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Alice 2019: Die Flucht vor dem Wunderland auf den Weihnachtsmarkt

Millionen von Menschen stürmen die Weihnachtsmärkte. Doch was ausschaut wie ein saisonal bedingter Weihnachtsmarkt-Besuch, ist in Wirklichkeit eine Flucht vor Managern, die tausende Mitarbeiter kündigen, vor den Behörden, die alles kontrollieren, und vor einer globalisierten und technisierten Welt.
21.12.2019 12:33
Aktualisiert: 21.12.2019 12:33
Lesezeit: 5 min
Alice 2019: Die Flucht vor dem Wunderland auf den Weihnachtsmarkt
Ein kleiner radelnder Weihnachtsmann bewegt sich auf einem Seil über den Köpfen der Besucher auf dem Weihnachtsmarkt. (Foto: dpa)

Millionen stürmen in diesen Tagen weltweit die Weihnachtsmärkte. Tatsächlich: Sie stürmen, auf der Flucht vor einer technisierten, globalisierten, von zahllosen Behörden kontrollierten Welt. Auf der Flucht vor Managern, die tausende Mitarbeiter kündigen und selbst auf der Flucht in gigantische, meist erfolglose Fusionen sind. Doch kaum haben die Stürmenden das Tor zum Paradies durchschritten, kehrt Ruhe ein. Als würden die im Rund aufgestellten Holzhütten eine schützende Burg bilden, etwa wie einst die Planwagen der Einwanderer in den USA. Das plötzlich langsame Schlendern passt zum Angebot. Es gibt keine aufregenden Attraktionen, es findet kein Zirkus unter dem Motto „Alles dreht sich, alles bewegt sich“ statt. Auch wenn den Kindern ein Karussell geboten wird. Das langsame Genießen des Glühweins dominiert, die Becher werden mit altmodischen Fäustlingen warm gehalten. Was für ein Kontrast – der glitzernde Bogen am Eingang verheißt doch eine Zauberwelt wie sie Alice im Wunderland erlebt.

Die verkehrte Welt. Das Wunderland von gestern ist die Realität von heute

Doch Alice im Jahr 2019 fällt nicht in das Reich, das Lewis Carroll in seinem Märchen beschreibt. Im Gegenteil. Die Millionen, die die Weihnachtsmärkte genießen, kommen aus einer Welt, die erstaunlicherweise ziemlich genau dem vermeintlich absurden Wunderland des Märchens entspricht. Und es passt perfekt zu den Ideen des Philosophen und Mathematikers Lewis Carroll, dass heute die umgekehrte Geschichte stattfindet, dass Alice jetzt aus einem Wunderland flieht und einen Markt genießt, auf dem Technik verpönt ist. Hinter dem Spiegel entdeckt bei Lewis Carroll Alice die verkehrte Welt und nun ist sie noch einmal verkehrt. Verwirrend, wie immer in den Tiefen von Logik und Mathematik.

Das Buch ist über 150 Jahre alt und beginnt mit einem Bild, das nicht aktueller sein könnte:

  • Das weiße Kaninchen ist ständig in Eile, immer in Sorge zu spät zu sein, kennt aber nicht sein Ziel. Ganz offenkundig Burn-Out gefährdet.

Das Symbol der Entschleunigung: Die Uhr, die nur den Tag anzeigt

Im Dialog zwischen dem Hutmacher und Alice wird die ruhige Stimmung innerhalb der Weihnachtsmärkte vorweggenommen:

  • Bei einer Teerunde, an der Alice teilnimmt ohne eingeladen zu sein, entwickelt sich ein Dialog über die Zeit, der den Besuchern der Weihnachtsmärkte gefallen dürfte.

  • Der Hutmacher schaut auf eine Uhr, die nur den Tag anzeigt.

