Finanzen

Russland-Sanktionen bescheren dem deutschen Mittelstand Milliarden-Schäden

Das Handelsembargo, das die EU und die USA gegen Russland verhängt haben, ist ein riesiges Entwicklungshemmnis für die deutschen Investoren. Davon ist auch der deutsche Mittelstand betroffen. Die Stimmung unter den Managern ist sehr schlecht.
08.09.2019 17:48
Aktualisiert: 08.09.2019 17:57
Lesezeit: 3 min
Russland-Sanktionen bescheren dem deutschen Mittelstand Milliarden-Schäden
Unter den Russland-Sanktionen leidet eigentlich nur einer – nicht Russland. (Foto: dpa) Foto: Karl-Josef Hildenbrand

„Damit die Strafmaßnahmen aufgeweicht werden, muss sich Russland schon im Ukraine-Konflikt bewegen“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas. „Doch ist dies bisher nicht der Fall gewesen“, fügte das Regierungsmitglied hinzu. „Deswegen wird es auch schwierig werden, über die EU-Sanktionen zu reden“, so Maas.

Damit sieht es nicht danach aus, dass in der Frage in absehbarer Zeit eine spürbare Bewegung kommt. So hat die EU Ende Juni das Embargo bis Ende 31. Januar 2020 verlängert. Darüber hinaus können die deutschen Firmen von den US-Sanktionen in Mitleidenschaft gezogen werden, sollten sie sich beispielsweise an bestimmten Energieprojekten beteiligen oder mit russischen Firmen handeln, die sich auf einer Strafliste befinden.

Die Handelsbeschränkungen sind deswegen so ungünstig, weil nicht nur Russland darunter leidet, sondern auch die deutsche Wirtschaft, für die das Land mit seinen 140 Millionen Konsumenten ein wichtiger Absatzmarkt ist – und zwar insbesondere für Hochtechnologie. Darüber hinaus ist Russland ein relativ kostengünstiger Produktionsstandort. Ende 2018 agierten an dem Markt fast 4.500 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung.

Grundsätzlich hat sich die Lage etwas verbessert. So sind die Umsätze mit Russland im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozent wieder auf 61,8 Milliarden Euro gestiegen – den Sanktionen zum Trotz.

Doch ist die Belastung für die deutschen Unternehmen nach wie vor enorm groß – und zwar insbesondere für den deutschen Mittelstand, der eine wichtige Rolle beim deutsch-russischen Geschäftsaustausch spielt. Nach einer IHK-Umfrage kosten die US-Sanktionen deutsche Firmen mehrere Milliarden Euro.

„Allein die 141 Unternehmen, die sich an unserer Erhebung beteiligt haben, geben die Verluste auf entgangene Geschäfte auf 1,1 Milliarden Euro an“, sagte der Vorstandschef der Deutsch-Russischen AHK, Matthias Schepp. „Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Wirtschaft mit mehr als 4500 in Russland tätigen Unternehmen, sind das mehrere Milliarden Euro“, erklärte der Chef der Organisation, die über 900 Mitgliedsfirmen verfügt.

„Die deutsche Wirtschaft, darunter viele Hidden Champions des Mittelstandes, werden zur Zielscheibe immer neuer und willkürlicher US-Sanktionen, die offen wirtschaftliche Interessen der USA befördern sollen“, sagte AHK-Präsident Rainer Seele. „Solche Sanktionen sind kontraproduktiv, verfehlen ihren politischen Zweck, treiben einen Keil zwischen Amerika und Europa und schaden langfristig allen Parteien.“ Der AHK-Präsident fordert deshalb einen „möglichst raschen Einstieg in den Ausstieg wenigstens aus den Russland-Sanktionen der EU“.

Wie hoch der Schaden ist, den die Sanktionen verursachen, wird auch noch an einem anderen Fakt deutlich: So investieren die deutschen Unternehmen weiterhin ungebremst in Russland. Wie aus Zahlen der Deutschen Bundesbank hervorgeht, sind die Volumina nach den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein sattes Drittel auf 1,7 Milliarden Euro gestiegen. Im vergangenen Jahr betrugen die deutschen Investitionen 3,2 Milliarden Euro – sogar ein Rekordwert seit der Finanzkrise 2009.

