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"Krieg der Sterne", Teil zwei: Aufstieg einer neuen Supermacht im All

Lesezeit: 8 min
22.11.2020 09:59  Aktualisiert: 22.11.2020 09:59
DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph hat Patrick O´Keeffe interviewt. Der studierte Raumfahrt-Ingenieur, ehemalige Marine-Pilot und renommierte Sicherheits-Forscher ist Experte für die militärische Nutzung des Alls und liefert Einblicke, die faszinierend, in hohem Maße aber auch alarmierend sind.
Wer sich die militärische Dominanz im Weltall sichert, wird die Erde beherrschen. (Foto: dpa)
Foto: Hu Xujie

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wir würden von Ihnen gerne erfahren, wie weit Chinas Weltraumforschung gediehen ist und ob die Volksrepublik den Weltraum möglicherweise bereits dominiert. Aber bevor wir dazu kommen: Können Sie uns mit ein paar einleitenden Worten erläutern, was sich sozusagen über unseren Köpfen derzeit abspielt?

Patrick O´Keeffe: Derzeit befinden sich im All rund 2.500 Satelliten, die funktionstüchtig sind, das heißt, es besteht eine aktive Funkverbindung zwischen ihnen und einer Station auf der Erde, von der aus sie sich bedienen lassen. Darüber hinaus gibt es dort oben mehr als 3.000 Satelliten, die inaktiv sind und als Weltraumschrott klassifiziert werden können. Weiterhin etwa 29.000 Trümmerteile, teilweise von Raketen und Satelliten, die größer als zehn Zentimeter sind und 670.000 Teile, die zwischen ein und zehn Zentimeter groß sind. Und schließlich 170 Millionen Teile, die kleiner als ein Zentimeter sind.

Alles, was größer als ein Meter ist, kann man von der Erde aus einigermaßen lokalisieren. Die Anzahl der kleineren Teile beruhen auf Schätzungen, unter anderem der Europäischen Weltraumorganisation (ESA).

Alle diese Objekte sind zwischen circa 300 bis 36.000 Kilometer von der Erde entfernt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie uns einen kurzen historischen Abriss der Weltraumnutzung geben?

Patrick O´Keeffe: Alles begann in der zweiten Hälfte der 1950er Jahren, als die beiden damaligen Supermächte USA und Sowjetunion im Rahmen ihres „Wettlaufs ums All“ die ersten Satelliten in den Weltraum brachten. Das Ganze diente ausschließlich militärischen Zwecken – schließlich war damals der Kalte Krieg in vollem Gange. Auch die Gründung der NASA im Jahr 1958 war primär militärisch begründet, wenn es sich auch offiziell um eine zivile Behörde handelte. Dieser militärische Fokus dominierte bis in die 70er Jahre, als man sich schließlich der Möglichkeiten einer zivilwirtschaftlichen Nutzung bewusst wurde. Das führte unter anderem zur Gründung der „Europäischen Weltraumorganisation“ (ESA) im Jahr 1975 als zentrale Koordinierungsstelle für Raumfahrtanwendungen der Mitgliedsstaaten.

Aber natürlich ging auch die militärische Nutzung weiter. Ein Höhepunkt war die in den 80er Jahren vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ins Leben gerufene „Strategische Verteidigungsinitiative“ (die später als „Nationale Raketenabwehr weiterverfolgt wurde) zur Abwehr von Interkontinental-Raketen, die auch eine ganze Reihe von Fantasie-Projekten beinhaltete, die technisch überhaupt nicht durchführbar waren, weswegen auch von „Star Wars“ gesprochen wurde. Beispielsweise existieren bis heute – zumindest offiziell – keine Satelliten, die andere Satelliten abschießen können. Vorstellbar ist allenfalls, dass man einen Satelliten mit einer Sprengladung versieht, damit er in einer Art Kamikaze-Mission einen feindlichen Satelliten ausschaltet, oder dass man feindliche Satelliten mit kleinen Objekten beschießt, um sie durch die kinetische Wirkung auszuschalten – eine Metallkugel mit einem Durchmesser von einem Zentimeter kann dafür schon ausreichen. Wobei die Trefferwahrscheinlichkeit sehr gering wäre.

