Finanzen

„Die alte Verbindung zwischen Wachstum und Inflation ist verschwunden“

Lesezeit: 3 min
05.05.2019 14:00
Dem Ökonomen Anatole Kaletsky zufolge können sich Aktieninvestoren noch einige Zeit in Sicherheit wiegen.
„Die alte Verbindung zwischen Wachstum und Inflation ist verschwunden“

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Angesichts dessen, dass die Wall Street Allzeithochs verzeichnet und die US-Wirtschaft im nächsten Monat einen neuen Rekord aufstellt, scheint die Verzweiflung der Finanzmärkte Ende letzten Jahres eine Ewigkeit her zu sein. Die Rezessionsängste konnten völlig entkräftet werden, und Investoren, die die Ende Januar hier geäußerte Ansicht geteilt haben, die Märkte gingen lediglich durch eine Phase irrationaler Angst, konnten sich über den besten Jahresbeginn seit 1998 freuen.

Zumindest rückblickend ist die Achterbahnfahrt des Marktes leicht zu erklären. Letztes Jahr waren die Investoren – verständlicherweise – über vier Risiken besorgt: eine zu enge US-Geldpolitik; die Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China; explodierende Ölpreise (auf 100 USD pro Barrel oder noch höher); und eine weitere Eurokrise, die durch die neuartige populistische Links-Rechts-Koalition in Italien hätte ausgelöst werden können. Bis zum Jahresende jedoch waren all diese Risiken abgeklungen: Die Fed verhielt sich zahm und machte eine Kehrtwendung, der US-chinesische Handelskrieg beruhigte sich, und der Haushaltszusammenstoß zwischen Italien und der Europäischen Kommission löste sich in einen ziemlich harmlosen Waffenstillstand auf.

Angesichts dieser Entwarnung war der Anstieg der Wertpapierpreise ab Januar verständlich und sogar vorhersagbar. Die Frage ist nun, ob diese Wende nur vorübergehend ist oder ob sich der Bullenmarkt fortsetzt.

Meiner Ansicht nach wird der Bullenmarkt, obwohl er bereits rekordverdächtig lang anhält, weitergehen. Auch das US-Wirtschaftswachstum wird, wenn es im Juni in sein elftes Jahr geht, historische Rekorde brechen. Dies liegt vor allem an der Verbindung sehr niedriger Inflation mit starker wirtschaftlicher Aktivität, die die Weltwirtschaft seit 2008 prägt. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass diese zu Ende gehen könnte.

Diese rosige Aussicht scheint zwei Konzepten zu widersprechen, die seit der Finanzkrise die ökonomischen Kommentare prägen: der „säkularen Stagnation“ und der „deflationären neuen Normalität“. Beide haben sich als irreführend und verwirrend erwiesen. Zumindest die „säkulare Stagnation“ ist als Beschreibung der weltweiten Wirtschaftsaktivität einfach falsch. Seit dem Ende der Rezession Mitte 2009 lag das globale Durchschnittswachstum bei jährlich 3,7% und damit sogar etwas höher als der Durchschnittswert der 30 Jahre vor 2008 von 3,6%. Und in diesem Jahrzehnt gab es kein einziges Jahr, in dem das globale Wachstum unter 3% gefallen ist.

Wie konnte dies geschehen, obwohl sich das Wachstum in Europa, den Vereinigten Staaten und China seit der Krise verlangsamt hat? Dafür gibt es eine einfache arithmetische Erklärung: China und die anderen Schwellenländer haben heute einen erheblich größeren Anteil an der Weltwirtschaft als in früheren Jahrzehnten. Ihre zunehmende Dominanz erzeugt einen Basiseffekt, der die Verlangsamung ihrer nationalen Wachstumsraten mehr als ausgleicht. Beispielsweise trug Chinas BIP-Wachstum von 6,5% im letzten Jahr – von einer Basis von 14 Billionen Dollar – doppelt so stark zur Zunahme der globalen Produktion bei wie im Jahr 2007, als die Wirtschaft des Landes von einer Basis von 3,5 Billionen Dollar aus um 14% wuchs.

Diese Berechnung ist nicht nur eine statistische Kuriosität. Das robuste und stetige BIP-Wachstum hat sich in wachsender globaler Nachfrage nach Rohstoffen, Energie sowie realen Produkten und Dienstleistungen widergespiegelt, die wiederum robuste und stetig wachsende Unternehmensgewinne zur Folge hatte. Andererseits ist das Konzept einer deflationären „neuen Normalität“ durchaus gültig, wenn wir nicht das Wirtschaftswachstum betrachten, sondern die Inflation. In den OECD-Ländern ging die durchschnittliche Inflation von 6,2% (in den 30 Jahren vor 2007) auf nur 1,9% (seit 2008) zurück.

An der Wall Street ist die Kombination aus mäßigem Wirtschaftswachstum und sehr niedriger Inflation allgemein als „Goldlöckchen-Szenario“ bekannt – nach dem Märchen über ein Mädchen, das seinen Brei „nicht zu heiß und nicht zu kalt“ haben will. Aber eine wichtige Eigenschaft dieser Goldlöckchen-Wirtschaft wird von Investoren, Ökonomen und sogar Zentralbankern häufig missverstanden: der offensichtliche Widerspruch zwischen hohen Aktienkursen, die eine starke wirtschaftliche Aktivität vorwegzunehmen scheinen, und fallenden Anleiheerträgen, die laut allgemeiner Ansicht eher eine globale Rezession oder säkulare Stagnation erwarten lassen.

