Europas neue Denkfabrik
Stripe-Mitgründer Patrick Collison und der frühere EZB-Präsident Mario Draghi haben sich zusammengetan, um ein „stärkeres, wettbewerbsfähigeres Europa“ aufzubauen.
Mit der Gründung der Rhine Group unternimmt Collison einen weiteren Versuch, die wirtschafts- und politischstrategische Debatte in Europa mitzuprägen, so das irische Wirtschaftsportal Businesspost. Zu den Gründern gehören neben Collison und Draghi auch Luis Garicano, ein spanischer Ökonom, Professor an der London School of Economics und früherer Europaabgeordneter. Er soll als geschäftsführender Direktor der Gruppe tätig werden.
Die Botschaft der neuen Denkfabrik ist drastisch. Europa müsse seine wirtschaftliche Schwäche überwinden, sonst drohe dem Kontinent ein schleichender Verlust seiner Handlungsfähigkeit.
„Von den 50 größten Technologieunternehmen der Welt sind nur vier europäisch. Bei jeder aufkommenden Technologie, die die kommenden Jahrzehnte prägen wird, ist Europa schwach“, heißt es in einem von den Gründern unterzeichneten Brief.
Der Einsatz sei existenziell. Wenn die Stagnation anhalte, werde Europa schrittweise die Fähigkeit verlieren, die Kernpflichten eines modernen Staates zu finanzieren: Verteidigung, öffentliche Gesundheitsversorgung, Renten, Bildung, Klimainvestitionen und Sicherheitsnetze für jene, die ihre Arbeit verlieren.
Das alte Wachstumsmodell trägt nicht mehr
Über Jahrzehnte habe eine günstige Weltlage Europas Schwächen abgefedert. Der Welthandel wuchs unter multilateralen Regeln. Der amerikanische Sicherheitsschirm entlastete die Verteidigungshaushalte. Abhängigkeiten wirkten gegenseitig und deshalb harmlos.
Diese Zeit sei vorbei.
„Die USA haben ihre höchsten Zölle seit Smoot-Hawley verhängt. China ist zu einem härteren Wettbewerber geworden, in Drittstaaten und innerhalb Europas selbst. Europa befindet sich in einer schwierigeren Lage als zu dem Zeitpunkt, als der Bericht 'Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit' veröffentlicht wurde. Das europäische Wachstumsmodell verblasst, und wir sind zunehmend externen Ereignissen ausgeliefert, die wir nicht kontrollieren“, schreiben die Gründer.
Der Niedergang sei nicht unvermeidlich. Er sei aber die Richtung, in die Europa gehe, wenn nicht dringend gehandelt werde. Die Alternative bestehe darin, das zu tun, was Europa früher schon getan habe: konkurrieren, bauen und wieder wachsen.
„Wir sind keine Mittelmacht, sondern der zweitgrößte Markt der Welt.“
Prominente Namen, aber kaum Mittelosteuropa
Die Rhine Group versammelt mehr als 50 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Medien, Finanzwelt und Wissenschaft. Zu den Mitgliedern gehören Xavier Niel, der französische Unternehmer und Eigentümer von Eir, Michael Miebach, Vorstandschef von Mastercard, Roula Khalaf, Chefredakteurin der Financial Times, Tobi Lütke, Mitgründer von Shopify, sowie zahlreiche weitere Vertreter europäischer und internationaler Institutionen.
Auch Jörg Kukies, früherer deutscher Finanzminister und heute Managing Director bei Morgan Stanley, Jeannette zu Fürstenberg, Chefin des amerikanischen Venture-Capital-Unternehmens General Catalyst, und Vittorio Colao, Vorstandsmitglied der amerikanischen Investmentfirma General Atlantic und unabhängiger Direktor beim amerikanischen Telekommunikationskonzern Verizon, gehören dazu.
Vertreten sind außerdem Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichem Hintergrund: Bruno Le Maire, früherer französischer Minister für Landwirtschaft, später für Wirtschaft und Finanzen und zuletzt für Verteidigung, sowie Leopold Aschenbrenner, früherer OpenAI-Mitarbeiter und Autor des viel beachteten Essays „Situational Awareness“. Aschenbrenner führte in den vergangenen Monaten einen großen Hedgefonds, der erhebliche Verluste verbuchte. Sein Fonds, der von den Collisons unterstützt wurde, verlor Milliarden mit Wetten auf KI-Aktien.