Das bedeutet, dass die Investitionen sogar noch wesentlich größer sein könnten, wenn die Sanktionen die Aktivitäten der Deutschen nicht bremsen würden. Die Schäden, die im Milliarden-Euro-Bereich liegen, sind so groß, dass sie ein Drittel an den Gesamtinvestitionen des vergangenen Jahres ausmachen – ein riesiger Wert.

Insgesamt gibt es immer wieder deutsche Firmen, die weiter auf den russischen Standort setzen – beispielsweise der Hersteller von Aroma- und Duftstoffen, Symrise. Das Unternehmen wird in seinem Werk in Rogovo, das in der Nähe Moskaus liegt, künftig flüssige Aromastoffe für die lokale Milch-, Getränke und Süßwarenindustrie herstellen. Das Investitionsvolumen liegt bei 1,3 Millionen Euro. Das erklärte der Produzent im Juni – also im zweiten Quartal 2019.

Damit zeigten die deutschen Unternehmen, das sie weiterhin an Investitionen interessiert sind. Allerdings bleibt die Stimmung unter den Investoren insgesamt eingetrübt – die Sanktionen lassen folglich niemanden jubeln. Einer Konjunktur-Umfrage der AHK Russland vom Juni des laufenden Jahres zufolge beurteilen nur 27 Prozent das Geschäftsklima „leicht positiv“ oder „positiv“. Das waren fünf Prozentpunkte weniger als noch im Dezember 2018.

30 Prozent aller befragten deutschen Manager sehen eine negative Entwicklung in Russland. Da sich in der Frage der Sanktionen kaum etwas bewegt, dürfte sich an der Einstellung der deutschen Investoren künftig auch nur wenig ändern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreichs Wirtschaft: Fünf Warnsignale vor der Präsidentenwahl
26.09.2026

Frankreichs Wirtschaft kommt kaum noch vom Fleck, während der Schuldenberg weiter wächst und Anleger höhere Zinsen verlangen....

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis im Aufwärtsmodus: Während KI träumt, verdienen Ölkonzerne Milliarden
26.09.2026

Der Ölpreis steigt rasant und stellt die Weltwirtschaft vor unbequeme Fragen. Teure Energie kann Inflation anheizen, Wachstum bremsen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmenskultur: Was Firmen von Netflix wirklich lernen können
26.09.2026

Netflix gilt vielen Unternehmen als Vorbild für Freiheit, Verantwortung und weniger Bürokratie. Doch wer erfolgreiche Managementmodelle...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota Corolla Cross im Test: Der Hybrid, der an einen Diesel erinnert
26.09.2026

Der Toyota Corolla Cross verbindet Hybridtechnik mit viel Komfort und erstaunlich niedrigem Verbrauch. In der getesteten GR-Sport-Version...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo überrascht mit neuem Chef aus Deutschland: Eine große Chance für Volvo
26.09.2026

Der Verwaltungsrat von Volvo Cars überrascht erneut mit der Wahl eines Vorstandschefs, diesmal aber mit einem unerwartet starken Namen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kampf ums Wasser: Die wasserhungrigen Industrien
26.09.2026

Sechs Zentimeter am Rheinpegel Kaub, Lieferprobleme bei BASF, schwächelnde Wasserkraftwerke: Der Dürresommer 2026 macht endgültig klar,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Irans Feigenblatt sorgt für grüne Zahlen an der Wall Street
25.09.2026

Ein unerwarteter Wendepunkt im Nahen Osten sorgt für Bewegung an den Märkten – erfahren Sie, welche Aktien jetzt besonders profitieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO rückt näher, OpenAI bremst: Was passiert mit den Rekord-Börsengängen?
25.09.2026

Was ist über Zeitplan, Bewertungen und Forderungen nach einer langsameren KI-Entwicklung vor den angekündigten Börsengängen bekannt?