Wirtschaft

Unternehmensinsolvenzen treiben die Weltwirtschaft in den Stresstest

Die Weltwirtschaft taumelt in den nächsten Belastungstest. Coface warnt vor teurem Öl, neuer Inflation und Lieferkettenstress, während Firmen in immer mehr Ländern unter Druck geraten. Für Deutschland ist das besonders heikel, denn schwache Investitionen, Energiekosten und globale Konkurrenz treffen eine Wirtschaft, die kaum wächst.
26.06.2026 06:03
Lesezeit: 7 min

Unternehmensinsolvenzen und Ölpreisrisiken belasten die Konjunktur

Nach dem Krieg im Iran rechnet Coface mit anhaltendem Inflationsdruck, wachsenden Störungen in den Lieferketten und der höchsten Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit einem Jahrzehnt. Die Weltwirtschaft gerät damit erneut in einen Stresstest, bei dem Energiepreise, Finanzierungskosten und schwache Nachfrage gleichzeitig auf Unternehmen drücken. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.

Analysten von Coface haben auf einer aktuellen Pressekonferenz dargelegt, wie der Krieg im Iran ihre wirtschaftlichen Prognosen verändert. Im Zentrum stehen mehrere Risikofelder, die sich gegenseitig verstärken können. Dazu zählen der Ölmarkt, globale Lieferketten, Inflation, Branchenrisiken, Unternehmensinsolvenzen und die konjunkturelle Entwicklung in wichtigen Volkswirtschaften.

Der Ölmarkt steht nach Einschätzung von Coface an einem Wendepunkt. Das Basisszenario sieht für Brent einen Preis zwischen 75 und 90 Dollar je Barrel vor. Dabei geht Coface von einer schrittweisen Normalisierung der Lieferströme aus. Diese dürften jedoch unter dem Vorkriegsniveau bleiben. Ein Anstieg über 90 Dollar je Barrel droht in einem Szenario, in dem die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran stocken und es Einschränkungen in der Straße von Hormus gibt. Ein Rückgang des Brent-Preises auf 60 bis 75 Dollar je Barrel wäre dagegen möglich, falls die Lieferungen rasch wiederhergestellt werden und die Nachfrage aus China schwach bleibt.

Auch globale Lieferketten stehen wieder vor größeren Störungen. Der Index für Lieferkettendruck steigt nach einer Phase der Beruhigung erneut. Zugleich verschlechtern sich die Lieferzeiten in der Industrie. Das größte Risiko liegt bei Engpässen in der Produktion kritischer Rohstoffe, Vorprodukte und Zwischenwaren. Solche Störungen könnten den Welthandel deutlich verteuern und bremsen.

Die Inflation im Euroraum und in den Vereinigten Staaten zieht nach Coface-Einschätzung wieder an. Der wichtigste Treiber sind höhere Energiekosten. In der Europäischen Union dürfte die Inflation vermutlich länger oberhalb von drei Prozent verharren. In den Vereinigten Staaten dürfte sie oberhalb von vier Prozent bleiben. Dort erhöhen zusätzlich Zölle den Druck, da sie Waren und Dienstleistungen verteuern können. Nach einer Phase der Entspannung rückt damit das Risiko einer neuen Inflationswelle wieder stärker in den Mittelpunkt von Notenbanken und Märkten.

Unternehmensinsolvenzen treffen immer mehr Branchen und Länder

Für die Weltwirtschaft legt Coface drei Szenarien vor. Dem Basisszenario misst das Unternehmen eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent bei. Danach sinkt das globale Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr auf 2,3 Prozent. Im Jahr 2027 soll es bei 2,5 Prozent liegen. Diese Prognose setzt voraus, dass Öl- und Gaspreise etwa um die Hälfte höher bleiben als im Vorjahr, dass die Inflation weiter steigt und dass die Geldpolitik restriktiver wird.