Auffällig ist jedoch, wer fehlt: Es gibt keinen einzigen Vertreter Polens. Zufall, fragt sich das polnische Wirtschaftsportal Puls Biznesu in einem meinungsstarken Artikel. Der einzige Vertreter aus Mittel- und Osteuropa ist Toomas Hendrik Ilves, der frühere Präsident Estlands.
Darauf machte Marcin Piątkowski aufmerksam, Professor an der Kozminski-Universität in Warschau, früherer Ökonom der Weltbank und Autor des Buches „Das goldene Zeitalter. Wie Polen zum europäischen Wachstumsführer wurde und welche Zukunft es erwartet“.
Polen fehlte schon im Draghi-Bericht
Für Piątkowski ist die Zusammensetzung der Rhine Group kein isolierter Ausrutscher. Schon vor zwei Jahren, anlässlich des Berichts des Teams um Mario Draghi zur Wettbewerbsfähigkeit Europas, wies er darauf hin, dass auf den 328 Seiten des Dokuments kein einziges Mal vom wirtschaftlichen Erfolg Polens die Rede war.
„Es ist traurig und beschämend, dass der Draghi-Bericht ohne Beteiligung eines einzigen Polen entstanden ist. Traurig, da es die gigantische Ignoranz westlicher Eliten zeigt, die offenbar nichts vom polnischen Wirtschaftswunder gehört haben. Beschämend, da es zeigt, wie wenig wir in der europäischen wirtschaftspolitischen Debatte zählen, obwohl wir seit 35 Jahren Europas Wachstumsführer sind. Das muss so schnell wie möglich geändert werden“, sagte Piątkowski damals.
Nun sieht er denselben blinden Fleck erneut. Die neue Denkfabrik will Europas Zukunft entwerfen, doch ein Land, das sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften Europas entwickelt hat, ist nicht vertreten.
Auch Piotr Sankowski, Direktor des Forschungsinstituts IDEAS, kritisierte die Auswahl. Auf der Plattform X schrieb er: „Alle machen Fehler. Aber wenn man denselben Fehler zweimal macht, ist es kein Fehler mehr, sondern eine Entscheidung. Die Einbindung von Stakeholdern aus den CEE-Mitgliedstaaten war im Bericht von Mario Draghi auffällig marginal, und nun wurde niemand aus CEE eingeladen, die Rhine Group mitzugründen.“
Man könne nicht von einem wettbewerbsfähigen Europa sprechen und zugleich die europäischen Wachstumschampions übergehen, fügte Sankowski hinzu. Europa brauche echte Verbindung.
Ignoranz oder Machtfrage?
Piątkowski formuliert die Kritik noch schärfer. Für ihn ist das Fehlen Polens ein Beispiel für die Arroganz westlicher Eliten.
„Das ist, als würde man einen Bericht über Fußball schreiben, ohne Messi oder Lewandowski zu erwähnen. Das ist kein Zufall. Es ist ein Beispiel für die Ignoranz und Arroganz westlicher Eliten, die den Erfolg Polens und unserer Region ignorieren und im Stillen wahrscheinlich glauben, er sei vor allem mit dem Zufluss von EU-Mitteln verbunden. Das stimmt nicht. EU-Mittel waren natürlich sehr hilfreich, stehen aber nur für etwa ein Achtel unseres Wachstums“, meint Piątkowski.
Mehr noch: Auch Westeuropa habe vom polnischen Aufstieg profitiert. Deutschland exportiere heute 33-mal mehr nach Polen als zu Beginn der polnischen Transformation und mehr als nach China.
Für Piątkowski zeigt der Fall daher nicht nur mangelnde Aufmerksamkeit, sondern auch eine Schieflage in der europäischen Debatte. Westliche Eliten glaubten, Mittel- und Osteuropa habe wirtschaftspolitisch wenig beizutragen. Dabei habe Polen, Europas Wachstumsführer, starke Ideen für Europa.
