Bitcoin-Prognose 2027: Rally aus Washington weckt Hoffnungen
Der Ausbruch über den 200-Tage-Durchschnitt ist eindeutig. Doch Vorsicht: Der Bitcoin-Kurs hat Anleger schon mehrfach mit ähnlichen Bullenfallen getäuscht. Wird 2026 das Muster durchbrechen, das in den Jahren 2014, 2018 und 2022 galt? Das fragen sich unsere Kollegen von Finance.si.
Bitcoin ist in der vergangenen Woche nach mehreren Monaten der Lethargie mit einem kräftigen Kurssprung erwacht. Innerhalb weniger Tage legte die wichtigste aller Kryptowährungen rund ein Fünftel an Wert zu. Am Donnerstag durchbrach Bitcoin erstmals seit Anfang Juni die Marke von 70.000 Dollar, am Morgen darauf stieg der Kurs bereits über 79.000 Dollar. Und nun zeigt sich der Bitcoin-Kurs aktuell um die Marke von 77.500 Dollar vergleichsweise stabil.
Bitcoin-Kurs durchbricht wichtige Marke – Rückenwind aus Washington
Doch noch wichtiger ist eine andere Marke: Erstmals seit mehreren Monaten überwand Bitcoin auch seinen 200-Tage-Durchschnitt. Er gehört zu den am stärksten beachteten technischen Trennlinien zwischen einem langfristigen Abwärts- und Aufwärtstrend.
Der bullische Impuls kam aus Washington. Das US-Finanzministerium kündigte an, ab September seine Rückkäufe älterer langfristiger Staatsanleihen mindestens zu verdoppeln. Statt zwei Milliarden Dollar sollen pro Transaktion künftig mindestens vier Milliarden Dollar zurückgekauft werden.
Die Märkte interpretierten die Maßnahme als Versuch, die langfristigen Finanzierungskosten der USA zu stabilisieren und teilweise auch als Signal für einen schwächeren Dollar. Gleichzeitig forderte US-Präsident Donald Trump den Kongress erneut auf, den Clarity Act zu verabschieden.
Trendwende bei Bitcoin? Diese Signale machen Anlegern Hoffnung
Damit stellt sich eine wesentlich größere Frage als die, ob Bitcoin kurzfristig noch weiter steigen kann: Ist das Bärenjahr im vierjährigen Bitcoin-Zyklus deutlich früher beendet worden als bislang üblich? In den drei vorherigen vergleichbaren Zyklen erreichte Bitcoin seinen Tiefpunkt erst unmittelbar zum Ende eines Jahres mit US-Kongresswahlen oder kurz danach. Das geschah im Dezember 2014 beziehungsweise Januar 2015, im Dezember 2018 und im November 2022.
Warum sollte ausgerechnet 2026 überhaupt ein Bärenjahr sein? Der klassische vierjährige Bitcoin-Zyklus folgte bislang ungefähr derselben Reihenfolge:
Erstens kommt das Jahr, in dem die Belohnung für Bitcoin-Miner halbiert wird, das sogenannte Halving. Darauf folgt zweitens das Jahr des zyklischen Hochs. Drittens kommt ein Bärenjahr und schließlich viertens eine Phase erneuter Akkumulation vor dem nächsten Halving.
Nach dem Halving im Jahr 2024 und dem Hoch im Jahr 2025 wäre 2026 nach dieser Logik mit den Jahren 2014, 2018 und 2022 vergleichbar. Alle drei waren von tiefen Korrekturen geprägt. In sämtlichen Fällen erreichte Bitcoin sein endgültiges zyklisches Tief erst gegen Jahresende.
Natürlich handelt es sich dabei nicht um ein Naturgesetz. Für solche Schlussfolgerungen gibt es in der Geschichte von Bitcoin lediglich wenige vollständige Zyklen. Zudem hat sich der Markt durch ETF, institutionelle Investoren und eine wesentlich höhere Marktkapitalisierung verändert. Gerade deshalb ist der aktuelle Kurssprung bemerkenswert: Falls der Tiefpunkt bereits Ende Juni beziehungsweise Anfang Juli erreicht wurde, würde sich der diesjährige Zyklus deutlich von seinen Vorgängern unterscheiden.