    • Alice kommentiert: „Was für eine komische Uhr, die zeigt ja nur den Tag an.“

    • Der Hutmacher: „Warum auch. Zeigt Deine das Jahr an?“

    • Alice: „Sicher nicht. Das ist, weil das Jahr so lange dauert.“

    • Der Hutmacher: „Genau das ist der Fall bei meiner Uhr.“

  • Und weiter im Text: Alice sagt, dass sie Musik lernt und den Takt in der Zeit einhalten muss. Der Hutmacher erklärt Alice, dass man mit der Zeit reden muss. Dann kommen verblüffende Phänomene zustande, dann wird aus neun Uhr früh plötzlich Mittag.

Der Spiegel oder die Tyrannei des Bildschirms

Doch zurück zur Welt, aus der die Besucher der Christkindl-, Striezel- und sonstigen Märkte zu Weihnachten fliehen.

  • Vor dem „Spiegel“, hinter dem sich eine irgendwie vertraute, aber doch verkehrte Welt öffnet, sitzen Millionen Tag für Tag stundenlang. Als ob Carroll schon die Tyrannei des Bildschirms vorhergesehen hätte.

  • Und was erlebt Alice vor einem Schlüsselloch: Das Loch ist zu groß für den gefundenen Schlüssel, dann findet sie eine Türe, bei der der Schlüssel passt, doch Alice ist zu groß für die Türe. Eine Flüssigkeit hilft ihr kleiner zu werden, sie lässt aber den Schlüssel liegen und ist nun zu klein um ihn wieder zu holen. Mit einem Stück plötzlich verfügbaren Kuchens wird sie riesengroß, zu groß und stolpert in neue Schwierigkeiten.

  • Weiß jemand eine bessere Darstellung für den Umgang mit einem Computer, der nicht funktioniert, mit einem Programm, das Fehler hat, mit einer Anlage, die gehackt wurde, einem Drucker, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt?

Ein Computerspiel bietet mehr Aufregung als ein Weihnachtsmarkt

Und wie sieht die reale Welt außerhalb der weihnachtlichen Schutzburgen aus Holzhütten aus:

  • Alles muss perfekt funktionieren, möglichst ohne Zutun des Menschen. Jetzt soll noch der letzte Ort verloren gehen, an dem man die eigene Macht wenigstens scheinbar demonstrieren kann – der Volant eines Autos. Selbstfahrende Fahrzeuge kündigen sich an.

  • Auffallend: Auf Weihnachtsmärkten findet man kaum noch eine Spieldose. Doktor Coppelius mit seiner Coppelia hätte es schwer, Zuschauer zu begeistern. Obwohl die Begeisterung für Antikes unter dem Schlagwort „Vintage“ groß ist.

  • Alles wird kontrolliert und jede Verletzung der Millionen Vorschriften wird geahndet.

  • Einen sicheren Arbeitsplatz gibt es nicht mehr. Selbst früher unkündbare Positionen sind heute gefährdet. Die Angst vor einem Leben ohne Wohlstand greift um sich.

  • Früher konnte man Kinder mit einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in eine andere Welt entführen. Heute bietet jedes Computerspiel mehr Aufregung und Abwechslung.

    • Noch ein Wort zu Lewis Carroll. Das zweite Buch nach „Alice’s Adventures in Wonderland“ mit dem Titel „Through the looking glass“ folgt dem Prinzip eines Schachspiels und Alice muss, wie heute ein Kind am Computer, einen Schachzug nach dem anderen überwinden, um Königin zu werden.

