Grundlage. Denn nur wer Wohlstand erwirtschaftet, kann ihn auch gerecht verteilen. Ein starker Sozialstaat steht deshalb nicht im Widerspruch zum Leistungsgedanken. Er ist auf ihn angewiesen.
Ohne starke Mitte kein starker Sozialstaat
Deutschland muss nicht Bedürftige schwächer machen. Es muss Arbeit wieder stärker machen. Dazu gehören niedrigere Sozialabgaben für mittlere Einkommen. Dazu gehört eine Entlastung arbeitender Familien, damit zusätzliche Erwerbsarbeit nicht durch Gebühren, Betreuungskosten und wegfallende Ansprüche entwertet wird. Dazu gehört eine Steuerpolitik, die Mehrarbeit nicht ausbremst. Eine gezielte steuerliche Begünstigung zusätzlicher Überstunden wäre ein klares Signal: Leistung wird nicht nur gefordert, sondern auch belohnt.
Auch Unternehmen brauchen echte Entlastung. Nicht noch ein Entlastungsversprechen, das im Formular endet, sondern messbare Vereinfachung im Alltag: Weniger Berichtspflichten, schnellere Genehmigungen, planbare Energiekosten und eine Unternehmensbesteuerung, die Investitionen nicht ausbremst.
Wer arbeitet, gründet, Kinder großzieht und Verantwortung trägt, muss spürbar vorankommen können. Wenn der Familienvater mit drei Kindern trotz guter Arbeit kaum Rücklagen bilden kann, wenn der Unternehmer trotz voller Auftragsbücher nachts über Kosten grübelt, wenn die Mittelschicht Urlaub, Eigentum und Altersvorsorge zunehmend als Luxus erlebt, wird dieses Versprechen unglaubwürdig.
Und genau darin liegt die Gefahr: Ein Sozialstaat, der seine produktive Mitte überfordert, verliert nicht nur Geld. Er verliert die Menschen, die ihn tragen.

