Politik

Deutschland ist ein Vasall der USA - und will es bleiben

DWN-Gastautor Bernd Brümmel hat eine klare Meinung zum Verhältnis Deutschland - USA: Amerika will unbedingt weiterhin die einzige Weltmacht sein, und tut deshalb alles, um einer deutsch-russischen Kooperation Steine in den Weg zu legen. Die Bundesrepublik verhält sich in dieser Situation wie ein Vasall der Vereinigten Staaten, ohne auch nur im Geringsten ihre eigenen Interessen zu verfolgen.
01.03.2020 11:00
Lesezeit: 3 min
Deutschland ist ein Vasall der USA - und will es bleiben
"Kleiner" und "großer" Bruder: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD/, l) darf bei seinem amerikanischen Amtskollegen Mike Pompeo in Washington vorsprechen. (Foto: dpa)

Wir befinden uns in einer Übergangsphase von einer uni- zu einer multipolaren Welt. Dies ist eine Entwicklung, der deutsche Außenpolitiker und Diplomaten unbedingt Rechnung tragen sollten. Stattdessen jedoch hoffen sie – genauso wie viele Angehörige der deutschen Eliten - durch eine Fortsetzung der einseitigen Anbindung an den „großen Bruder“ jenseits des Atlantiks den Zustand der amerikanischen Vorherrschaft aufrechtzuerhalten und zu zementieren. Sie übersehen jedoch, dass dies nicht möglich auch - auch nicht mit noch so hohen Tributzahlungen. Denn Tatsache ist: Die Machtachsen auf dem Globus haben sich verschoben. Das heißt: Wenn Deutschland und die EU eine Zukunft haben wollen, müssen sie sich aus ihrem Vasallenstatus gegenüber den USA befreien.

Neulich habe ich eine Veranstaltung einer großen parteinahen Stiftung in Berlin besucht, auf der die Frage diskutiert wurde, ob die Volksrepublik China und die Russische Föderation nun eine Allianz eingehen und damit die Vormachtstellung des „Westens" herausfordern würden. Auf dem Podium saßen vier Vertreter des transatlantischen Lagers – ein Chinese oder Russe waren nicht dabei. Man war sich einig, dass man zusammenhalten und „unsere Werte" gegenüber dem Expansionsdrang totalitärer Regime verteidigen müsse.

Ich habe mich gefragt: Was für Werte sind das eigentlich? Schließlich sind da die Verseuchung Südserbiens und des Kosovos mit Uran-Munition (die Krebsraten sind dort teilweise um 400 Prozent gestiegen); diverse, oft blutige Regime-Change- Operationen (allen voran die in der Ukraine); Terroranschläge unter falscher Flagge; Drohnen-Morde, wobei zahlreiche zivile Opfer als Kollateralschäden miteinkalkuliert waren; mörderische Wirtschafts-Sanktionen mit eingepreistem Hungertod; sowie mehrere illegale Angriffskriege. Und nur kurze Zeit, bevor die Veranstaltung in Berlin stattfand, wurde der iranische General Soleimani, der sich auf einer diplomatischen Mission befand, ermordet, und drohte darüber hinaus US-Präsident Donald Trump mit einer gezielten Zerstörung von iranischen Kulturgütern. Es ist nur zu offensichtlich: Es geht überhaupt nicht um Werte, es geht um Macht. Konkret, um die Macht der USA, welche die alleinige Weltmacht bleiben möchten. Da finde ich es sehr erstaunlich, dass die Diskutanten nicht rot im Gesicht wurden, als sie wieder einmal die „westlichen Werte" bemühten. Sie gingen sogar soweit, darüber zu sinnieren, ob es nicht angebracht sei, ein deutsches Kriegsschiff ins chinesische Meer zu entsenden, „um die Amerikaner zu entlasten".

Möglicherweise konnte der Amerikaner auf dem Podium sein Glück kaum fassen ob der Bereitschaft seiner deutschen Gesprächspartner, die Hacken zusammenzuschlagen – trotz der erst kürzlich verhängten Sanktionen gegen Nord Stream 2. Sollten die Verantwortlichen in Deutschland allerdings glauben, sich bei den USA durch vorauseilenden Gehorsam lieb Kind machen zu können, und sollten sie davon ausgehen, dass nach einer vermeintlichen Abwahl von Donald Trump die Dinge wieder ins Lot kommen, so wäre dies ein gefährlicher Irrtum.