Tatsache ist auf jeden Fall, dass die Verteidigung des Weltraums aufgrund seiner Bedeutung für sowohl das Militär als auch die Zivilwirtschaft seit einigen Jahren wieder verstärkt ins Blickfeld rückt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Womit wir bei unserem eigentlichen Thema sind: China. Von 1945 bis Ende der 80er Jahre war das internationale System geprägt von Bipolarität – der Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion. Anschließend herrschte – darüber kann man streiten – Uni- oder Multipolarität. Mittlerweile deutet alle darauf hin, dass es wieder zu einer bipolaren Ordnung kommt: Auf der einen Seite der Westen, mit den USA als militärisch potentestem Akteur, auf der anderen Seite China.

Wie würden Sie die chinesischen Weltraum-Aktivitäten beurteilen?

Patrick O´Keeffe: Dafür möchte ich 20 Jahre zurückgehen, zur Expo 2000 in Hannover. Die Chinesen stellten an ihrem Pavillon doch tatsächlich Mondflug- und Marsflug-Szenarien vor. Raketenstarts führten sie in dem Jahr gerade mal fünf an der Zahl durch, die USA dagegen 28, Russland sogar 35. Mit anderen Worten: Chinas Ambitionen wirkten eher unrealistisch und waren alles andere als einschüchternd.

Im Jahr 2016 sah das schon ganz anders aus: Die USA und China kamen auf jeweils 22 Starts (darauf folgten Russland mit 19; Europa – wo keine nationalen, sondern nur gemeinsame Starts erfolgen – mit neun; Indien mit sieben; Japan mit vier sowie Israel und Nordkorea mit je einem Start). Das heißt: China hat vor vier Jahren mit den Vereinigten Staaten gleichgezogen. Und mittlerweile hat es Amerika überholt: Heute sendet kein anderes Land so viele Raketen ins All, wie das Reich der Mitte.

Was, wie ich betonen möchte, kein Zufall war, kein Zufall ist: Im Gegenteil, dahinter steckte und steckt eine Strategie.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie diese erläutern?

Patrick O´Keeffe: China hat erkannt, dass Weltraum-Dominanz eine Schlüsselrolle bei der Erlangung militärischer Dominanz darstellt, und darüber hinaus auch gewaltige wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt. Wobei mit dem Begriff „China“ nicht zuletzt auch die höchste Führungsebene gemeint ist: Staats- und Partei-Chef Xi Jinping hat sich immer dafür ausgesprochen, dem Weltall höchste Priorität einzuräumen.

Wie gesagt, die Volksrepublik geht strategisch vor. Das fängt damit an, dass sie gewaltige Summen investiert und dabei bereit ist, Risiken einzugehen. Das heißt, sie finanziert auch Projekte, die sich möglicherweise nicht materialisieren.

Weiterhin holt sie sich die besten Köpfe. Wenn junge amerikanische oder europäische Ingenieur bei der NASA oder der ESA ein Dissertations-Projekt durchführen möchten, müssen sie viele bürokratische Hindernisse überwinden. In China dagegen werden Wissenschaftler im Raumfahrt-Bereich mit offenen Armen empfangen. Sie bekommen häufig ein ordentliches Salär und finden hervorragende Forschungsbedingungen vor. Nach ein paar Jahren gehen sie wieder nach Hause und lassen die Ergebnisse ihrer Forschung sowie sehr viel von ihrem Wissen im Reich der Mitte zurück. Wobei ich betonen möchte, dass die Zeiten, in denen die Chinesen vom Westen abhängig waren, beispielsweise einfach nur von westlichen Organisationen wie der ESA kopierten, vorbei sind – die chinesischen Wissenschaftler betreiben selbst sehr hochwertige Forschung. Dass China natürlich internationales Wissen akquiriert, steht auf einem anderen Blatt: Junge chinesische Doktorranden, die an einer westlichen Universität sehr viele Fragen stellen, tun das nicht immer nur aus wissenschaftlichem Interesse.

