Wirtschaft

Tankerfracht auf Rekordhoch: Anleger verdienen am Öl-Chaos

Supertanker kosten inzwischen mehr als eine Million Dollar pro Tag, Raffinerien kämpfen mit explodierenden Transportkosten. Während Verbraucher die Folgen hoher Ölpreise zu spüren bekommen könnten, haben Anleger mit der Krise bereits enorme Gewinne erzielt. Hinter den Börsenkursen für Rohöl verbirgt sich ein Markt, dessen tatsächliche Kosten deutlich höher liegen.
29.09.2026 11:03
Lesezeit: 9 min
Tankerfracht auf Rekordhoch: Anleger verdienen am Öl-Chaos
Öltanker werden zum Engpass der Energiemärkte. (Bild: dpa) Foto: Philip Dulian

Tankerfracht erreicht historische Höchststände

Die Frachtraten für Öltanker sind auf ein Niveau gestiegen, neben dem selbst die Verwerfungen während der Corona-Lockdowns 2020 beinahe harmlos wirken. Während Käufer von Rohöl mit erheblichen Zusatzkosten rechnen müssen, konnten einige Investoren von der Entwicklung kräftig profitieren. Das berichten unsere Kollegen von Bankier.pl.

Die Charter eines Supertankers kostet inzwischen mehr als eine Million Dollar pro Tag. Die "Financial Times" berichtet für die Route vom Nahen Osten nach Asien von Preisen von rund 1,2 Millionen Dollar täglich. Nach dem Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 28. September 2026 entspricht das rund 1,05 Millionen Euro. Noch während eines Großteils des Jahres 2025 lagen die Tagesraten lediglich zwischen 20.000 und 50.000 Dollar, also umgerechnet zwischen rund 17.600 und 43.900 Euro. Die "Financial Times" bestätigt inzwischen Rekordpreise von rund 1,2 Millionen Dollar pro Tag.

Die Frachtraten begannen bereits Ende Februar kräftig zu steigen. Damals verschärfte sich die militärische Konfrontation zwischen Iran, Israel und den USA, während die Schifffahrt durch die Straße von Hormus zunehmend beeinträchtigt wurde. Iran hatte die Meerenge im Februar während Militärübungen zeitweise vollständig geschlossen. Die strategisch wichtige Wasserstraße ist seitdem zu einem entscheidenden Faktor für die internationalen Energiemärkte geworden.

Der eigentliche Preissprung setzte allerdings erst Ende August ein. Innerhalb von weniger als einem Monat haben sich die Kosten für den Transport von Rohöl mehr als verdoppelt. Betroffen sind längst nicht mehr nur Verbindungen zwischen dem Nahen Osten und Asien. Hohe Preise werden inzwischen auch für Transporte vom Golf von Mexiko nach China oder von Westafrika in die Volksrepublik verlangt.

Besonders teuer ist die Fahrt vom saudischen Hafen Yanbu am Roten Meer nach Korea. Hintergrund sind Drohungen der Huthi-Rebellen gegen die saudische Schifffahrt. Die Gruppe hatte eine Blockade für mit Saudi-Arabien verbundene Schiffe an der Meerenge Bab al-Mandab angekündigt. US-Schifffahrtsbehörden bestätigten im Juli eine solche Blockadeankündigung; im August wurde zudem ein Angriff auf einen saudischen Tanker gemeldet.

„Die Frachtpreise steigen exponentiell. Die Fracht könnte kurzfristig der Faktor sein, der den Markt bricht und dafür sorgt, dass sich die Kosten für Rohöl in Asien in Richtung 150 Dollar je Barrel bewegen“, sagte Amrita Sen, Gründerin des Beratungsunternehmens Energy Aspects, der „Financial Times“. 150 Dollar entsprechen nach dem verwendeten Wechselkurs rund 132 Euro.

