ASML-Aktie: Der Chip-König kämpft um seine Experten
Wer heute die besten Chips hat, ist König. Alle Anbieter von Modellen künstlicher Intelligenz, kurz KI, wollen sie haben.
Früher wollten alle Nvidia-Chips, da Nvidia die besten Chips für KI hatte. Heute wollen Unternehmen nicht nur deren universelle Lösungen nutzen, sondern eigene Chips entwickeln, die an ihre Modelle und Rechenzentren angepasst sind.
Warum?
Das bedeutet niedrigere Kosten für Rechenleistung, geringeren Stromverbrauch, Beschleunigung bestimmter Aufgaben und weniger Abhängigkeit von einem einzigen Unternehmen.
Google hat TPU-Prozessoren, Amazon Trainium und Inferentia, Meta MTIA, Microsoft Maia. OpenAI hat mit Broadcom einen eigenen Beschleuniger für den Betrieb großer Sprachmodelle entwickelt.
Alle brauchen das niederländische Unternehmen
Das Problem ist, dass all diese Unternehmen keine eigenen Fabriken zur Herstellung von Chips haben. Sie können Chips selbst entwerfen, anschließend werden sie von Samsung oder TSMC gefertigt. Für die Herstellung brauchen sie jedoch Werkzeuge. Und hier haben sie keine andere Wahl als ASML, Advanced Semiconductor Materials Lithography.
Das niederländische Unternehmen entwickelt und produziert Maschinen für ultraviolette Lithografie. Noch einfacher gesagt: Diese Maschinen zeichnen extrem kleine Muster auf Siliziumwafer, aus denen Transistoren und Verbindungen im Chip entstehen. Eine dieser Maschinen kostet im Durchschnitt 284 Millionen Dollar, zeigen Daten von Fiscal.ai.
ASML will Beschäftigte halten
Gerade bei ASML handelt es sich um außerordentlich komplexe Systeme, in denen sich nicht jeder zurechtfindet. Die Fachleute des Unternehmens stehen deshalb im Visier anderer Hersteller, Zulieferer und Technologiefirmen, die versuchen, sie abzuwerben.
Vor einer Woche kursierte die Nachricht, dass ASML seinen Beschäftigten ein Aktienpaket im Wert von 20.000 Euro anbietet, wenn sie von 2027 bis 2030 im Unternehmen bleiben, berichtet das Wirtschaftsportal Casnik Finance. In sozialen Netzwerken machten sich Amerikaner über die mickrigen Boni lustig, die europäische Unternehmen anbieten. Sie seien um ein Vielfaches niedriger als die Vergütungen amerikanischer Technologiekonzerne.
Koreanische Chiphersteller wie Samsung und SK Hynix zahlten ihren Beschäftigten in diesem Jahr Boni von mehreren Hunderttausend Euro.
ASML ist heute ein besseres Unternehmen
Während KI-Unternehmen ihre Abhängigkeit von Nvidia verringern wollen, wächst offenbar die Abhängigkeit vom niederländischen ASML. Heute liegt die ASML-Akteie bei fast 1.600 Euro.
Der Anstieg der ASML-Aktie ist nicht nur Folge einer neuen Welle der Begeisterung für KI. Die Geschäftsergebnisse, Aufträge und Prognosen des Unternehmens haben sich deutlich verbessert.
Noch im Januar erwartete ASML für 2026 Einnahmen von 34 bis 39 Milliarden Euro. Im April erhöhte das Unternehmen die Prognose auf 36 bis 40 Milliarden Euro. Nun erwartet ASML bereits Einnahmen von 43 bis 45 Milliarden Euro.
Die Prognose für die Bruttomarge wurde von bisher 51 bis 53 Prozent auf 54 bis 56 Prozent angehoben. Es wächst also nicht nur der Umsatz, auch die Profitabilität verbessert sich.
Analysten begeistert vor allem das Rekordauftragsbuch im Wert von 38,8 Milliarden Euro. Es sichert dem Unternehmen eine gute Sicht auf die Einnahmen der nächsten Jahre.