Gerade die Sanktionen gegen Nord Stream 2, die mit großer Mehrheit im US-Repräsentantenhaus auf den Weg gebracht wurden, zeigen nämlich, dass für die USA die Interessen ihrer Vasallen keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Machtposition zu festigen. Wir hier in Deutschland sollten uns darüber im Klaren sein, dass es bei der angestrebten Verhinderung von Nord Stream 2 nicht nur darum geht, amerikanisches Schiefergas (LED) mit Unterstützung der deutschen Steuerzahler nach Deutschland zu verkaufen, sondern vor allem auch darum, aus geopolitischen Gründen eine engere wirtschaftliche Verzahnung Russlands mit der EU zu verhindern.

Eine solche Verzahnung wäre im Interesse des Friedens und des Ausgleichs jedoch wünschenswert. Der feindseligen Politik Deutschlands gegenüber der Russischen Föderation mag eine Fehleinschätzung zugrunde liegen. Schon öfter habe ich aus dem Munde von Politikern gehört, Russland erwirtschafte ein Bruttosozialprodukt, das in etwa dem von Spanien entspreche, und täte deshalb gut daran, sich dem Willen des „Westens" zu beugen. Doch obgleich das russische BIP nach der letzten Rubelabwertung 2014 nominal gesunken war, liegt die Russische Föderation, was die Kaufkraftparität anbelangt, weltweit derzeit auf dem fünften Platz, knapp hinter Deutschland. Russland dürfte unser Land, dessen Deindustrialisierung gerade an Fahrt aufnimmt, bald überholen. Russland baut auch Raketen und Flugzeuge, verfügt über immense Bodenschätze und könnte sich im Notfall selbst ernähren. Dank seiner geografischen Lage ist es außerdem in der Lage, eine Brückenfunktion zwischen der Volksrepublik China und der EU einzunehmen. Der französische Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand soll anlässlich der von Napoleon veranlassten Hinrichtung des Herzogs von Enghien gesagt haben: „Es war schlimmer als ein Verbrechen. Es war ein Fehler." In Anlehnung daran ließe sich sagen: Die deutsche Russlandpolitik ist nicht nur schäbig. Sie ist auch dämlich.

Das soll nicht heißen, dass man Russland gegenüber unkritisch sein und Fehlentwicklungen nicht ansprechen sollte. Doch die Ukraine-Krise einseitig Russland anzulasten und den Beitrag der westlichen Länder, angefangen von der Ostexpansion der Nato bis hin zum Putsch in der Ukraine, vollkommen auszublenden, ist absurd. Was wir dringend brauchen, ist eine Sicherheitsarchitektur für ganz Europa, unter Einbeziehung Russlands. Denn wenn es Deutschland und der EU nicht gelingt, eine eigenständige Position einzunehmen und sich für den Frieden einzusetzen, werden wir zu einem Aufmarschgebiet der Nato degradiert und demnächst womöglich als Bauernopfer amerikanischer Strippenzieher pulverisiert werden.

Es ist höchste Zeit, uns dies einzugestehen, und aus diesem Eingeständnis heraus geeignete Handlungsoptionen zu entwickeln.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Spritpreise in Europa: Bekommt das Elektroauto neuen Rückenwind?
01.04.2026

Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise rücken Elektroautos und den europäischen Automarkt erneut in den Fokus wirtschaftlicher Debatten....

DWN
Politik
Politik Geht uns der Sprit aus? Deutsche Top-Ökonomin plädiert für Verzicht auf Autofahrten
01.04.2026

Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer sollten Verbraucher und Wirtschaft mit Verzicht auf knapperes Öl reagieren:...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz steigender Steuereinnahmen: Kommunen mit Rekordausgaben von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg spitzt sich zu: Erwägt Trump einen Rückzug?
01.04.2026

Die Zustimmungswerte von Präsident Donald Trump sind so niedrig wie seit Beginn seiner zweiten Amtszeit nicht mehr. Das wirkt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Prognose Wirtschaftsinstitute für 2026: Iran-Krieg halbiert Wachstum und treibt Inflation
01.04.2026

Höhere Spritpreise, höhere Inflation: Ifo und DIW sprechen von einem Energiepreisschock - ausgelöst durch den Iran-Krieg. Sie erwarten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmer Wolfgang Grupp: Was die Biografie über den Ex-Trigema-Chef verrät
01.04.2026

Wolfgang Grupp spricht in einer Biografie offen über Machtkämpfe in der Familie und den Kampf gegen die Altersdepression. Was das neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Bauprojekte im Belastungstest: Wie Investoren und Projektentwickler Verzögerungen und Mehrkosten aktiv vermeiden
01.04.2026

Viele Bauprojekte geraten schleichend unter Termin- und Kostendruck, obwohl Controlling und Statusberichte zunächst Stabilität...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stimmungsökonomie in Krisenzeiten: Emotionen prägen zunehmend Konsum
01.04.2026

Nostalgie als Stabilitätsanker: In Krisenzeiten suchen Menschen nach kleinen Glücksmomenten, Vertrautem und Wohlbefinden. Die...