Das Problem besteht nicht darin, dass plötzlich zu wenige Tanker existieren. Die Schiffe sind vorhanden. Wegen Blockaden, Sanktionen und anderer staatlicher Beschränkungen müssen sie allerdings immer häufiger deutlich längere Umwege fahren. Diese Reisen dauern länger und verbrauchen zusätzlich Treibstoff.

Dadurch ist die tatsächlich verfügbare Zahl an Arbeitstagen der weltweiten Tankerflotte erheblich gesunken. Indische Raffinerien beziehen beispielsweise inzwischen Rohöl aus Brasilien, Westafrika oder der Nordsee. Die Lieferung benötigt laut Martijn Rats, Analyst bei Morgan Stanley, 30 bis 40 Tage.

Hinzu kommt, dass Schätzungen zufolge rund 15 Prozent der weltweiten Tankerflotte im Persischen Golf feststecken und die Region nur schwer verlassen können. Weitere Tanker warten vor der Küste Omans darauf, Ladung übernehmen zu können. Zugleich erhöht die zunehmende Praxis, Rohöl auf offener See von einem Schiff auf ein anderes umzupumpen, den Bedarf an Schiffskapazitäten. Solche Transfers kosten Zeit und binden Tanker zusätzlich. Die "Financial Times" nennt diese Schiff-zu-Schiff-Transfers sowie längere Routen und höhere Versicherungsprämien ausdrücklich als wichtige Gründe für die derzeit extremen Transportkosten.

Ölpreis zeigt nicht die tatsächlichen Kosten der Raffinerien

Ein entscheidender Punkt bleibt in den gewöhnlichen Ölpreisnotierungen weitgehend unsichtbar: Physisch geliefertes Rohöl kann erheblich mehr kosten als es die Kurse an den Terminbörsen vermuten lassen.

Dabei geht es nicht nur um Aufschläge, die Händler verlangen, wenn sie tatsächlich lieferbares Rohöl anbieten können. Hinzu kommen die Kosten für den Seetransport und die Versicherung der Ladung. Erst zusammen ergeben diese Faktoren den Preis, den eine Raffinerie für die tatsächliche Beschaffung des Rohstoffs bezahlen muss.

„Nach Angaben von Reuters wurden am Dienstag für ein Barrel North Sea Forties (FOT-E), ein vergleichsweise leichtes Rohöl mit mittlerem Schwefelgehalt aus den britischen Ölfeldern der Nordsee, 136,75 Dollar bezahlt. Der Rekordpreis für ein physisches Barrel Rohöl lag im April dieses Jahres bei 147,37 Dollar“, schrieb Marek Druś vor wenigen Tagen in der polnischen Wirtschaftszeitung „Puls Biznesu“.

136,75 Dollar entsprechen beim verwendeten EZB-Kurs rund 120,19 Euro, 147,37 Dollar rund 129,52 Euro. Werden darauf zusätzlich die inzwischen außergewöhnlich hohen Transportkosten aufgeschlagen, steigt die Belastung der Raffinerien nochmals deutlich.

Damit lässt sich auch erklären, weshalb die Börsenpreise für fertige Kraftstoffe, insbesondere für Diesel, deutlich höher liegen als in früheren Phasen mit hohen Rohölpreisen. Denn bei derart hohen Kosten für die physische Beschaffung lohnt sich die Produktion für manche Raffinerien möglicherweise nicht mehr. Besonders stark trifft dies Teile Asiens.

Andere Raffinerien verlangen entsprechend höhere Preise für ihre Produkte. Paradoxerweise könnte diese Situation zugleich dazu beitragen, dass sich der reine Rohölpreis wieder normalisiert. Denn wenn die Verarbeitung wirtschaftlich unattraktiver wird, nimmt auch die Nachfrage der Raffinerien nach dem Rohstoff ab. Die hohen Frachtkosten drücken laut "Financial Times" bereits die Raffineriemargen und haben einzelne asiatische Raffinerien zu Produktionskürzungen veranlasst.