Die neuen Risikobewertungen von Coface verschlechtern die Prognosen für acht Länder. Betroffen sind Kambodscha, Indonesien, Kuwait, Madagaskar, Malaysia, die Philippinen, Tansania und Vietnam. Noch breiter fällt die Herabstufung bei den Branchen aus. Insgesamt 41 Sektoren erhalten schlechtere Einschätzungen.

Der Druck breitet sich über die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, die Autoindustrie, die Chemiebranche, das Bauwesen, die Energiewirtschaft, Metalle, den Handel und die Papierindustrie aus. Besonders betroffen sind Europa, Asien und der Nahe Osten. Damit verschiebt sich das Risiko von einzelnen Märkten auf ganze Wertschöpfungsketten.

Verbesserte Prognosen veröffentlichte Coface für kein Land. Unter den Wirtschaftssektoren gab es nur vier Verbesserungen. Sie betreffen die Energiewirtschaft in den Vereinigten Staaten und Kanada sowie die Metallindustrie in Argentinien und Südafrika. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte im laufenden Jahr den höchsten Stand seit zehn Jahren erreichen. Coface erwartet einen weiteren Anstieg um sechs Prozent. Unternehmen leiden gleichzeitig unter schwächerer Nachfrage, Kostendruck, hohen Zinsen und begrenzter Liquidität.

Den stärksten Anstieg der Unternehmensinsolvenzen erwartet Coface in Frankreich und den Vereinigten Staaten. In beiden Ländern soll die Zahl der Fälle jeweils um acht Prozent zunehmen. Für Japan rechnet Coface mit einem Plus von sieben Prozent. Insolvenzen nehmen in Europa, Nordamerika und im asiatisch-pazifischen Raum zu. Das bestätigt die Einschätzung, dass sich das wirtschaftliche Umfeld spürbar verschlechtert.

Unternehmensinsolvenzen und Deutschland: Öffentliche Ausgaben stützen nur begrenzt

Deutschland soll im laufenden und im kommenden Jahr vor allem durch öffentliche Ausgaben wachsen. Coface verweist dabei insbesondere auf den Sonderfonds für Infrastruktur und Klimaneutralität. Dessen Ausgaben sollen von rund 24 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf fast 60 Milliarden Euro jährlich steigen. Im Vorjahr wurden allerdings weniger als zwei Drittel des vorgesehenen Budgets tatsächlich ausgegeben.

Die öffentlichen Ausgaben sollen nach Coface-Einschätzung etwa einen halben Prozentpunkt zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Dennoch bleibt das Wachstum schwach. Coface erwartet für Deutschland 0,4 Prozent im laufenden Jahr und 0,9 Prozent im kommenden Jahr.

Private Investitionen dürften schwach bleiben. Energie bleibt ein Problem. Hinzu kommen zusätzliche Belastungen durch amerikanische Zölle und chinesische Konkurrenz. Am Horizont stehen zudem Reformen des Rentensystems. Damit wird deutlich, dass staatliche Ausgaben zwar konjunkturell stützen können, strukturelle Schwächen aber nicht automatisch verschwinden.

Für deutsche Unternehmen ist die Coface-Analyse vor allem als Warnsignal zu lesen. Höhere Energiepreise, neue Lieferkettenstörungen und anhaltend hohe Finanzierungskosten treffen besonders jene Branchen, die stark vom Export, von Vorprodukten oder von energieintensiver Produktion abhängen. Die steigenden Unternehmensinsolvenzen zeigen, dass Liquiditätsreserven und Preissetzungsmacht wieder entscheidender werden.

Großbritannien wird sich nach Coface-Einschätzung auch nach dem angekündigten Rücktritt von Premierminister Keir Starmer weiter mit einer politischen Krise und zentralen wirtschaftlichen Problemen auseinandersetzen müssen. Dazu zählen Migration, Gesundheitswesen, Wohnungsmarkt und Kriminalität. Für Europa insgesamt entsteht damit ein Umfeld, in dem geopolitische Risiken, hohe Kosten und politische Unsicherheit die Unternehmensplanung erschweren.

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