Die Flucht vor der Sachlichkeit in die Romantik ist nicht neu

Das Phänomen einer Flucht in eine romantische Zauberwelt als Reaktion auf die Dominanz der Sachlichkeit, der Analyse und des Bemühens um Lösung der Probleme ist nicht neu. Historisch kann man diesen Wechsel an mehreren Beispielen aufzeigen. Besonders deutlich ist wohl der Widerspruch zwischen der im 18. Jahrhundert dominierenden Aufklärung und der im 19. Jahrhundert bestimmenden Romantik. Im 18. Jahrhundert wurde mit den Autoren Voltaire, Locke, Diderot und Montesquieu die Grundlagen für den modernen Verfassungsstaat und die Demokratie des 20. Jahrhunderts gelegt, die Vernunft, die Ratio bildete die entscheidende Grundlage des Denkens. In der Literatur des 19. Jahrhunderts dominierte hingegen das Gefühl, die Mystik, die Suche nach einer Weltharmonie. Novalis prägte das Bild von der „blauen Blume“, aus der im Traum seines Helden das Porträt der geliebten Frau leuchtet.

Die aktuelle Bewegung gegen die perfekte Organisation und Technisierung der Welt treibt die Menschen nicht nur in die Weihnachtsmärkte. Die Konsequenzen zeigen sich in vielen Bereichen und nicht zufällig werben die Stände auf den Märkten mit grünen Botschaften. An einem Stand werden Seifen und Salben angeboten, die nur Naturprodukte enthalten, an einem anderen wird betont, dass die Leckerbissen garantiert vegan sind. Die Mützen und Schals und Socken werden nur aus Wolle hergestellt, möglichst von Bäuerinnen in langen Winternächten. Hier dominiert die heile Welt der Grünbewegung. Abgelehnt wird die Moderne, bestehend aus Digitalisierung, Globalisierung und einem ständigen Wandel, der alle zwingt, ständig umzulernen.

Romantik überlässt machtbewussten, gänzlich unromantischen Herrschern die Entscheidungen, die das Leben prägen.

Somit hat der Erfolg der Weihnachtsmärkte durchaus eine politische Dimension. Die liebenswürdigen und bezaubernden Plätze haben auch eine andere Seite. Wo der Glühwein ein wohliges Gefühl der Abwesenheit von dieser Welt vermittelt, wo die Lebkuchen und Brezen die Burgers vergessen lassen, wo handgemachte Ketten und glitzernde Kugeln für Freude sorgen, schlummert eine Gefahr: Hier wird der Eindruck erweckt, man müsse die Realität nicht annehmen, sich den Herausforderungen nicht stellen. Und da ist wieder auf den Gegensatz von Aufklärung und Romantik zu verweisen.

Die Aufklärung hat zwar 1789 zur Französischen Revolution gegen die absolute Herrschaft von Monarchen geführt, endete aber in einem Blutbad, gefolgt von den Napoleonischen Kriegen und der Widerherstellung der „alten Ordnung“, also der Unterdrückung der Menschen nach 1815. Es hat bis 1945, also 140 Jahre gedauert, bis sich die Demokratie und der liberale Verfassungsstaat durchsetzen konnten. 140 Jahre, in denen Krisen und Kriege dominierten. Auch das viel zitierte Revolutionsjahr 1848 hat keine entscheidende, nachhaltige Korrektur gebracht. Gefehlt hat in dieser Zeit eine dominierende literarische Richtung, die sich für die Vernunft und die positive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen eingesetzt hätte. Man pflegte vorwiegend alte Sagen und arrangierte sich mit den wieder erstarkten Herrschern. Und diese entschieden, gänzlich unromantisch über das Leben der Menschen.

Heute flieht man in die Weihnachtsmärkte. Und glaubt, den Klimawandel zu beherrschen, indem man die Kinder am Freitag Schule schwänzen lässt. Gegenüber der Macht benimmt man sich als Untertan, wie der blinde Gehorsam bei der Umsetzung der zahllosen, unsinnigen Vorschriften beweist. Die vielen Besucher der Christkindl-Märkte mögen die Leckereien genießen, den singenden Kindern applaudieren und sich an den tiefsinnigen, vom Glühwein beflügelten Gesprächen erfreuen, aber sie sollten beachten, dass die Zukunft nicht mit Romantik zu gewinnen ist.

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                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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