Ein Schachzug Pekings ist besonders bemerkenswert. In Wien befindet sich das „Büro für Weltraum-Angelegenheiten“ der Vereinten Nationen (UNOOSA), mit dem eine staatliche chinesische Institution, die „China Manned Space Agency“ (CMSA), eine direkte Partnerschaft eingegangen ist. Das ist völkerrechtlich merkwürdig – es einfach unüblich, dass staatliche Institutionen über ihren Status als Mitgliedsland hinaus individuelle Verträge mit einer UN-Einrichtung schließen. Aber aus chinesischer Sicht ist es in höchster Weise clever. So ein Abkommen fällt ja auch kaum jemandem auf, weil es sich bei dem UNOOSA um eine vergleichsweise kleine Einrichtung handelt – eine vertraglich geregelte Zusammenarbeit zwischen einer chinesischen staatlichen Einrichtung und der „Internationalen Seeschifffahrts-Organisation“ oder der „Internationalen Zivilluftfahrtorganisation“ würde für mehr Aufsehen sorgen.

Last but not least möchte ich auf die Verbindung der Weltraum-Strategie von China und seinem mit Abstand größtem Projekt, der Neuen Seidenstraße, hinweisen. Die Volksrepublik schickt für seine Partnerländer – wenn man sie denn so nennen will – Satelliten ins All, zum Beispiel Wettersatelliten oder Erdbeobachtungssatelliten, die unter anderem in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen. Das tut sie selbstverständlich nicht aus altruistischen Motiven, im Gegenteil: Für die Bereitstellung ihrer Technik sichert sie sich den Abschluss günstiger Handelsverträge oder die Nutzung von Infrastruktureinrichtungen, zum Beispiel von – militärisch und/oder ökonomisch – wichtigen Häfen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie sprachen von „militärischer Dominanz“, die China erreichen möchte. Wie potent sind die Streitkräfte der Volksrepublik?

Patrick O´Keeffe: Noch nicht so stark, dass sie in einer größeren kriegerischen Auseinandersetzung mit den USA bestehen würden. Aber so ein Szenario ist bis auf Weiteres auch sehr unwahrscheinlich. Wenn es zu einem Waffengang zwischen den beiden Supermächten kommen sollte, dann zu einem lokal begrenzten, zeitlich befristeten. Er würde sich im Südchinesische Meer abspielen oder in dessen Nähe.

Basierend auf unseren Recherchen gehen wir davon aus, dass auf diesem Schauplatz mittlerweile Parität besteht. China hat 2015 begonnen, dort künstliche Inseln aufzuschütten – die stellen ein wichtiges Faustpfand dar. Dazu kommt, dass die Volksrepublik ihre maritimen und fliegerischen Fähigkeiten enorm ausgebaut hat. Und der Umstand, dass sie mittlerweile in einigen, teilweise sehr speziellen Bereichen die Weltraum-Hoheit reklamieren kann, stellt ein weiteres enorm wichtiges Asset dar.

Diese veränderten Gegebenheiten haben dazu geführt, dass sich US-Flugzeugträger der bei weitem nicht mehr so souverän in der Region bewegen wie noch vor ein paar Jahren. Damals konnte die Navy noch relativ eigenständig die Entscheidung treffen, einen Träger durch Chinas „Vorgarten“ pflügen zu lassen – heute kommt der dafür notwendige Befehl von ganz oben im Pentagon.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Lage in Südost-Asien hybrider geworden ist, unübersichtlicher. Dass China tatsächlich eine große Offensive startet gegen Länder in seinem unmittelbaren Einflussbereich, halte ich für wenig realistisch – allein der politische Preis dafür wäre viel zu hoch.

