Politik

Kommentar: Kremlchef Putin und die Corona-Krise

In der Corona-Krise zeigt sich Kremlchef Putin als Helfer fürs Ausland. In Russland delegiert er den Kampf an andere. Der sonst so souveräne Präsident ist vergleichsweise wenig präsent. Dabei macht das Land die schwersten Zeiten seit 30 Jahren durch, schreibt der Journalist Ulf Mauder.
06.04.2020 13:23
Lesezeit: 3 min
Kommentar: Kremlchef Putin und die Corona-Krise
Russlands Präsident Putin. (Foto: dpa) Foto: Alexey Druginyn

Von Ulf Mauder, dpa

Russlands Machtzentrum Moskau gleicht in diesen Tagen des verzweifelten Kampfes gegen das Coronavirus einer Geisterstadt. Die Straßen sind leer, Luxusboutiquen der schillernden Millionenmetropole geschlossen. Museen, Theater, Stadien zu. Kremlchef Wladimir Putin ordnete arbeitsfrei bei vollem Lohn bis Ende April an. Er selbst lenkt in seiner Vorstadtresidenz Nowo-Ogarjowo die Geschicke der Atommacht. Die Hauptstädter aber sind zu Hausarrest verdonnert. Selbstisolation heißt das offiziell – und ist wie eine Gegenwelt dessen, was das Staatsfernsehen zeigt: der wie ein Kriegseinsatz inszenierte Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Reporter berichten, wie hier Desinfektionssprays, dort Schutzmasken und –anzüge produziert werden. Eine Großküche kocht Menüs für Krankenhausärzte. Es entstehen neue Krankenhäuser. Die Botschaft lautet: Russland ist gerüstet und geeint, um das Virus zu besiegen.

Tatsächlich erlebt das flächenmäßig größte Land der Erde bisher einen eher glimpflichen Verlauf der Corona-Krise. Am Montag waren es nach offiziellen Angaben mehr als 6.000 Infizierte – und knapp 50 Todesfälle wegen der Lungenkrankheit Covid-19.

Dann Bilderwechsel in den Hauptnachrichten im Ersten Kanal des Staatsfernsehens: Chaos und Tod durch das Virus im Ausland - vor allem in den USA. Wohl auch deshalb zeigte sich Putin großzügig und schickte Flugzeuge nach Italien, Serbien und in die USA – mit medizinischen Hilfsmitteln, Ausrüstung und teils auch Personal. Es sind diese Bilder, die in sozialen Netzwerken für Unmut sorgen, weil viele Russen sich auch selbst Hilfe wünschen.

Schon ein Einkauf auf dem berühmten Moskauer Kutusowski Prospekt in der Nähe des Regierungssitzes zeigt: keine Apotheke kann Schutzmasken anbieten – oder wirksame Desinfektionsmittel. In einem Lebensmittelladen der Kette Magnolia sitzt eine Kassiererin ohne Maske oder sonstigen Schutz. «Fragen Sie doch mal die Direktion», sagt sie auf die Frage, ob sie nicht besser geschützt sein sollte im Kontakt mit den vielen Kunden. Ein Handgel hat sie sich selbst gekauft – bei einem Monatslohn von wenigen hundert Euro.

Wenn russische Medien kritisch berichten, dann drohen harte Strafen, weil Behörden sie wegen «Falschnachrichten» verfolgen können. «Dabei lügen Machthaber ständig», sagte Oppositionspolitiker Alexej Nawalny am Montag im Radiosender Echo Moskwy. Das Gesundheitssystem sei kaputt gespart worden in Putins Jahren an der Macht. Für die Propaganda in den Staatsmedien mit ihren «Fakes» seien Millionen da, die einfachen Bürger hätten das Nachsehen, kritisierte er.

Der Kremlchef hält sich schadlos in der Krise, wie Politologen meinen. Arbeit und schlechte Nachrichten delegiert Putin an Regierung und Gouverneure. In der schlimmsten Krise seit 30 Jahren trete Putin kaum in Erscheinung - abgesehen von zwei kurzen Fernseh-Ansprachen, bei denen er weder Trost noch Mitgefühl zeigte, wie die Denkfabrik Moskauer Carnegie Center bemerkte.

