Robotaxi: Selbstfahrende Fahrzeuge werden zum Mobilitätstest
Selbstfahrende Fahrzeuge steigern in immer mehr Städten weltweit die Effizienz des Verkehrs. Zagreb zählt neben London zu den europäischen Vorreitern. Für Deutschland stellt sich damit die Frage, wie schnell Kommunen, Unternehmen und Regulierer den Anschluss an diese Entwicklung finden. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Der private Pkw gehört zu den am schlechtesten ausgelasteten Kapitalgütern der modernen Wirtschaft. An einem gewöhnlichen Tag bewegt er sich im Durchschnitt nur rund eine Stunde. Die übrigen 23 Stunden steht er still. Das zeigen Messungen aus Großbritannien und den USA. Dass sich das Auto eines Tages von einem schlafenden Haushaltsgut in ein produktives Wirtschaftsgut verwandeln könnte, ist nur eine der Fragen, auf die Entwickler und Betreiber selbstfahrender Fahrzeuge beziehungsweise Robotaxis Antworten suchen.
Bei den chronischen Schwächen des klassischen Verkehrs, vor allem in Städten, versprechen Robotaxis auch Lösungen für verlorene Parkflächen, Staus, hohe Mobilitätskosten, große Umweltemissionen, Verkehrsunfälle durch menschliche Fehler und weitere Probleme. Am stärksten kommen diese Vorteile allerdings dann zum Tragen, wenn Städte Robotaxis als gemeinsam genutzte Infrastruktur öffentlicher Mobilität regulieren und nicht nur als Uber ohne Fahrer.
Wie funktioniert ein Robotaxi in San Francisco?
Das Silicon Valley war das erste große Testfeld für selbstfahrende Fahrzeuge. In San Francisco, wo sie bereits vor fünf Jahren für Nutzer eingeführt wurden, ruft man ein Robotaxi per Knopfdruck. Wenige Minuten später kommt das Auto. Am Steuer sitzt kein Mensch. Der wichtigste Anbieter Waymo, der zu Google gehört, hat seine Fahrzeuge mit rund 40 Sensoren, Kameras, Lidar und Radar ausgestattet. All das hilft dem Auto, sich auf öffentlichen Straßen zu bewegen.
Das autonome System muss während der Fahrt mithilfe künstlicher Intelligenz ähnliche Entscheidungen treffen wie ein Mensch: wann es an einer Kreuzung anfährt, die Spur wechselt oder bei unerwarteten Ereignissen bremst. Das Ziel der Entwickler selbstfahrender Fahrzeuge ist ein vorbildlicher Fahrer in technischer Form. Gemeint ist ein System, das sicherer und besser fährt als der Mensch.
Die wichtigsten Hürden vor einer breiten Einführung von Robotaxis bleiben Regulierung, Sicherheit, öffentliches Vertrauen und Preis. In San Francisco soll eine Fahrt mit einem Robotaxi nach einigen Schätzungen etwa ein Drittel teurer sein als eine Fahrt mit einem Uber samt Fahrer, berichtet die Financial Times.
Robotaxi-Markt: Mehr als 40 Städte testen die Zukunft
Weltweit gibt es inzwischen mehr als 40 Städte mit Robotaxi-Angeboten. Der führende Anbieter auf dem westlichen Markt ist Waymo. Das Unternehmen ist in mehr als zehn amerikanischen Städten aktiv und hat rund 3.000 selbstfahrende Fahrzeuge auf der Straße. Waymo expandiert auch außerhalb der USA. Auf der Liste für Tests stehen unter anderem London und Tokio. Allein ist der Konzern damit nicht.
Zu den Betreibern, die etwas noch Eigenständigeres vorbereiten, gehört Amazons Zoox. Das Unternehmen entwickelt ein Spezialfahrzeug ganz ohne Lenkrad und klassische Bedienelemente. Es ist also von Beginn an als Robotaxi konzipiert. Das Fahrzeug von Zoox kann sich in beide Richtungen bewegen. Es hat eine Kabine mit einander zugewandten Sitzen und ein eigenes Airbag-System, das die Passagiere umschließt. Es handelt sich damit um eine Art moderne Kutsche ohne Pferde.
Zu den kleineren Anbietern zählen auch Teslas Robotaxis. Sie fahren bereits auf den Straßen der texanischen Stadt Austin und sollen auch in Dallas und Houston eingeführt werden. Auch Uber sieht darin eine Geschäftschance im Billionenbereich. Der Konzern investiert deshalb verstärkt in Robotaxi-Flotten sowie in Unternehmen wie Nuro, Waabi und Wayve.
Nicht überraschend ist der Robotaxi-Markt in China noch größer als in den USA. Die stärksten chinesischen Zentren sind Peking, Shanghai, Guangzhou, Shenzhen und Wuhan. Zu den wichtigsten Betreibern gehören Baidu Apollo Go, Pony.ai und WeRide. Pony.ai erklärt, in vier chinesischen Städten der ersten Kategorie aktiv zu sein. Baidu gibt an, Apollo Go bereits auf 22 Städte ausgeweitet zu haben.
In den Golfstaaten gibt es fünf Städte, in denen Robotaxis bereits fahren oder bald starten sollen. Und wie sieht es in Europa aus? Vor Kurzem unterzeichneten 17 Mitgliedstaaten eine gemeinsame Erklärung, um das Testen autonomer Fahrzeuge über Grenzen hinweg besser abzustimmen. Damit soll die Technologie in Europa schneller eingeführt werden. Für Deutschland ist diese Frage besonders relevant, weil die Automobilindustrie, Mobilitätsanbieter und Städte gleichermaßen vor der Herausforderung stehen, autonome Systeme nicht nur zu testen, sondern in reale Verkehrsnetze einzubinden.