„Alle wollen Öl, aber niemand will es kaufen“, beschrieb ein Händler die paradoxe Marktlage.

Tankerfracht wird zum Spekulationsobjekt für Anleger

Nicht jeder leidet unter den explodierenden Preisen für Öltanker. Einige Marktteilnehmer konnten mit dem Anstieg der Tankerfracht erhebliche Gewinne erzielen. Gemeint sind dabei nicht nur Reedereien, sondern auch Anleger.

An der New York Stock Exchange wird seit mehr als drei Jahren ein börsengehandelter Fonds mit dem Namen Breakwave Tanker Shipping ETF gehandelt. Seine Wertentwicklung orientiert sich an Indizes für den Rohöltransport der Londoner Baltic Exchange.

Der Fonds mit dem Kürzel BWET ermöglicht Anlegern damit, auf die täglichen Preisbewegungen von Terminkontrakten für Tankerfracht zu setzen. Er bildet also genau den Markt ab, dessen Preise in den vergangenen Wochen und Monaten außergewöhnlich stark gestiegen sind.

Zwar ist der Kurs von BWET in den vergangenen Tagen dynamisch und deutlich gefallen. Wer jedoch Ende Juni zum richtigen Zeitpunkt eine Long-Position aufgebaut hatte, konnte zuvor zeitweise einen Gewinn von 580 Prozent erzielen.

Selbst nach den jüngsten Kursverlusten lag die Zwölfmonatsrendite des Fonds bei beeindruckenden 4.390 Prozent. Dagegen wirkt selbst die für einen ETF außergewöhnlich hohe Gesamtkostenquote von 3,50 Prozent vergleichsweise gering. Ein solches Kostenniveau verlangten noch vor nicht allzu langer Zeit einige polnische Investmentfonds für Aktien kleinerer Unternehmen an der Warschauer Börse.

Nach einem derart extremen Kursanstieg ist der Breakwave Tanker Shipping ETF allerdings vor allem ein Beispiel dafür, wie stark sich außergewöhnliche Verwerfungen im physischen Markt auf Finanzprodukte übertragen können. Ob die Frachtraten nach einem solchen Anstieg nochmals ähnlich stark zulegen können, ist offen. Anders als bei rein spekulativen digitalen Vermögenswerten basiert der Preis hier auf einer tatsächlich erbrachten Transportleistung und entsprechenden finanziellen Verpflichtungen.

Für viele europäische Privatanleger kommt noch eine regulatorische Einschränkung hinzu. ETFs aus den USA sind für Privatkunden in der Europäischen Union nicht ohne Weiteres handelbar, wenn die vorgeschriebenen europäischen Basisinformationsblätter fehlen.

Für Deutschland ist die Entwicklung deshalb weniger wegen dieses einzelnen ETF relevant als wegen der möglichen Folgen hoher Tankerfracht für die Energieversorgung. Steigende Transport-, Versicherungs- und Umleitungskosten können die Beschaffung von Rohöl und Ölprodukten auch für den europäischen Markt verteuern. Wie stark sich die aktuellen Rekordraten konkret auf deutsche Raffinerien, Kraftstoffpreise oder Verbraucher auswirken, lässt sich aus den vorliegenden Angaben jedoch nicht seriös beziffern. Entscheidend wird sein, wie lange die Einschränkungen auf den wichtigen Schifffahrtsrouten im Nahen Osten anhalten.

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Krzysztof Kolany

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Krzysztof Kolany ist Analyst bei Puls Biznesu und beschäftigt sich mit der Warschauer Börse ebenso wie mit den internationalen Finanzplätzen New York, London und Frankfurt. Puls Biznesu ist ein Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern. Seine Schwerpunkte liegen auf Edelmetallmärkten, Zentralbankpolitik, Aktien, Devisen und Rohstoffen. Für seine wirtschaftsjournalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem dreimal mit dem renommierten W.-Grabski-Preis der polnischen Nationalbank sowie als Heros des Kapitalmarkts 2016.

 
 
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