Viele Menschen fragten sich inzwischen, warum sie Putin nun per Verfassungsänderung ewig an der Macht halten sollten, wenn er nichts unternehme, um dem Volk in der schweren Zeit zu helfen. Der für das Überleben des Landes wichtige Ölpreis ist im Keller, der Rubel gegenüber den Leitwährungen Euro und Dollar auf Talfahrt. Nach 20 Jahren an der Macht wird 2020 zu Putins Schicksalsjahr.

«Für das Putin-System ist die schwerste Zeit seit seinem Bestehen gekommen», sagte Carnegie-Expertin Tatjana Stanowaja. «In kritischen Situationen werden vom Präsidenten Präsenz und Entschlossenheit erwartet.» Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron machten das vor. «Distanz dagegen sieht wie Schwäche und Verlorenheit aus.» Der ganze Staatsapparat wirke orientierungslos. «Nach 20 Jahren igelt sich das Putin-System nun ein und isoliert sich von der Gesellschaft – wie von einem ansteckenden Virus.»

Auch der Politologe Alexander Kynew sieht schwere Fehler Putins. Es drohe eine Destabilisierung des ganzen Systems - und ein Scheitern seiner Pläne. Putin hatte wegen der Corona-Krise die Volksabstimmung über die größte Verfassungsänderung der Geschichte verschoben. Kynew ist überzeugt, dass die darin versprochenen sozialen Wohltaten nicht kommen. Das Volk werde der Änderung des Grundgesetzes wohl nicht zustimmen. In sozialen Netzwerken nimmt die Kritik an Putins Politik täglich zu.

Nicht nur in Moskau sind Spaziergänge oder Sport an der frischen Luft unter Strafandrohung verboten. Polizisten nahmen dieser Tage einen Mann fest, der vor seiner Wohnung seinen Hund ausführte. Sie stießen ihn mit Gewalt in einen Wagen. Der Hund blieb allein zurück, wie auf einem Video zu sehen war. Dabei hatte die Stadtregierung das Gassigehen eigentlich erlaubt. Seit Tagen meldet die Stadt immer wieder Verstöße gegen die Selbstisolation. Und viele Moskauer stellen sich darauf ein, dass die wegen ihrer Willkür berüchtigten Behörden die Geldbußen nun als ein neues Zusatzeinkommen entdecken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie: DAX-Wert bricht nach Quartalszahlen ein – Cloud-Bestand enttäuscht
29.01.2026

Die SAP-Aktie gerät nach den neuesten Quartalszahlen erneut kräftig unter Druck. Zwar zeigt das Cloudgeschäft weiter Wachstum, doch ein...

DWN
Panorama
Panorama Demografische Herausforderung: Deutschlands Bevölkerung schrumpft
29.01.2026

Deutschlands Bevölkerung steht vor einer neuen demografischen Herausforderung: Erstmals seit Jahren reicht die Zuwanderung nicht mehr aus,...

DWN
Finanzen
Finanzen Secunet-Aktie: SDAX-Wert überrascht mit kräftigem Wachstum
29.01.2026

Die Secunet-Aktie rückt nach starken Zahlen wieder in den Fokus der Börse. Umsatz, Gewinn und Auftragseingang entwickeln sich dynamisch,...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Bank-Aktie: DAX-Wert 2025 mit Gewinn auf Rekordniveau
29.01.2026

Die Deutsche Bank-Aktie sorgt mit einem Rekordgewinn für Aufmerksamkeit an den Märkten. Doch während starke Zahlen und eine solide...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell auf Rekordkurs: Neues Goldpreis-Rekordhoch über 5.500 Dollar – was treibt die Rally an?
29.01.2026

Der Goldpreis jagt von einem Rekord zum nächsten, das ist nichts Neues. Seit Monaten geht es aufwärts und in den vergangenen Tagen hat...

DWN
Technologie
Technologie Frauen entscheiden sich häufiger für MINT-Studium
29.01.2026

Immer mehr Frauen starten ein Studium in technischen, mathematischen oder naturwissenschaftlichen Fächern. Doch in einschlägigen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäischer Automarkt: E-Autos und Hybride prägen den Strukturwandel
29.01.2026

Der europäische Automobilmarkt verschiebt sich strukturell hin zu neuen Antriebsformen. Welche Folgen hat der wachsende Anteil von E-Autos...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Ergebnisse der Tech-Giganten: Meta plant KI-Investitionen von bis zu 135 Milliarden Dollar
28.01.2026

Die Technologiegiganten Meta, Microsoft und Tesla übertrafen die Erwartungen der Analysten, insbesondere im Hinblick auf den Wettlauf um...