Politik

Ukraine-Krieg: Warum Putin jetzt die Kontrolle verliert

Putin räumt erstmals öffentlich ein, dass der Ukraine-Krieg Russland schwer trifft. Doch hinter Benzinmangel, Drohnenangriffen und bröckelnden Versorgungswegen steckt eine Krise, die weit über einzelne Raffinerien hinausreicht. Für Moskau wird der Krieg immer teurer. Für Europa und Deutschland steigt damit die Frage, wie lange Russland seine Front noch versorgen kann.
08.07.2026 09:38
Lesezeit: 8 min
Ukraine-Krieg: Warum Putin jetzt die Kontrolle verliert
Der Ukraine-Krieg trifft Russland härter als Putin zugibt. (Foto: dpa/Russian Presidential Press Service via AP | Uncredited) Foto: Uncredited

Der Ukraine-Krieg trifft Russlands Versorgungssystem

Kürzlich räumte Putin erstmals öffentlich ein, dass der Ukraine-Krieg negative Folgen für Russland hat. In einer Rede vor dem Parteikongress von „Einiges Russland“ sprach Putin die Probleme bei der Versorgung mit Benzin und Diesel an, die für die meisten Russen zum Alltag geworden sind. „Ja, wir sehen die Probleme, und wir werden darauf antworten“, sagte der Präsident unter anderem. Putin betonte, dass Russland den Angriffen der „Terroristen“ widerstehen und die Sicherheit der Russen wiederherstellen werde. Er führte unter anderem an, die Angriffe seien auf die russischen Fortschritte an der Front zurückzuführen. Das berichten unsere Kollegen von Børsen.

Trotz der offensichtlichen Probleme bei der Versorgung mit Kraftstoff, die Putin ansprechen musste, vermittelte er den Eindruck, alles sei normal und Russland werde die Initiative zurückgewinnen. In welchem Maße Putin über die tatsächlichen Verhältnisse informiert ist, lässt sich schwer sagen. Sicher ist jedoch, dass Russlands Probleme weit umfassender sind, als Putin erkennen ließ.

Wie tief reicht die Krise?

Mit Blick auf das Ausmaß der russischen Kraftstoffkrise ist wichtig festzuhalten, dass acht der zehn größten Ölraffinerien Russlands in den vergangenen Monaten ganz oder teilweise außer Betrieb gesetzt wurden. Verlässliche Zahlen zur aktuellen russischen Raffineriekapazität gibt es nicht. Die Schätzungen liegen bei ungefähr 50 Prozent bis 60 Prozent des Normalniveaus.

Ein Teil der Raffinerien wurde auch früher im Krieg getroffen, doch die ukrainischen Drohnen und Marschflugkörper richten inzwischen weit größere Schäden an. Deshalb dauert es in den meisten Fällen mehrere Monate, die Produktion wiederherzustellen. Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass Russland die Kraftstoffversorgung in den kommenden Monaten wiederherstellen kann.

Neben der stärkeren Schadenswirkung verbessern die Ukrainer auch die Reichweite. In der vergangenen Woche traf die Ukraine die Ölraffinerie in Tjumen, die östlich des Uralgebirges knapp 2000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt.

Russlands größte Ölraffinerie liegt rund 500 Kilometer weiter östlich in Omsk. Nach ukrainischen Angaben können ihre Marschflugkörper inzwischen Ziele in einer Entfernung von 3000 Kilometern erreichen. Damit ist auch Omsk bedroht. Das wird Russland wahrscheinlich zwingen, Luftverteidigungsressourcen in ein Gebiet zu verlegen, das Moskau bislang als sicher betrachtet hat.

Wie erwähnt werden nicht nur Ölraffinerien getroffen. In den vergangenen Wochen hat die Ukraine unter anderem Hightech-Fabriken angegriffen, die entscheidende Komponenten für Russlands ballistische Raketen liefern. Die Ukraine hat zudem zwei der fünf russischen Stützpunkte für Satellitenkommunikation getroffen. Es handelt sich um den Stützpunkt Dubna in der Nähe von Moskau und den Stützpunkt in Wladimir, gut 100 Kilometer östlich von Moskau.