In Europa kann man Zagreb neben oder sogar vor Pilotprogramme in London, Luxemburg und Zürich stellen. Auf den Straßen der kroatischen Hauptstadt fahren bereits selbstfahrende Fahrzeuge des kroatischen Unternehmens Verne. In der aktuellen Anfangsphase ist noch ein menschlicher Sicherheitsoperator an Bord.
Verne baut das Robotaxi-System in Zagreb gemeinsam mit dem bereits erwähnten chinesischen Unternehmen Pony.ai auf. Das Unternehmen erklärte, man sei mit den Ergebnissen zwei Monate nach dem Start kommerzieller autonomer Fahrten sehr zufrieden. "Die bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv. In den ersten zwei Monaten wurden mehr als tausend kommerzielle Fahrten durchgeführt. Das Interesse der Nutzer ist groß, auf der Warteliste stehen fast 7.000 Menschen, und mehr als 90 Prozent der Nutzer sind mit der Erfahrung sehr zufrieden", erklärte Verne.
Wo sieht Verne die größten Herausforderungen für die Zukunft? Nach Angaben des Unternehmens liegen sie nicht ausschließlich in der Technologie. Der Aufbau eines Systems umfasse auch operative Prozesse, Nutzererfahrung, den regulatorischen Rahmen und die Integration in das bestehende Verkehrssystem. "Mit unserem Technologiepartner Pony.ai, der das autonome Fahrsystem bereitstellt, konzentrieren wir uns auf die Bewertung der Technologie. Gleichzeitig entwickeln wir operative Prozesse, bereiten die notwendige Infrastruktur vor und arbeiten mit Städten und zuständigen Institutionen zusammen, um einen sicheren und zuverlässigen Betrieb des Dienstes zu gewährleisten", erklärte das Unternehmen.
Die weitere Entwicklung des Robotaxi-Systems bei Verne soll sowohl eine größere Zahl von Fahrzeugen als auch eine Ausweitung des Gebiets autonomer Fahrten umfassen. Hinzu kommen technische Verbesserungen und später der Verzicht auf den Sicherheitsoperator im Fahrzeug, sobald alle Sicherheits- und Regulierungsbedingungen erfüllt sind. "Zagreb ist nur die erste Stadt. In den kommenden 18 Monaten planen wir den Start des Dienstes in mehreren weiteren europäischen Städten", teilte Verne mit. Auf die Frage, ob auch weitere europäische Städte infrage kommen, erklärte das Unternehmen: "Wir beobachten Chancen auf europäischen Märkten kontinuierlich. Für Möglichkeiten, die sich ergeben könnten, sind wir offen."
Deutschland und Robotaxis: Zwischen Autoindustrie und Regulierungsbremse
Wie weit ist Deutschland also von einem Robotaxi-Alltag entfernt? Die Bundesrepublik verfügt über eine starke Automobilindustrie, zahlreiche Technologiezulieferer und ein großes Interesse an automatisiertem Fahren. Gleichzeitig zeigt der Vergleich mit Zagreb, San Francisco und China, dass die reine industrielle Stärke nicht automatisch zu schneller Einführung im Stadtverkehr führt. Entscheidend sind Regulierung, Testkorridore, Kooperation mit Kommunen und das Vertrauen der Nutzer.
Der Blick auf Zagreb zeigt, dass Robotaxis nicht allein durch Technologie entstehen. Sie brauchen ein Zusammenspiel aus Unternehmen, Stadtverwaltungen, Verkehrsbehörden und politischer Unterstützung. Genau an dieser Schnittstelle wird sich entscheiden, ob Deutschland beim autonomen Fahren nur entwickelt und zuliefert oder auch sichtbare Anwendungen im Alltag schafft.
Bei Verne betont man, dass für eine schnellere Entwicklung autonomer Mobilität vor allem drei Dinge entscheidend seien: ein klarer gesetzlicher Rahmen, der Tests und Einführung neuer Technologien ermöglicht, die Zusammenarbeit von Städten, Regulierern und Privatwirtschaft sowie der Aufbau von Vertrauen bei Nutzern durch Sicherheit, Transparenz und eine hochwertige Dienstleistung. Autonome Mobilität ist nach dieser Lesart nicht nur eine technische Herausforderung. Sie verlangt die Koordination verschiedener Akteure, damit Innovationen sicher und erfolgreich in der realen Umgebung eingesetzt werden können.
Und wie steht es um die Sicherheit selbstfahrender Fahrzeuge? Die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA schätzt, dass auf jeweils 100 Millionen Meilen mit einem Menschen am Steuer etwa ein Todesfall kommt. In einem Sicherheitsbericht, der Ende 2025 veröffentlicht wurde, erklärte Waymo laut Financial Times, Passagiere über mehr als 127 Millionen Meilen ohne tödlichen Unfall befördert zu haben.
Waymos Analyse der bisherigen Fahrdaten kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Unfälle mit schweren Verletzungen um 90 Prozent gesunken sei.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein klarer wirtschaftlicher Bezug: Robotaxis sind nicht nur ein Mobilitätsthema, sondern auch ein Standortthema. Wenn autonome Fahrzeuge in den USA, China und nun auch in europäischen Städten wie Zagreb schneller in den Alltag kommen, steigt der Druck auf deutsche Autobauer, Zulieferer, Softwareunternehmen und Städte. Entscheidend wird sein, ob Deutschland aus seiner industriellen Stärke tragfähige Dienste entwickelt oder ob andere Märkte die Standards für autonome Mobilität setzen.