Der letzte Schutzwall des Vorsprungs gegenüber China
China trug etwa ein Drittel zu den Einnahmen von ASML bei, dieser Anteil sinkt jedoch über die Jahre. Zur Einordnung: Seit 2019 darf ASML keine EUV-Maschinen mehr nach China liefern. Mögliche neue Beschränkungen bei Export oder Wartung könnten sowohl den Geräteverkauf als auch wiederkehrende Einnahmen aus Dienstleistungen treffen.
Die Ironie liegt darin, dass gerade die Beschränkungen, die die EU und vor allem die USA China auferlegen, die dortigen Hersteller stärken.
„China wird das Rennen im Bereich künstlicher Intelligenz gewinnen“, sagte Nvidia-Chef Jensen Huang im November vergangenen Jahres. Bei Nvidia wurde seine Aussage allerdings etwas abgeschwächt. Man erklärte, China sei dicht auf den Fersen.
Derzeit scheint jedoch das größere Risiko, dass die USA und die Niederlande ASML zusätzliche Beschränkungen für den Verkauf und die Wartung von Ausrüstung in China auferlegen.
Chinas Manhattan-Projekt
Reuters berichtete im Dezember 2025, dass ein chinesisches Team bereits Anfang 2025 einen Prototyp einer EUV-Anlage zusammengesetzt habe. Diese solle EUV-Licht erzeugen und befinde sich in der Testphase. Ein funktionierender Chip sei damit jedoch noch nicht hergestellt worden. China habe sich offenbar das Jahr 2028 als Ziel gesetzt, während Quellen aus dem Umfeld des Projekts das Jahr 2030 als realistischeren Termin nannten.
Quellen beschrieben das Projekt als chinesische Version des Manhattan-Projekts, des amerikanischen Kriegsprogramms zur Entwicklung der Atombombe. Die Chinesen sollen für das Projekt frühere ASML-Beschäftigte angeworben haben. Einer der hochrangigen chinesischen Ingenieure, der vom niederländischen Unternehmen zu dem chinesischen Projekt wechselte, soll dort frühere ASML-Beschäftigte erkannt haben, die in China unter falschen Namen arbeiteten. Das erklärt auch, warum ASML seine Beschäftigten halten will.
Im Juni tauchte die Nachricht auf, dass amerikanische Behörden den Verdacht hätten, eine EUV-Anlage oder Teile dafür könnten China erreicht haben. ASML bestritt, eine Maschine oder Ausrüstungsteile nach China geliefert zu haben. Die Geschichte ist aber vermutlich ein Beleg dafür, dass die USA wegen des chinesischen Fortschritts besorgt sind.
Was würde mit den KI-Aktien geschehen, wenn sich herausstellt, dass die Chinesen geeignete Maschinen haben? Schon das Modell DeepSeek hat im vergangenen Jahr die Märkte kräftig erschüttert.
Ist jetzt Zeit für den Kauf von ASML-Aktien?
EUV ist der kritische Engpass, bei dem der Westen seinen Vorsprung noch hält. Nach einem Kursanstieg von 160 Prozent im vergangenen Jahr ist das Unternehmen allerdings auch deutlich teurer geworden. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei einem hohen Wert von 58, während es vor einem Jahr noch bei etwa 32 lag. Das bedeutet, dass Anleger für jeden Euro Gewinn heute deutlich mehr zu zahlen bereit sind.
Zugleich sind auch die Wachstumserwartungen gestiegen. Die PEG-Kennzahl, die die Bewertung mit dem erwarteten Gewinnwachstum vergleicht, sank deshalb um fast ein Drittel auf 1,6. Gemessen am erwarteten Wachstum wurde die Aktie also günstiger. Nvidias PEG-Kennzahl liegt allerdings noch niedriger, bei etwa 1,15.
Nvidias erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt etwa 51, TSMC liegt bei rund 28. ASML wird damit fast so hoch bewertet wie Nvidia und ist nach dieser Kennzahl mehr als halb so teuer wie einer seiner wichtigsten Kunden.
Die Prämie rechtfertigt das Monopol auf dem EUV-Markt. Dennoch setzt ein Gewinnmultiplikator von 58 voraus, dass das Unternehmen die Markterwartungen fehlerfrei erfüllt. Wachstum ist heute zweifellos vorhanden, doch die Aktie ist deutlich teuer geworden. Auf einen Zug aufzuspringen, der bereits über 1.500 Euro fährt, verlangt deutlich mehr Mut.