Putin erwähnte in seiner Rede, dass Russland der Verbesserung der Luftverteidigung Priorität einräumen werde. Das Problem ist, dass die Ukraine seit Jahresbeginn immer mehr russische Luftverteidigungssysteme getroffen hat. Verifiziertes Bildmaterial zeigt, dass die Ukraine im Januar 24 Luftverteidigungssysteme traf. Im März stieg die Zahl auf 33, im Mai auf 42. Die gerade abgeschlossene Zählung für Juni ergab 56. Russland muss also nicht nur ein wesentlich größeres Gebiet verteidigen. Es hat dafür auch weniger Ressourcen zur Verfügung.

Offensichtliche Probleme in der Ukraine

Wie erwähnt behauptete Putin in seiner Rede, Russland mache in der Ukraine bei Sumy, Slowjansk, Kupjansk, Lyman und Kostjantyniwka Fortschritte. Die Angaben, die Putin präsentierte, stimmen jedoch nicht. Die Wahrheit ist, dass es abgesehen von der Gegend um Kostjantyniwka so gut wie keinen russischen Vormarsch gibt. Und der begrenzte Vormarsch ist mit massiven Kosten verbunden.

Die jüngsten Zahlen deuten darauf hin, dass die Ukraine monatlich mehr als 35.000 russische Soldaten von der Front nehmen kann. Gemeint sind Tote und Verwundete. Gleichzeitig liegt die russische Rekrutierungsfähigkeit bei weniger als 25.000 Soldaten pro Monat. Mit anderen Worten: Die russische Kampfkraft nimmt ab.

Vor wenigen Tagen erklärten die russischen Besatzungsbehörden auf der Krim den Ausnahmezustand. Grund dafür sind unter anderem Kraftstoffmangel und eine ausfallende Stromversorgung, nachdem die Ukraine besonders seit April die Versorgung der Halbinsel hart getroffen hat. Nach russischen Quellen haben die Behörden einen Rückzugsplan von der Krim ausgearbeitet. Das ist jedoch nicht bestätigt.

Sicher ist, dass die Ukraine Russlands Versorgungswege methodisch angreift. Der wichtigste führt durch die besetzten Gebiete in der Südukraine. Dort steigt die Zahl der Lastwagen mit Nachschub, die bei ukrainischen Drohnenangriffen getroffen werden, von Woche zu Woche.

Die Brücken vom Festland zur Krim sind zerschossen. Neue russische Pontonbrücken werden fast genauso schnell getroffen, wie sie errichtet werden. Die Brücke über die Straße von Kertsch von Russland zur Krim steht noch, ist aber beschädigt. Die Ukrainer haben auch Eisenbahnbrücken, Häfen und Luftverteidigungssysteme auf der Krim bombardiert. Alternative Versorgungswege dürften daher schwer einzurichten sein.

Für Deutschland ist diese Entwicklung im Ukraine-Krieg von großer Bedeutung. Je stärker Russland logistisch, militärisch und wirtschaftlich unter Druck gerät, desto wichtiger werden Ausdauer, Industrieproduktion und politische Geschlossenheit in Europa. Für Berlin stellt sich damit nicht nur die Frage weiterer Unterstützung für die Ukraine. Es geht auch darum, wie Europa seine eigene Sicherheit langfristig organisiert. Das Fazit lautet: Putins Russland ist nicht unverwundbar. Die ukrainischen Angriffe zeigen, dass Moskaus Kriegsmaschine an immer mehr Stellen unter Druck gerät.

Geschwächte Kampfkraft?

Bislang gibt es noch keine konkreten Beispiele dafür, dass die ukrainische Kampagne gegen die russischen Versorgungslinien eine deutliche Schwächung der russischen Kampfkraft bedeutet. Zu diesem Bild gehört, dass der ukrainische Einsatz erst vor einigen Monaten richtig begonnen hat und sich offenbar mit der Zeit intensiviert. Deshalb wird es für die Russen wahrscheinlich immer schwieriger werden, ihre Kräfte im westlichen Teil der besetzten Provinzen Saporischschja, Cherson und auf der Krim versorgt zu halten. Daher steht Putin und den Russen wahrscheinlich ein heißer Sommer mit noch mehr Problemen bevor.

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Jacob Kaarsbo

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Jacob Kaarsbo ist sicherheitspolitischer Berater und schreibt für Børsen, das dänische Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern. Er war 15 Jahre lang Analyst und in leitenden Funktionen beim dänischen Militärnachrichtendienst tätig und befasst sich vor allem mit Sicherheits-, Verteidigungs- und Geopolitik.

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