Europas Billigflugmarkt vor der Neuordnung
In Europa gibt es drei große unabhängige reine Billigfluggesellschaften, die sich bisher einen harten Wettbewerb geliefert haben. Bald besteht jedoch das Risiko, dass nur noch eine von ihnen übrig bleibt.
Wizz Air meldete zuletzt einen Verlust von umgerechnet rund 200 Millionen Euro im zweiten Quartal, so das Wirtschaftsportal Dagens Industri in einem Interview. Gleichzeitig steht Easyjet vor der Übernahme durch den amerikanischen Investmentfonds Apollo.
Das könnte die Landkarte der Billigflugbranche in Europa neu zeichnen und Ryanair als alleinigen Platzhirsch zurücklassen, meint Luftfahrtexperte Jan Ohlsson. „Die Frage ist, was Ryanair dann macht“, sagt er.
Wenn der Sommer in den Herbst übergeht, wartet nach Einschätzung von Jan Ohlsson die Stunde der Wahrheit auf die Unternehmen.
„Es war trotz allem ein guter Sommer für die Luftfahrt. Aber jetzt endet die Ferienzeit, und danach wird es knapp mit Reisenden.“
Ölpreis wird zum Kipppunkt
Nach Einschätzung von Jan Ohlsson wird sich zeigen, welche Unternehmen schlecht dastehen, sobald der Verkehr nachlässt und die Kosten bezahlt werden müssen. „Dann muss man schnell Maßnahmen ergreifen“, sagt er.
Der hohe Ölpreis infolge des Krieges in Iran hat die Luftfahrtindustrie getroffen. Große Probleme bekommen vor allem jene Unternehmen, die bereits zuvor mit strukturellen Herausforderungen kämpften. „Der Ölpreis ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt Jan Ohlsson.
Das gilt nicht zuletzt für Wizz Air, dessen Milliardenverlust nur eines von mehreren Problemen des Unternehmens ist. „Sie haben eine ganze Reihe von Fehlinvestitionen getätigt, um Ryanair einzuholen“, sagt er.
Wizz Air kämpft mit alten Fehlern
Wizz Air, das seine Basis früher in Osteuropa hatte, versuchte unter anderem, auf dem britischen Markt Fuß zu fassen, auf dem Ryanair dominiert. Gleichzeitig setzte das Unternehmen auf Langstreckenflüge.
„Jetzt setzt man verzweifelt auf das Kerngeschäft. Die Frage ist aber, ob das reichen wird“, sagt Jan Ohlsson. Er betont, dass das Unternehmen in die Insolvenz rutschen könnte, falls der Ölpreis weiter hoch bleibt.
Bei Easyjet liegt die Geschichte teilweise anders. Der Gewinn des Unternehmens brach im jüngsten Quartal um 70 Prozent ein. Nun hat Easyjet jedoch neue Eigentümer in Form des amerikanischen Investors Apollo gesichert.
Trotzdem ist das Überleben des Unternehmens nach Einschätzung von Jan Ohlsson offen. Er glaubt, dass Apollo Easyjet aufspalten und verkaufen könnte. Den Kaufpreis von umgerechnet rund 6,3 Milliarden Euro hält er für „haarsträubend“.
„Das Unternehmen hat bereits eine Auslastung von 90 Prozent. Wie sollen da die Einnahmen erhöht werden? Man kann die Preise erhöhen, aber dann werden viele Reisende verzichten oder zu einem Konkurrenten gehen“, sagt er.
Könnte Ryanair Easyjet schlucken?
Er glaubt, dass in diesem Fall vor allem die großen Schwergewichte der Branche Teile von Easyjet kaufen würden. Er schließt jedoch auch nicht aus, dass Ryanair zuschlagen könnte.
„Ryanair kauft normalerweise nie Wettbewerber. Aber gerade Easyjet war wirklich ein erbitterter Rivale, und das könnte daran etwas ändern“, sagt er.
Das würde Ryanair als einzigen verbliebenen Anbieter der drei unabhängigen Billigfluggesellschaften zurücklassen.
Es gibt allerdings eine Vielzahl anderer Billiganbieter, die größeren Konzernen gehören, etwa Eurowings von Lufthansa. Hinzu kommt die börsennotierte Norwegian. Diese Anbieter sind jedoch keine reinen Billigfluggesellschaften in derselben Weise wie das Trio Easyjet, Wizz Air und Ryanair. „Es gibt eine Art Zwischensektor“, sagt Jan Ohlsson.
Weniger Wettbewerb, höhere Preise
Nicht nur die Billigflieger haben Probleme. Auch mehrere große Fluggesellschaften stehen derzeit stark unter Druck, darunter Lufthansa. Das Risiko ist, dass die Einschnitte in der gesamten Branche groß ausfallen.
„Der Wettbewerb wird gerade abgewürgt. Das führt dazu, dass die Preise steigen werden. Die Frage ist nur, wie hoch sie steigen können, bevor die Menschen aussteigen“, sagt Jan Ohlsson.
