Wirtschaft

Umfrage zu den staatlichen Corona-Hilfen: Im Mittelstand rumort es gewaltig

Eine Umfrage unter mittelständischen Unternehmen zu den Corona-Hilfen der Bundesregierung zeigt ein sehr durchwachsenes Bild. In vielen Fällen kommt die Unterstützung nicht an.
06.12.2020 15:51
Lesezeit: 2 min
Umfrage zu den staatlichen Corona-Hilfen: Im Mittelstand rumort es gewaltig
Bundeswirtschaftsminister Altmaier (vorne) und Bundesfinanzminister Scholz. (Foto: dpa) Foto: Markus Schreiber

Unbürokratisch und unkompliziert sollen die Wirtschaftshilfen der Bundesregierung in der Coronavirus-Krise sein - sind sie nach Einschätzung vieler Mittelständler aber nicht. Nur 3,7 Prozent geben in einer Umfrage von rund 1200 antwortenden Unternehmen an, die November-Hilfen als unbürokratisch und unkompliziert zu empfinden. 18,4 Prozent sagen das Gegenteil. Knapp 78 Prozent haben die Mittel noch nicht beantragt.

„Die versprochenen Corona-Hilfen kommen bisher bei den meisten mittelständischen Unternehmen nicht an“, sagte Markus Jerger vom Mittelstandsverband BVMW, der die Umfrage bei seinen Mitgliedsunternehmen durchführen ließ. Ähnlich sieht das der Verband der Familienunternehmer: Präsident Reinhold von Eben-Worlée verweist auf Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD), die schnelle Auszahlungen versprochen hätten. „Das Gegenteil war und ist der Fall.“

Vom Teil-Shutdown im November betroffene Unternehmen sollen drei Viertel ihres Vorjahresumsatzes ersetzt bekommen - so das großzügige Versprechen der Regierung. Das dürfte den Bund rund 15 Milliarden Euro kosten. Doch Anträge waren erst ab Ende November möglich - und ausgezahlt wird zunächst nur eine kleine Abschlagszahlung von 10.000 Euro je Unternehmen. Zu spät und zu wenig lautet die Kritik seit Wochen. Altmaier prüft deswegen jetzt höhere Abschlagszahlungen für den Dezember.

Die FDP bemängelte, dass zuvor bereits die Überbrückungshilfen für Unternehmen - also Fixkostenzuschüsse - kaum abgeschlossen seien. Auch hier klagen viele Verbände über zu hohe Hürden bei der Antragsstellung. „Als FDP haben wir vorgeschlagen, schnelle Liquiditätshilfen direkt über das Finanzamt auszuzahlen und dazu eine großzügige Erweiterung der Verlustverrechnung einzuführen“, sagte Bundestags-Fraktionsvize Christian Dürr. Damit könnten Firmen Verluste in der Corona-Krise stärker als bisher mit Gewinnen aus der Vergangenheit verrechnen.

Das wünscht sich auch Altmaier: „Ich setze mich für eine Ausweitung ein und hoffe auf einen Sinneswandel in der Adventszeit“, sagte er der Wirtschaftswoche, verwies aber auf die Ablehnung des Koalitionspartners SPD. Finanzminister Scholz zufolge gibt es bereits großzügige Regelungen, von denen 99,5 Prozent der Firmen profitieren.

Laut Wirtschaftsministeriums wurden bislang für die November-Hilfen mehr als 102.000 Anträge gestellt - in etwa 30 Prozent von Selbstständigen, der Rest von Unternehmen. Bei knapp 75 Prozent der Anträge von Firmen wurden Abschlagszahlungen schon veranlasst, so das Wirtschaftsministerium.

Die Corona-Politik spaltet insgesamt den Mittelstand. 4,7 Prozent der Betriebe halten sie für sehr gut, 22,9 Prozent für gut. Gut 30 Prozent geben eine befriedigende Note. 19,2 Prozent der Mittelständler halten sie für schlecht, 22,9 Prozent sogar für sehr schlecht. „Die Bundesregierung wäre gut beraten, den Mittelstand seiner Bedeutung entsprechend stärker und rechtzeitig in die Arbeit des Corona-Kabinetts einzubinden“, sagte Jerger der Nachrichtenagentur Reuters.

Von den Zwangsschließungen im November sind der Umfrage zufolge 12,3 Prozent der Mittelständler direkt betroffen, weitere 19,8 Prozent indirekt. Mehr als zwei Drittel sind nicht betroffen von den Maßnahmen, die bereits bis zum 10. Januar verlängert wurden.

Die Bundesregierung teilte am Freitag zudem mit, auch im neuen Jahr Zahlungsausfälle im Handel mit einem 30 Milliarden Euro schweren Schutzschirm abzusichern. Finanz- und Wirtschaftsministerium einigten sich mit den großen Warenkreditversicherern darauf, dass der Staat den Löwenanteil der drohenden Ausfallrisiken noch bis Ende Juni 2021 übernimmt. Die Politik will damit verhindern, dass die Versicherer in der Krise die Deckung für angeschlagene Firmen verweigern oder kürzen, um absehbare Schäden zu vermeiden. Die Kreditversicherung schützt Lieferanten davor, dass Kunden die Rechnung nicht zahlen können oder wollen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Politik
Politik Handwerkerbonus wird gekappt: Bis zu 300 Euro weniger – Fiskus profitiert
04.10.2026

Mehr Geld im Portemonnaie – das verspricht die Einkommensteuerreform 2027. Beim Handwerkerbonus passiert das Gegenteil: Statt 1.200 Euro...

DWN
Finanzen
Finanzen 800 Milliarden Dollar für KI: Was passiert mit der Börse, wenn das größte Technologierennen langsamer wird?
04.10.2026

Die größten US-Techkonzerne investieren in diesem Jahr fast 800 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur...

DWN
Politik
Politik „Auf dünnem Eis“: Weltenergie-Chef warnt, drei neue Schocks könnten Europas Preise in die Höhe treiben
04.10.2026

Europa könnte vor einem schwierigen Winter stehen. Nach Einschätzung von IEA-Chef Fatih Birol laufen gleich drei Faktoren aus, die die...

DWN
Panorama
Panorama Sie bezahlte ein Croissant mit Karte und tippte ihre PIN ins Trinkgeldfeld
04.10.2026

Ein gewöhnlicher Einkauf in einer Bäckerei am Bahnhof von Winterthur endete für eine Seniorin mit einer Abbuchung von rund 1.707 Euro....

DWN
Politik
Politik Bundesregierung sucht Erfolgsgeschichten: Klingbeils schwierige Mission
04.10.2026

Lars Klingbeil will zeigen, dass die milliardenschweren Investitionen der Bundesregierung inzwischen auf Baustellen oder in der Forschung...

DWN
Panorama
Panorama In Polen wächst die Zahl der Ultrareichen weltweit am schnellsten. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
04.10.2026

In keinem anderen untersuchten Land ist die Zahl der Ultrareichen zuletzt so stark gestiegen wie in Polen. Dahinter stehen ein stärkerer...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Geleakter Prospekt enthüllt die Milliardenrisiken hinter Claude
03.10.2026

Anthropic gilt als einer der heißesten Kandidaten für den nächsten großen KI-Börsengang. Doch ein geleakter Prospekt zeigt, welchen...

DWN
Panorama
Panorama Notstromversorgung: Warum ein Generator im Ernstfall nicht reicht
03.10.2026

Ein Stromausfall von wenigen Minuten ist lästig. Dauert er mehrere Tage, kann er für Unternehmen existenzbedrohend werden. Erfahrungen...