Die meisten Ökonomen scheinen zu glauben, dass die Aktienmärkte überoptimistisch sind und falsch liegen, während die Anleihemärkte angeblich „zukünftige Probleme sehen“ und damit richtig liegen. Andere argumentieren genau umgekehrt. Was aber beiden Seiten entgeht, ist die Tatsache, dass in einer Welt dauerhaft moderaten Wachstums und dauerhaft niedriger Inflation scheinbar optimistische Aktienmärkte und scheinbar pessimistische Anleihenmärkte keinen Widerspruch darstellen. Rekordverdächtige Aktienkurse und niedrige Anleiheerträge weisen ganz einfach auf völlig verschiedene Themen hin.

Aktienkurse werden von der Aussicht auf reale wirtschaftliche Aktivitäten und die entsprechenden Unternehmensgewinne getrieben. Anleihenpreise hingegen hängen von den Inflationsaussichten und den daraus resultierenden Zinsen ab. In der Welt vor der Krise bedeutete starkes Wirtschaftswachstum fast unweigerlich auch höhere Inflation und damit auch höhere Zinsen. Aber während des letzten Jahrzehnts ist die Verbindung zwischen wirtschaftlicher Aktivität, Inflation und Geldpolitik, die noch in den 1980ern und 1990ern für selbstverständlich gehalten wurde, völlig zusammengebrochen. Das Vorkrisendogma, Inflation sei „immer und überall ein monetäres Phänomen“, hat sich als Unsinn herausgestellt – zumindest in den Industriestaaten, wo die Zentralbanken Geld ohne Ende gedruckt haben, ohne dass die Inflation darauf reagiert hat.

Dass die alten Verbindungen zwischen Wachstum und Inflation verschwunden sind, könnte an der Globalisierung, der Technologie, der Demografie, der Schwächung organisierter Arbeit oder anderen Gründen liegen. Aber was auch immer dafür verantwortlich sein mag, die Folgen für die Finanzmärkte sollten jetzt klar sein: Wird die Kombination aus stetigem Wachstum und niedriger Inflation nicht ernsthaft gestört, werden die Aktienkurse viel höher und die Anleihenerträge viel niedriger sein als das, was vor der Krise als normal betrachtet wurde. Früher oder später wird das glückliche Gleichgewicht aus robustem weltweiten Wachstum und niedriger Inflation zweifellos zerstört werden, wie es bereits durch US-Präsident Donald Trumps Handelskriege und Ölsanktionen im letzten Jahr beinahe geschehen wäre. Bis ein solcher Schock allerdings eintritt, können sich die Investoren ruhig zurücklehnen und ihren Brei genau so genießen, wie sie ihn gern hätten.

***

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Anatole Kaletsky ist führender Ökonom und Mitvorsitzender von Gavekal Dragonomics sowie der Verfasser von Capitalism 4.0, The Birth of a New Economy.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Neuer Preisschock voraus? USA werfen ihre strategische Ölreserve auf den Markt

In insgesamt vier unterirdische Salzkavernen in der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten lagern die strategischen Erdölreserven des...

DWN
Finanzen
Finanzen Credit Suisse: Kreditausfallversicherungen steigen sprunghaft an

Der neue Chef von Credit Suisse versucht, die Märkte zu beruhigen, nachdem die Kosten ihrer Kreditausfallversicherungen auf den höchsten...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Kampf um Gasvorkommen im Mittelmeer

Aufgrund der Energiekrise werden die Gasvorkommen im Mittelmeer wieder interessanter für Staaten als auch Unternehmen. Aktuell werden die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Zentrale Gefahren für die Fed und China

Es ist verführerisch, der US Federal Reserve ihre jüngste Kehrtwende im Kampf gegen die Inflation zugutezuhalten. Es ist gleichermaßen...

DWN
Finanzen
Finanzen Zollfreilager für Edelmetalle: Lohnt sich das für Privatanleger?

Mit der Lagerung im Zollfreilager sparen Privatanleger die Mehrwertsteuern auf die Weißmetalle Silber, Platin und Palladium. Ein guter...

DWN
Politik
Politik Die Vorbereitung auf den langen Krieg

Zwar sind einige Beobachter vorsichtig optimistisch, dass die Ukraine den Krieg bis zum Frühjahr gewinnen könnte. Aber Putins jüngste...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die nächste Energiekrise kündigt sich schon an

Europa steht sicherlich vor einem kalten Winter. Doch die wahre Energiekrise wird erst im nächsten Jahr beginnen, wenn die Speicher leer...

DWN
Technologie
Technologie Wirtschaftlicher Abschwung droht: Deutschland verschläft neue Technologien

Während Digitalisierung in Skandinavien fester Bestandteil im Alltag ist, verschläft Deutschland laut Digitalisierungsexperte Heiko...