Was Polen Europa vorschlagen würde
Nach Ansicht von Piątkowski sollte Europas Strategie nicht nur auf die drei „I“ setzen: Investitionen, Innovationen und Integration. Nötig seien auch drei „K“: Koordination, Konkurrenz und Konvergenz.
Beim Thema Wettbewerb verweist er darauf, dass polnische Unternehmen weiterhin Probleme hätten, in westeuropäische Märkte einzutreten. Der europäische Binnenmarkt schaffe noch immer viele sichtbare und unsichtbare Barrieren, die die Expansion polnischer Firmen erschwerten.
Auch die Koordination müsse gestärkt werden. Polen sei eine der größten Volkswirtschaften Europas und sollte deutlich mehr Einfluss auf die gemeinsame Wirtschaftspolitik haben, auch im Umgang mit China.
Entscheidend sei außerdem die Konvergenz. Nach Piątkowskis Einschätzung ist sie die erfolgreichste Politik der Europäischen Union der vergangenen 50 Jahre. Sie habe Irland, Südeuropa und nach 2004 Polen sowie Mittelosteuropa nach oben gebracht.
Zwei Drittel der EU-Staaten hätten heute ein Einkommensniveau unterhalb des EU-Durchschnitts. Das betreffe auch große Volkswirtschaften wie Frankreich oder Italien. Würde die Politik zur Unterstützung der Konvergenz gestärkt und richtig gestaltet, könnte dies zusätzliche zehn Prozent Einkommen gemessen am BIP bringen. Das wäre Piątkowski zufolge ein größerer Effekt als bei vielen anderen derzeit diskutierten politischen Maßnahmen.
Die Rhine Group will nachbessern
Die Gründer der Rhine Group beantworteten bis zur Entstehung des Ausgangsartikels keine Fragen nach den Gründen für das Fehlen Polens und weiterer Vertreter Mittel- und Osteuropas. Als Reaktion auf die Einwände polnischer Ökonomen auf der Plattform X erklärten sie jedoch, es habe nicht näher benannte „logistische Probleme“ gegeben.
Zugleich kündigten sie an, die Zusammensetzung der Gruppe zu erweitern und ihre geografische Reichweite zu vergrößern.
Piątkowski hofft, dass Mittel- und Osteuropa künftig vertreten sein wird. Doch er sieht darin eher eine Reaktion auf öffentlichen Druck als ein Zeichen echter Einsicht.
„Schwer zu sagen, welche Probleme die Berücksichtigung von Polen erschwert haben. Ich hoffe, dass unsere Region in der Gruppe vertreten sein wird. Das wird jedoch Ergebnis unserer Reaktion und unseres Drucks sein, nicht Ausdruck der Überzeugung westlicher Eliten, dass sie tatsächlich etwas von uns lernen können. Dabei sollten gerade wir als goldenes Kind der Europäischen Union die europäische Agenda mitgestalten und sogar prägen“, sagt Piątkowski.
Europas Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht nur im Westen
Das Leitmotiv der Rhine Group lautet: „Es ist nicht zu spät, Europas Entwicklungspfad zu ändern, wenn wir heute die richtigen Schritte unternehmen.“
Die Gruppe will Vorschläge erarbeiten, um die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Ihre Diagnose ist hart: Europa ist bei Schlüsseltechnologien schwach, sein Wachstumsmodell erodiert, die internationale Lage ist rauer geworden, und die Abhängigkeit von äußeren Faktoren nimmt zu.
Gerade deshalb wirkt die Debatte über die Zusammensetzung der Rhine Group so brisant. Wenn Europa wieder konkurrieren, bauen und wachsen will, stellt sich nicht nur die Frage, wie viel Kapital, Technologie und politische Entschlossenheit es mobilisieren kann. Es stellt sich auch die Frage, wer in Europa überhaupt mit am Tisch sitzt, wenn über die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents gesprochen wird.
Die Kontroverse um Polen zeigt: Europas Wettbewerbsproblem ist nicht nur technologisch und industriell. Es ist auch politisch. Ein Kontinent, der seine eigenen Wachstumsregionen übersieht, läuft Gefahr, auch ihre Erfahrungen und Ideen zu verschenken.