Das stärkste Argument der Optimisten ist der 200-Tage-Durchschnitt. Bitcoin hat ihn am Mittwoch klar überwunden. In der Vergangenheit deutete ein solcher Ausbruch nach einer langen Abwärtsbewegung häufig darauf hin, dass der schlimmste Teil eines Bärenmarktes überstanden war. Der Durchschnitt liegt derzeit bei rund 69.000 Dollar.
Ein zweites Argument ist die ungewöhnliche Natur des vorangegangenen Hochs. Benjamin Cowen von ITC weist darauf hin, dass Bitcoin das Jahr 2025 nicht mit jener Euphorie beendete, die frühere Höhepunkte großer Bullenmärkte begleitete. Die Indikatoren erreichten nicht die bisherigen Extremwerte. Bitcoin stieg nicht bis zum sogenannten Terminal Price. Ebenso blieb die typische abschließende Umschichtung spekulativen Kapitals von Bitcoin in immer riskantere Altcoins aus.
Wenn der Markt auf seinem Höhepunkt nicht derart überhitzt war, musste er möglicherweise auch auf dem Weg nach unten nicht bis zu ähnlich extrem unterbewerteten Niveaus fallen wie in früheren Zyklen.
Ermutigend ist zudem die Nachfrage. Nach Daten von Farside Investors verzeichneten die amerikanischen Spot-Bitcoin-ETF allein am Mittwoch und Donnerstag Nettozuflüsse von rund 1,1 Milliarden Dollar. Davon entfielen 606 Millionen Dollar auf den Donnerstag. Das ist entscheidend, denn das Schließen von Short-Positionen kann zwar einen explosionsartigen Kurssprung auslösen. Ein nachhaltiger Bullenmarkt benötigt jedoch tatsächliche Käufer.
Für die Bitcoin-Prognose 2027 ist damit eine zentrale Frage verbunden: Handelt es sich bereits um den Beginn eines längerfristigen Trendwechsels oder lediglich um eine besonders kräftige Erholung innerhalb eines weiterhin intakten Bärenmarktes?
Bitcoin-Prognose 2027: Warum die Rally zur Bullenfalle werden könnte
Das Problem ist, dass selbst ein derart kräftiger Kurssprung bei Bitcoin keineswegs beweist, dass der Bärenmarkt beendet ist. Cowen verweist als Warnung vor möglichen Bullenfallen insbesondere auf das Jahr 2018.
Damals prallte Bitcoin lange Zeit von der Marke um 6.000 Dollar nach oben ab und bildete nacheinander immer niedrigere Hochpunkte. Zunächst lag ein Hoch bei knapp 10.000 Dollar, danach bei rund 8.500 Dollar und schließlich bei etwa 7.400 Dollar. Es schien, als sei die Marke von 6.000 Dollar ein solider Boden. In den letzten Wochen des Jahres brach Bitcoin dann jedoch auf rund 3.000 Dollar ein.
Die heutige Kursentwicklung sieht auf den ersten Blick unangenehm ähnlich aus. Nach dem Hoch folgten Erholungen in Richtung der Bereiche um 100.000, 80.000 und nun 70.000 Dollar.
Noch interessanter ist das Jahr 2019, weil auch der damalige Höhepunkt vergleichsweise wenig euphorisch verlief. Bitcoin sprang im Oktober innerhalb von nur zwei Tagen um rund 40 Prozent und durchbrach dabei deutlich seinen 200-Tage-Durchschnitt. Auslöser war damals eine positive Äußerung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping zur Blockchain-Technologie. Doch die explosive Kursbewegung markierte nicht den Beginn eines neuen Bullenmarktes. Bereits 31 Tage später erreichte Bitcoin ein neues lokales Tief.
Ähnlich verlief die Entwicklung im September 2022. Bitcoin gewann innerhalb von sechs Tagen rund 23 Prozent. Zwei Monate später erreichte die Kryptowährung nach dem Zusammenbruch von FTX ihr endgültiges Tief dieses Zyklus.