Aber das Reich der Mitte schreckt vor keinem politischen Schlagabtausch zurück, destabilisiert die Region mit seinem Säbelrasseln, schüchtert Staaten und andere Akteure ein, weicht ihm nicht genehme Partnerschaften unter Einsatz von Zuckerbrot und Peitsche auf. Es ist sehr gut darin, Abhängigkeiten zu schaffen – in afrikanischen Ländern errichtet es Infrastrukturprojekte; den Konzernen westlicher Staaten öffnet es (zu seinen Bedingungen) seine Märkte, von denen sich die Unternehmen dann nur noch schwer lösen können. Wenn man sich all dies vor Augen führt, ist es schwer verständlich, mit welcher Selbstverständlichkeit wir mit China einen solch intensiven Handel treiben, ohne die politischen Implikationen zu bedenken.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Aus Ihren Ausführungen geht hervor, dass sich die europäischen Staaten China gegenüber allgemein zu unterwürfig verhalten und speziell, was den Weltraum anbelangt, kaum etwas entgegensetzen. Wird letzteres so bleiben?

Patrick O´Keeffe: Noch vor rund fünf Jahren war es in Deutschland sehr schwer und in internationalen Kreisen, zum Beispiel der UNOOSA, nahezu undenkbar, das Thema Weltraum-Sicherheit überhaupt anzusprechen. Das hat sich glücklicherweise – zumindest auf nationaler und teilweise auch multi-nationalen Ebenen - geändert: Jetzt sind wir in Deutschland immerhin bereit, darüber nachzudenken, ob wir zumindest über die Fähigkeiten verfügen sollten, eigenständige Objekte ins All zu schießen – mal abgesehen davon, ob wir es dann auch wirklich tun.

China tatsächlich etwas entgegenzusetzten, wird sehr schwer. Tatsache ist, dass im Westen die Weltraumtechnik der allgemeinen Technik stets um circa zehn Jahre hinterherhinkt, was nicht zuletzt mit dem hohen Maß an Bürokratie zu tun hat. Es handelt sich eben meist um staatliche Projekte, bei denen es darüber hinaus um sehr viel Geld geht.

Zudem macht der Westen den Fehler, sich weiterhin auf „große“ Weltraumtechnologie zu fokussieren – da wird dann beispielsweise ein gewaltiger 2 bis 4-Tonnen-Satellit ins All geschickt, der natürlich sehr viel Geld kostet. Dabei befassen sich die moderne Wissenschaft und die moderne Technologie vor allem damit, Objekte zu verkleinern, bestes Beispiel sind Computer-Chips. Die Chinesen folgen dann auch diesem Trend und entwickeln kleinere Satelliten im Bereich von einigen Hundert Kilo. Wenn der nach, sagen wir mal, drei bis fünf Jahren, nicht mehr funktioniert, wird ein neuer entwickelt und mit der neuesten Technologie ausgestattet. Unser Riesen-Satellit fliegt dagegen weiter durchs All – obwohl er eigentlich antiquiert ist.

So ein kleiner Satellit bewegt sich in einer Höhe von lediglich ein paar hundert Kilometern. Dahin geht auch der internationale Trend, beziehungsweise sollte er gehen: Weltraum-Objekte in den Niedrig-Orbit zu schießen. Letzteres machen die Chinesen, unterstützt durch eine vielfältige Familie von verschiedenen Raketensystemen - wir Europäer dagegen fokussieren uns mit der „Ariane 6“ auf höhere Umlaufbahnen. Das heißt, wir entwickeln völlig am Markt vorbei.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr O´Keeffe, vielen Dank für dieses Gespräch.

Info zur Person: Patrick O’Keeffe ist Non-Resident Fellow am „Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel“ (ISPK) in der Abteilung „Strategische Entwicklung in Asien-Pazifik“ und hat als Forschungsschwerpunkt die Entwicklung der chinesischen Streitkräfte und Weltraumfähigkeiten. Als ehemaliger Offizier studierte er Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in München, war mehrere Jahre als Pilot im fliegerischen Dienst der Deutschen Marine tätig und unterstützt als Reservist das NATO-„Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters“ (COE CSW). Dieses Interview wurde vor seiner Verwendung als Referent für Weltraumpolitik im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) geführt.


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