Energy Sharing: Solarstrom teilen – lohnt sich das?
Energy Sharing klingt nach Energiewende zum Anfassen: Das eigene Dach produziert Solarstrom. Der Nachbar nutzt ihn. Seit dem 1. Juni 2026 schafft § 42c des Energiewirtschaftsgesetzes dafür den rechtlichen Rahmen. Doch der Strom fließt nicht einfach über ein privates Kabel von Haus zu Haus. Er läuft weiter durch das öffentliche Netz und wird den Teilnehmern rechnerisch zugeordnet.
Genau daraus entsteht die wirtschaftliche Rechnung. Für eingespeisten Solarstrom bekommen Betreiber meist nur wenige Cent. Der Nachbar oder ein Betrieb zahlt für Strom aus dem Netz deutlich mehr. Dazwischen liegt die mögliche Marge. Sie macht Energy Sharing interessant – aber noch nicht profitabel. Denn das Netz kostet, die Messung kostet, die Abrechnung kostet. Ob daraus ein Geschäftsmodell wird, entscheidet erst das, was nach allen Kosten übrig bleibt.
Kosten fressen Solarstrom-Marge
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnt vor zu viel Komplexität. Beim Energy Sharing müsse der „Aufwand im richtigen Verhältnis zum Nutzen stehen“, so die Stoßrichtung des Verbands zur EnWG-Novelle. Genau hier liegt das Problem. Je mehr Verwaltung und Technik nötig sind, desto schneller schrumpft die Marge. Gerade kleinere Energy-Sharing-Projekte können dadurch schnell unwirtschaftlich werden.
Der größte Kostenblock ist das Stromnetz. Wer Strom mit Betrieben in der Region teilt, nutzt die öffentliche Infrastruktur. Und dafür muss man bezahlen. Netzentgelte, Umlagen und Abgaben fallen weiterhin an. Verbraucherzentralen beziffern diese Nebenkosten aktuell auf 10 bis 15 Cent pro Kilowattstunde. Dieser Betrag schmälert die mögliche Marge.
Dazu kommen die Kosten für die digitale Abwicklung. Erzeugung und Verbrauch müssen in kurzen Zeitintervallen erfasst und sauber zugeordnet werden. Dafür braucht es intelligente Messsysteme, sogenannte iMSys. Auch die speziellen Software-Plattformen für die Abrechnung verlangen Gebühren.
Wo Energy Sharing wirklich Geld bringen kann
Beim Energy Sharing entscheidet der Zeitpunkt. Viel Solarstrom im Sommer hilft wenig, wenn ihn niemand abnimmt. Wirtschaftlich wird das Modell erst, wenn der Strom möglichst oft dann gebraucht wird, wenn die Anlage produziert.
Reine Wohnsiedlungen haben es deshalb schwerer. Viele Haushalte verbrauchen abends besonders viel – also dann, wenn die Solaranlage kaum noch Strom erzeugt.
Bessere Chancen haben Standorte mit verlässlichem Tagesverbrauch: Gewerbegebiete, Handwerksbetriebe, landwirtschaftliche Hallen, Praxen, Büros oder kleinere Produktionsbetriebe. Dort steigt der Strombedarf häufig genau dann, wenn die Sonne auf dem Dach arbeitet – etwa durch Maschinen, Kühlung, IT, Wärmepumpen oder Ladepunkte für E-Fahrzeuge. Nicht zufällig prüfen erste Studien und Machbarkeitsprojekte Energy Sharing gerade in Gewerbegebieten.
Ein konkreter Fall aus der Praxis
Ein Landwirt am Ortsrand produziert mittags mehr Solarstrom, als sein Hof verbraucht. Ein paar Straßen weiter läuft beim Metallbauer genau dann der Strombedarf hoch: Maschinen, Kühlung, Ladepunkte für Lieferfahrzeuge. Weil der Strom dafür das Grundstück verlassen und über das öffentliche Netz laufen muss, ist es kein Mieterstrom mehr. Hier beginnt Energy Sharing – mit Netzentgelten, Messkosten und Abrechnungsaufwand.
Trotzdem kann es sich lohnen: Der Landwirt erzielt mehr als bei der klassischen Einspeisung, der Metallbauer zahlt weniger als im normalen Stromtarif. Entscheidend ist, ob die Ersparnis groß genug ist, um die zusätzlichen Kosten zu tragen.
Für Abnehmer zählt nicht nur der Solarpreis
Wer Energy-Sharing-Strom beziehen will, darf eine Sache nicht vergessen: Das Dach nebenan liefert nicht rund um die Uhr. Nachts, im Winter oder bei schlechtem Wetter kommt kein Solarstrom aus der Gemeinschaft.
Für diese Lücken braucht der Kunde weiterhin einen normalen Stromvertrag. Genau dort kann es teuer werden. Denn Versorger liefern dann nicht mehr den gesamten Bedarf, sondern vor allem die schwer planbaren Restmengen. Aus ihrer Sicht fallen die günstigen, berechenbaren Solarstunden weg. Übrig bleiben die Zeiten, in denen Strom knapp oder teuer sein kann.
Deshalb können höhere Grundpreise, schlechtere Reststromtarife oder kompliziertere Verträge drohen. Für Abnehmer zählt am Ende nicht der einzelne Solarpreis, sondern die Gesamtrechnung: Geteilter Solarstrom, Reststrom, neue Zähler, Software und Abwicklung. Erst diese Summe zeigt, ob Energy Sharing wirklich Geld spart.
Kein Solar-Märchen, aber ein neues Geschäftsmodell
Energy Sharing kann überschüssigem Solarstrom einen neuen Wert geben. Eigentümer müssen ihn nicht mehr nur selbst verbrauchen oder billig einspeisen; Nachbarn, Betriebe, kommunale Einrichtungen oder Quartiere können regionalen Strom beziehen. Doch am Ende entscheidet nicht die Idee, sondern die Rechnung, ob aus lokalem Solarstrom ein Geschäftsmodell wird – oder nur ein Projekt mit vielen Kostenstellen.
Energy Sharing ist kein romantisches Nachbarschaftsversprechen. Es ist ein handfestes Wirtschaftsprojekt. Wer Verbrauchsdaten, Kosten und Verträge sauber prüft, kann zusätzliche Erlöse erzielen oder Stromkosten senken. Wer sich nur vom guten Gefühl des Teilens leiten lässt, landet schnell in der Gebührenfalle.