Der Anstieg dieser Woche könnte deshalb den Beginn einer neuen Marktphase markieren. Er könnte allerdings ebenso ein klassischer Short-Squeeze in einem Bärenmarkt sein. Dabei zwingt ein plötzlicher Kursanstieg Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt haben, ihre Positionen zu schließen. Das treibt den Kurs zusätzlich nach oben, lockt neue Käufer an und kann anschließend trotzdem noch in einen letzten großen Abverkauf münden.
Bitcoin-Prognose 2027: Der 200-Tage-Durchschnitt wird zum Härtetest
Deshalb ist derzeit nicht entscheidend, wie weit Bitcoin kurzfristig noch steigen kann. Wichtiger wird sein, was beim ersten ernsthaften Rücksetzer passiert.
Im Jahr 2019 durchbrach Bitcoin seinen 200-Tage-Durchschnitt, konnte ihn anschließend jedoch nicht als Unterstützung verteidigen und rutschte erneut darunter. Im Jahr 2023 verlief die Entwicklung anders. Nach dem Ausbruch blieb der Bitcoin-Kurs oberhalb des Durchschnitts und bestätigte damit den Wechsel des langfristigen Trends.
Der erste entscheidende Test ist deshalb genau dieser 200-Tage-Durchschnitt, der aktuell ungefähr bei 69.000 Dollar liegt.
Der zweite Test ist die Zone zwischen 65.000 und 67.000 Dollar. Sie fungierte über mehrere Monate als Widerstand. Sollte dieser Bereich bei der nächsten Korrektur zur Unterstützung werden, wäre das eine bedeutende Veränderung der Marktstruktur.
Der dritte Test betrifft die Zusammensetzung der Nachfrage. Der aktuelle Kurssprung ist vor allem auf das massenhafte Schließen von Short-Positionen zurückzuführen. Doch dieser Treibstoff ist irgendwann verbraucht. Wenn anschließend dauerhafte Zuflüsse in ETF und direkte Käufe am Spotmarkt übernehmen, würde das die These eines tatsächlichen Trendwechsels erheblich stärken.
Auch für Anleger in Deutschland ist diese Entwicklung relevant. Denn für deutsche Investoren bleibt wichtig, ob sich der globale Bitcoin-Trend nachhaltig dreht. Bei einer Bewertung in Euro kommt zusätzlich die Entwicklung des Wechselkurses gegenüber dem Dollar hinzu. Für die Bitcoin-Prognose 2027 ist deshalb auch aus deutscher Sicht entscheidend, ob die technische Trendwende Bestand hat oder lediglich eine kurzfristige Reaktion auf die Signale aus Washington war.
Trendwende oder Bärenfalle? Diese Marke entscheidet über die weitere Bitcoin-Entwicklung
Nach dieser Woche ist die These, dass Bitcoin sein zyklisches Tief bereits erreicht hat, deutlich überzeugender als noch zu Wochenbeginn. Der Durchbruch des 200-Tage-Durchschnitts, die hohen ETF-Zuflüsse und das verbesserte makroökonomische Umfeld sind ernst zu nehmende Argumente und nicht lediglich Ausdruck neuer Krypto-Euphorie.
Die Geschichte zeigt jedoch, dass dies noch kein Beweis dafür ist, dass das Bärenjahr tatsächlich beendet ist. Bitcoin erlebte 2018, 2019 und 2022 vor weiteren Kursverlusten bereits Phasen steigender Kurse, die im jeweiligen Moment ähnlich überzeugend wirkten.
Die entscheidende Grenze liegt deshalb nicht bei 75.000 oder 80.000 Dollar. Entscheidend sind die kommenden Wochen. Übersteht Bitcoin die erste größere Korrektur oberhalb seines 200-Tage-Durchschnitts und verwandelt sich der bisherige Widerstand in eine Unterstützung, würde die These eines weiteren abschließenden Bitcoin-Kurssturzes im letzten Quartal deutlich an Überzeugungskraft verlieren. Rutscht Bitcoin dagegen erneut unter diese Marke, würde das Jahr 2026 wieder sehr stark den früheren Bärenjahren des vierjährigen Zyklus ähneln.
